Die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs hat die soziale und politische Landschaft Europas tiefgreifend verändert. Das Deutsche Reich unter Hitler brachte in dieser Zeit ein europäisches Land nach dem anderen unter seine Herrschaft. Die Rolle, die diese annektierten oder eroberten Länder spielten, war jedoch sehr unterschiedlich: „Österreich wurde annektiert und beim „Anschluss“ in das Deutsche Reich eingegliedert, das Vichy-Regime in Frankreich etablierte eine kollaborierende Verwaltung, während Ungarn den Achsenmächten als Verbündeter beitrat“, erklären Fiona Kazarovytska von der Universität Mainz und ihre Kollegen.
Auch das Ausmaß der Kollaboration unterschied sich: In Ländern wie Frankreich, Belgien oder den Niederlanden unterstützten die Regierungen und Behörden den Massenmord vor allem bürokratisch, beispielsweise durch Adresslisten jüdischer Einwohner oder antisemitische Verordnungen. In Osteuropa spielten Bevölkerung, Polizei und Militär oft eine aktivere Rolle bei der Vernichtung jüdischer Gemeinden und nahmen auch an Massenmorden teil.

Verzerrtes Bild
Doch wie sieht die heutige Bevölkerung Europas die Rolle ihrer Heimatländer in der NS-Zeit? Das haben Kazarovytska und ihre Kollegen nun untersucht. Sie führten dafür eine Online-Befragung mit 5474 Personen aus acht europäischen Ländern durch. Repräsentativ für West- und Mitteleuropa standen Menschen aus Belgien, Frankreich, den Niederlande und Österreich. In Osteuropa wurden Litauen, Polen, die Ukraine und Ungarn ausgewählt. Die befragten Personen sollten auf einer Skala von 1 bis 7 angeben, wie sehr sie bestimmten Aussagen zustimmen – beispielsweise: “Die Menschen in meinem Land wurden verfolgt, weil sie Widerstand geleistet haben” oder “Die Bevölkerung hatte keine andere Wahl, als mit den Nazis zu kooperieren.” Ziel war es herauszufinden, wie die Menschen subjektiv auf die Rolle ihrer eigenen Bevölkerung während der NS-Zeit zurückblicken.
Die Auswertungen ergaben: Wenn es um die Rolle der eigenen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung geht, sehen sich viele Menschen in Europa heute als Opfer – oder als Helden. “Trotz historischer Unterschiede zeigt sich in allen Ländern ein bemerkenswert ähnliches Bild”, erklärt Kazarovytska. “Die Menschen tendieren dazu, ihre eigene Bevölkerung als ‘Opfer-Helden’ wahrzunehmen – also als solche, die unter den Nazis gelitten und zugleich mutig Widerstand geleistet haben.” Auch die Vorstellung, dass man aus Angst oder unter Zwang mit dem NS-Regime kollaborierte, ist weit verbreitet. Diese subjektive Einschätzung widerspricht klar den historischen Tatsachen. Denn es ist historisch belegt, dass in vielen Ländern Regierungen oder Teile der Bevölkerung willig und aktiv mit den deutschen Besatzern zusammenarbeiteten.





