Am 17. März 1803 erschien im bayerischen Kloster Tegernsee der kurfürstliche Kommissär Puck; er erklärte dem Abt Rottenkolber, das Kloster sei auf Grund landesherrlicher Verfügung aufgehoben, und forderte den Schlüssel zu den Räumen der Abtei. Die Bitte um eine Abschrift der Verordnung wurde von Puck als “Widerspänstigkeit” abgelehnt, gleichzeitig dem Abt unterstellt, er habe Wertgegenstände versteckt oder weggeschafft; danach setzte sich der Beamte in den Besitz der Abtei. Das Ende des Klosters war damit besiegelt.
Tegernsee war nicht irgendein Kloster. Die im 8. Jahrhundert, also vor über 1000 Jahren, gegründete Benediktinerabtei war eines der bedeutendsten Klöster Bayerns gewesen: Im Frühmittelalter, als es das gesamte Tegernseer Gebiet, heute eine beliebte Touristenregion, rodete und organisierte, in der Renaissance, als es zu den aktivsten geistigen Zentren gehörte, nach dem Dreißigjährigen Krieg, als man Kirche und Kloster im Geist des Barock neu erstrahlen ließ. 42 Mönche gehörten dem Kloster 1803 an, kein einziger war zum Austritt bereit. Stets war Tegernsee auch von den Landesfürsten gefördert worden. Wie kann man erklären, daß dies nun alles vorbei war und der Kurfürst selbst das berühmte Kloster aufhob?
Voraussetzung dafür war eine Änderung der geistigen Einstellung. Das Mittelalter und noch das 16. Jahrhundert waren, trotz der Reformationsstreitigkeiten, grundlegend religiös geprägt gewesen; gab es Schwierigkeiten mit Klöstern, kam es wohl auch zu Auflösungen, aber das Ziel war immer ihre Erneuerung nach dem ursprünglichen Ideal. Nach dem Dreißigjährigen Krieg aber, der die Religionsparteien erschöpft auseinandergehen ließ, änderte sich die Lage schnell. Die intellektuellen Meinungsführer, bald auch die Politiker und das wirtschaftende Bürgertum, wandten sich neuen Zielen zu: dem rationalen Aufbau der Staaten, der Förderung von Handel und Gewerbe, den weltlichen Wissenschaften – Religion, Kirche und Klöster waren nun deutlich nachgeordnet. Demgegenüber verblieben die geistlichen Herrschaften und die Klöster im traditionellen System. Da aber seit dem Dreiígjährigen Krieg auch diese, besonders die großen Prälatenklöster, ihren Einfluß ausbauen konnten, entstanden grundsätzliche Spannungen zwischen beiden Systemen, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, als die kirchenferne, teilweise sogar christentumsfeindliche Aufklärung von Frankreich aus die Geister ergriff, kaum noch ausgleichbar waren. Für radikale Aufklärer erschienen Kirchenherrschaft und Klöster zuletzt als mittelalterlicher Unsinn und galten nur noch als ein Trick mönchischer Dunkelmänner, sich Reichtum und Macht zu erhalten. Als der bayerische Aufklärer Pezzl 1784 einen Reisebericht veröffentlichte, sagte er über die Äbte Oberbayerns, auch den von Tegernsee: “Diese Kapuzen-Monarchen üben in ihrem Erdkreis eine Allgewalt aus und geben sich eine Autorität, die manchen Lama in Tibet beschämt…O Menschenverstand des Mittelalters”!
Wenn die Aufklärer grundsätzlich dem geistlichen Wesen kritisch bis feindlich gegenüberstanden, so differenzierte sich das natürlich nach dessen konkreter Erscheinung. Geistliche Herrschaft, das waren zuerst die Territorien und Rechte, die im Mittelalter einzelnen Bischofssitzen und Klöstern zugewachsen waren; jetzt stellten sie oft große und reiche Fürstbistümer (“Hochstifte”) und reichsunmittelbare Klöster (“Reichabteien”) dar. Daß solche Gebilde, die es übrigens nur im Deutschen Reich gab, nicht mehr in die Zeit paßten, war weithin, auch bei Gegnern der Aufklärung, allgemeine Überzeugung – sie fielen denn auch als erste den Folgen von Napoleons Siegen zum Opfer (Reichsdeputationshauptschluß 1803). Die Fürstbistümer Freising, Augsburg, Bamberg etwa und, um bei Bayern zu bleiben, die Reichsabteien Ottobeuren, Kempten und das Stift Berchtesgaden wurden damals ihrer reichsunmittelbaren Herrschaft beraubt.





