Dr. Jan Burzlaff
Eines Morgens im Sommer 1942 kamen zwei Männer in Zivil in eine Wohnung im südfranzösischen Grasse. Das ältere Ehepaar solle sich fertigmachen — etwas Wäsche, eine Decke, nicht viel — und zur Polizeistation mitkommen. Dort warteten die Lastwagen bereits. Doch dann kam ein Arzt, erklärte den Polizisten, der Mann sei schwer krank, die Frau zuckerleidend, und setzte durch, dass beide ins Hospital gebracht wurden. Die Frau, die diese Szene erlebte, hieß J. Moda. Zwölf Jahre nach Kriegsende hielt die Wiener Holocaust Library ihre Erinnerungen in London fest. Frau Moda schildert in den Aufzeichnungen den Moment ohne Kommentar, fast ohne Pause. Es ist einer der frühesten Berichte dieser Art, entstanden lange bevor solche Erinnerungen systematisch gesammelt wurden.
Die Sprache, die wir seit Jahrzehnten für die Kriegsjahre kennen, ist eindeutig, ordnet sie doch sauber ein: Täter, Opfer, Retter. Doch Frau Moda vermerkt fast beiläufig, dass der Arzt, der sie in diesem Moment rettete, der Leiter der „französischen Gestapo“ in Grasse gewesen sei. Was für Frau Moda zählte, war das Ergebnis: Sie lebten, einen Tag, eine Woche, einen Monat länger. Wir lesen es trotzdem falsch. Denn wir suchen nach Überzeugungen, wo oft keine waren — und verlieren dabei die Gewissheit, dass es immer allein Werte sind, die menschliches Verhalten steuern.
Unsere Erinnerungskultur hat diese Frage bis heute nicht beantwortet: Wer waren eigentlich die Helfer, die niemand als „gerecht“ kannte? Frau Modas Bericht zeigt: Diejenigen, die in ihrem Fall halfen, handelten nicht immer aus Überzeugung. Wer verfolgt, rettet manchmal. Und wer rettet, tut es aus Gründen, die mit Moral oft wenig zu tun haben. Oder weil man sich, Schritt für Schritt, in eine Situation manövriert, aus der es kein Zurück mehr gibt.
Ihr Vermögen, ihre Sprache, ihre Papiere — nichts davon hatte Bestand, als der Krieg die Modas am 10. Mai 1940 in Brüssel erreichte. Wie acht Millionen andere floh das jüdische Ehepaar, das schon 1933 Köln verlassen hatte, gen Süden. Sie wurden in Lourdes verhaftet, waren dann zeitweise in Marseille gestrandet, wo ein amerikanisches Visum unerreichbar blieb und Herr Moda schwer erkrankte. Im Lager Gurs, in das Frau Moda gebracht wurde, teilten 60 Frauen „einen einzigen Salatkopf“. Sie kam nur frei, weil sie dem Chefarzt erklärte, anderenfalls wäre Frankreich für ihren Tod verantwortlich. Nicht Mitleid hatte ihn bewogen, sondern Sorge vor Haftung.
Grasse war die letzte Station in einer Kette, die niemand geplant hatte. Dort kamen die besagten zwei Männer in Zivil und brachten die Modas zur Polizeistation. Die Lastwagen dort warteten nicht nur auf sie. Zwischen 1942 und 1944 rollten sie mit 3612 Menschen aus dem Département Alpes-Maritimes ab, darunter über 400 Kinder.





