Am 17. Oktober 1973 beschloss die „Organization of Arab Petroleum Exporting Countries“ (OAPEC), die Ölfördermenge in ihren Mitgliedsstaaten um zunächst fünf Prozent zu drosseln. An die USA und die Niederlande sollte gar kein Öl mehr geliefert werden. Bis Dezember sank die Fördermenge der OAPEC um 25 Prozent. Und die Rohölpreise schossen in die Höhe.
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von FELIX MELCHING
Mit dem Jahr 1973 wird in der kollektiven Erinnerung oft der Anblick leerer Autobahnen verbunden. Angesichts der turbulenten Entwicklung auf dem Ölmarkt hatte Kanzler Willy Brandt auf Grundlage des eilig beschlossenen „Energiesicherungsgesetzes“ die „autofreien Sonntage“ angeordnet. Was nur wenige wissen: Auch in der jüngsten, am 23. Juni 2023 in Kraft getretenen Novelle des Gesetzes blieb die Möglichkeit erhalten, dass in einem Fall, in dem „die Energieversorgung unmittelbar gefährdet oder gestört und die Gefährdung oder Störung der Energieversorgung durch marktgerechte Maßnahmen nicht, nicht rechtzeitig oder nur mit unverhältnismäßigen Mitteln zu beheben ist … die Benutzung von Motorfahrzeugen aller Art … eingeschränkt werden [kann]“ (EnSiG, Kap. 1). Kurz: Die Anordnung von autofreien Sonntagen oder zeitweiligen Tempolimits wäre im Fall einer Gefährdung der Energieversorgung auch heute jederzeit möglich. Rückblickend war allerdings die Versorgung Westdeutschlands mit Kraftstoff auch 1973 zu keinem Zeitpunkt akut gefährdet: Der einzige unmittelbare Effekt der autofreien Sonntage war die Produktion eindrucksvoller Bilder – und entsprechender Erinnerungen.
Wie konnte es zu der globalen Zuspitzung auf dem Energiemarkt, die inzwischen allgemein als „Ölkrise von 1973“ bekannt ist, kommen? Anlass dafür, dass sich die OAPEC – sie wird oft mit der OPEC verwechselt, verfolgt aber im Gegensatz zu dieser statt wirtschaftlicher Interessen überwiegend politische Ziele – dazu entschloss, die Fördermengen zu senken, war der Verlauf des Jom-Kippur-Kriegs. Am 3. Oktober 1973 hatten syrische und ägyptische Truppen einen Überraschungsangriff auf Israel gestartet. Doch nach anfänglichen Erfolgen hatte sich das Kriegsglück rasch zu ihren Ungunsten gewendet. Die israelische Armee rückte auf Damaskus und Kairo vor, und die eingekesselte 3. ägyptische Armee stand vor einer vernichtenden Niederlage.
Möglich geworden waren die israelischen Erfolge durch die Unterstützung der USA. Nach kurzem Zögern hatte Präsident Richard Nixon (1969 –1974) die Operation „Nickel Grass“ zur Aufstockung der sich leerenden israelischen Waffenkammern mit frischer Munition, Panzern, Artillerie und Flugzeugen angeordnet. Angesichts der bevorstehenden militärischen Niederlage beschlossen die OAPEC-Staaten, zur „Ölwaffe“ zu greifen. Sie begründeten diesen Entschluss damit, „dass die USA die vornehmliche und wichtigste Quelle israelischer Macht sind, aus der die gegenwärtige israelische Arroganz resultiert und welche die Israelis befähigt, unsere Territorien weiterhin zu besetzen“. Verlangt wurden der Rückzug Israels aus den 1967 im Sechstagekrieg eroberten Gebieten und neue Verhandlungen über den Status Jerusalems.
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Erreicht wurden diese Ziele nicht. Zwar erklärte die OAPEC das Embargo im März 1974 unter anderem deshalb für beendet, weil es gelungen sei, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Situation der Palästinenser zu lenken. Eine grundlegende Wende in der Nahostpolitik der Industrienationen wurde jedoch nicht erreicht. Es blieb bei recht vagen Absichtserklärungen – etwa einem elegant formulierten, aber wenig konkreten Aufruf der Außenminister der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dass die „legitimen Rechte der Palästinenser“ bei einem Friedensplan Beachtung finden müssten. Dafür eroberte die Energiepolitik einen Spitzenplatz auf der Agenda der meisten westlichen Staaten. Denn dass Öl überhaupt zu einer politischen Waffe hatte werden können, lag daran, dass sich das Machtgefüge auf dem Ölmarkt in den Jahren zuvor erkennbar verschoben hatte – weg von den multinationalen Ölkonzernen und hin zu den Förderstaaten.
Als 1945 der Zweite Weltkrieg endete, waren die USA die unangefochtene Nummer eins in Sachen Ölproduktion. Mit Abstand folgten Venezuela und die Sowjetunion auf den Plätzen zwei und drei. Doch die gewaltige Nachfrage nach dem „Schwarzen Gold“, die der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit in den USA, Westeuropa und Japan auslöste, vermochten die USA nicht zu decken. Im Gegenteil: Bald waren sie selbst gezwungen, Öl zu importieren – eine Entwicklung, die schon Präsident Dwight D. Eisenhower (1953 –1961) mit Sorge sah. Um eine Energieabhängigkeit zu vermeiden, verfügte er 1959 die Einführung von Importquoten. Nicht mehr als 12,2 Prozent des in den USA verbrauchten Öls durften importiert werden.
Japan und Westeuropa war eine solche Schutzmaßnahme mangels eigener Förderstätten nicht möglich. Ihr wachsender Ölbedarf wurde aus den Quellen im Mittleren Osten bedient, der sich seit den 1950er Jahren zu einer der wichtigsten Förderregionen entwickelte. Förderung und Erschließung lagen in den Händen lokaler Konsortien großer multinationaler Konzerne, der sogenannten Seven Sisters. In Saudi-Arabien war dies zum Beispiel die „Arabian-American Oil Company“ (ARAMCO), im Irak die „Iraq Petroleum Company“ (IPC), in Kuwait die „Kuwait Oil Company“ (KOC).
Staat und Konzerne erhielten jeweils rund 50 Prozent der Gewinne. Zwar versuchten einige Förderländer bald, eine größere Kontrolle über das in ihrem Land agierende Konsortium zu gewinnen oder sich zumindest einen größeren Teil der Gewinne zu sichern, doch scheiterten diese Versuche meist an politischen Rivalitäten. Als etwa der Irak 1965/66 die staatlichen Einnahmen erhöhen wollte, indem er die Hafengebühren für Öltanker heraufsetzte, zeigten sich seine Nachbarländer keineswegs solidarisch, sondern nutzten die Gelegenheit, um ihre Fördermengen zu erhöhen und zusätzliche Gewinne abzuschöpfen.
Die schier unerschöpflichen arabischen Ölreserven ermöglichten in den 1950er und 1960er Jahren eine Phase niedriger Rohölpreise, in der selbst die stark wachsende Nachfrage gedeckt werden konnte. Das günstige, leicht zu transportierende und vielseitig einsetzbare Öl verdrängte auch zunehmend andere Energieträger vom Markt: Die Kohleindustrie überlebte nur dort, wo hohe Subventionen dies ermöglichten. Um 1970 kam es jedoch zu einer Wende auf dem Ölmarkt, der sich von einem Käufer- zu einem Verkäufermarkt wandelte. In den USA zog die Nachfrage derartig stark an, dass Präsident Nixon das Importquotensystem erst lockerte, 1973 dann ganz aufgab.
Noch wichtiger war jedoch eine andere Entwicklung. Bereits im Jahr 1960 hatten sich der Irak, der Iran, Saudi-Arabien, Kuwait und Venezuela zur OPEC zusammengeschlossen (Organization of Petroleum Exporting Countries), um gemeinsam ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. Bald stießen weitere Länder hinzu, doch zunächst gelang es den beteiligten Staaten nicht, gemeinsam aufzutreten und zu handeln. Immer wieder verfolgten einzelne Mitgliedsländer eigene Interessen, die denen der anderen zuwiderliefen. Erst im Dezember 1970 wurde auf einer Sitzung in Caracas ein gemeinsames Programm beschlossen. Die OPEC verlangte von den Ölmultis ein größeres Stück vom Kuchen.
Die „Seven Sisters“ entschieden ihrerseits, sich gütlich mit der OPEC zu einigen, zumal von höheren Ölpreisen beide Seiten profitieren konnten. An höheren Preisen waren auch die USA interessiert, da Öl dort aufgrund des Importquotensystems relativ teuer war, was japanischen und europäischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber US-Firmen verschaffte.
Im Januar 1971 einigten sich Konzerne und Förderländer in Teheran auf eine Anhebung der Rohölpreise von 1,80 Dollar auf 2,18 Dollar pro Barrel (auf Ölfässer zurückgehende Maßeinheit von rund 159 Litern). 55 Prozent der Gewinne sollten nun an die Förderländer fließen. Kurz darauf forderten die OPEC-Länder zusätzlich die Übernahme von zunächst 20 Prozent, später 51 Prozent der Anteile an den in ihren Ländern tätigen Konsortien. Im Fall von ARAMCO wurde dies seit 1972 umgesetzt, Kuwait, Katar und Abu Dhabi folgten prompt, der Irak verstaatlichte die IPC sofort vollständig.
1973 förderten der Iran, der Irak, Saudi-Arabien und Kuwait zusammen gerechnet erstmals mehr Öl als die Vereinigten Staaten. Die schleichende Machtverschiebung auf dem Ölmarkt von den Konzernen hin zu den Förderländern wurde jedoch zunächst kaum wahrgenommen. Umso größer war der Schock im Oktober 1973, als sich die 1968 gegründete OAPEC entschloss, ihre wirtschaftliche Macht einzusetzen, um politische Ziele durchzusetzen.
Die Drosselung der Produktion in den arabischen Staaten im Oktober 1973 sorgte für einen rapiden Anstieg der Preise. Dabei waren es gerade die nicht-arabischen OPEC-Mitglieder, die an der Situation verdienen wollten und kräftige Preisanpassungen forderten. Schließlich einigte sich die OPEC auf eine Heraufsetzung auf 11,65 Dollar pro Barrel – ein Vielfaches des Vorkriegsniveaus. Nach den bequemen Jahren billigen Öls waren die importierenden Länder gezwungen, sich anzupassen. Am 7. November 1973 wandte sich US-Präsident Nixon an die amerikanische Nation und stellte fest: „Wir müssen weniger Energie verbrauchen.“ Und er erklärte: „Langfristig müssen wir neue Energiequellen entwickeln, die uns ermöglichen, unseren Bedarf zu decken, ohne uns auf eine andere Nation zu verlassen.“ Nixon kündigte massive Investitionen in die Erforschung und Entwicklung neuer Technologien an. Man habe Männer zum Mond gebracht, also werde man auch diese Herausforderung meistern: „Bis 1980 … werden wir Amerikas Energiebedarf aus Amerikas eigenen Energieressourcen decken.“
Tatsächlich dauerte es eine Weile, aber seit 1980 sank der Energieverbrauch in den Vereinigten Staaten auch dank der Entwicklung neuer Technologien einige Jahre lang stetig. In der Übergangszeit profitierten die USA auch von der zunehmenden Erschließung großer Ölfelder in Alaska.
Neue Ölquellen wurden auch in Europa erschlossen. War die Ausbeutung bekannter Felder unter der Nordsee zuvor nur schleppend angelaufen, stiegen Großbritannien und Norwegen nun in die Riege der bedeutenden Förderländer auf. Zur Verringerung der Abhängigkeit Europas von arabischem Öl trug auch bei, dass in einer Phase politischer Entspannung verstärkt Öl aus der Sowjetunion importiert wurde. Diese hatte lange nur ihren eigenen Bedarf decken können, war jedoch nach dem Fund riesiger Ölfelder in Sibirien in den 1950er Jahren zum Exportland geworden und konnte Mitte der 1970er die USA als größtes Förderland der Welt ablösen.
Präsident Nixon lud Anfang 1974 zu einer Konferenz der Kundenstaaten nach Washington. Ergebnis war die Gründung der International Energy Agency (IEA), die sich der Diversifizierung der Ölproduktion und der Energiequellen sowie einem effizienteren Umgang mit Energie verschrieb. Die USA verließen sich jedoch nicht allein auf rein energiepolitische Maßnahmen, sondern veränderten auch ihre geopolitische Strategie, indem sie Saudi-Arabien als starken Verbündeten im Mittleren Osten aufbauten.
Noch im Lauf der 1970er Jahre verkauften amerikanische Rüstungsunternehmen Rüstungsgüter im Wert von mehr als 70 Milliarden Dollar an das Königreich. Dieses übernahm zudem zu 100 Prozent die Kontrolle über die ARAMCO. Im Gegenzug half Saudi-Arabien immer wieder, durch die Erhöhung bzw. Drosselung der eigenen Ölförderung den internationalen Markt zu stabilisieren. Das zunehmende Engagement der USA in der Region führte konsequenterweise zur Carter-Doktrin von 1980, der unter US-Präsident Jimmy Carter (1977 –1981) formulierten Maxime: „Versuche auswärtiger Mächte, den Persischen Golf zu kontrollieren, werden als Angriff auf amerikanische Interessen bewertet und mit allen Mitteln, auch militärischen, zurückgeschlagen.“
In den 1980ern Jahren wendete sich das Blatt auf dem Ölmarkt dann wieder: Die Produktionskapazitäten außerhalb der OPEC-Staaten – unter anderem in der Sowjetunion, den USA und in der Nordsee – waren enorm ausgeweitet worden. Zugleich führten die Bemühungen um eine effizientere Nutzung und ein zunehmendes Bewusstsein für die Endlichkeit der fossilen Ressourcen des Planeten zu einem (zeitweiligen) Nachfragerückgang. Eine Weile lang gelang es Saudi-Arabien, durch eine Drosselung der eigenen Produktion einem rapiden Preisverfall entgegenzuwirken. Anfang 1986 stürzte der Ölpreis allerdings von 28 auf zehn Dollar pro Barrel ab. Damit begann eine neue Phase billigen Rohöls, die bis zur Jahrtausendwende andauerte.
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