Wie mag es sich für den zehnjährigen Franz angefühlt haben, als er am 13. November 1939 für mehrere Stunden in der Pförtnerloge des „Hotel Silber“ ausharren musste und schließlich sogar dort vergessen wurde? Seine Eltern waren an diesem Tag in die Stuttgarter Gestapo-Zentrale gebracht worden, die in dem Gebäude ihren Sitz hatte. Die Familie war verhaftet worden, weil der Onkel des Jungen, Georg Elser, wenige Tage zuvor einen Attentatsversuch auf Adolf Hitler unternommen hatte. 80 Jahre später berichtet Franz Hirth mittels einer Videoinstallation an gleicher Stelle von seinem traumatischen Erlebnis.
Es sind Einblicke wie dieser, welche die „Ausstellung zu Polizei, Gestapo und Verfolgung“ mit Leben füllen. Rund 300 sorgfältig ausgewählte Objekte und Dokumente helfen dabei. Neben den Biographien der Opfer werden auch jene der Täter ausführlich vorgestellt, und beide werden, wo immer möglich, zueinander in Beziehung gesetzt. Der Ort, an dem beide Gruppen aufeinandertrafen, dient als gedankliche Klammer und Projektionsfläche.
Anders, als es der im Bewusstsein der Stadtbevölkerung noch präsente Name vermuten lässt, schloss das Haus als Hotel bereits 1919 seine Pforten, obwohl es noch Anfang des 20. Jahrhunderts zu den besseren Adressen Stuttgarts gehört hatte. 1928 zog die Polizei ein. Sie sollte das Gebäude bis 1984 fast ununterbrochen nutzen. Neben der städtischen Polizeibehörde waren hier auch die Kriminalpolizei und die Politische Polizei untergebracht. Letztere wurde durch Erlass Heinrich Himmlers, des „Reichsführers SS“, im Oktober 1936 zur „Geheimen Staatspolizei“ oder schlicht „Gestapo“. Ein Verwaltungsapparat, wie er im „Hotel Silber“ anzutreffen war, konnte nur durch das Zusammenwirken unzähliger Rädchen reibungslos funktionieren. Das wird beim Betreten der Dauerausstellung deutlich: Der Flur der ehemaligen Büroetage ist durch Bodenelemente unterbrochen, die in der Gesamtschau das Bild eines Beamten ergeben. Bei näherer Betrachtung entdeckt man, dass sich das Bild aus unzähligen Einzelporträts von Polizeimitarbeiterinnen und -mitarbeitern zusammensetzt.
Die Elemente leiten die Besucher aus dem Flur hinein in die Raumfolge der Dauerausstellung. Dort wird in den ehemaligen Büros die Entwicklung der Polizei und ihrer Aufgaben beleuchtet. Graphiken zeigen, wer im Rahmen der Umwandlung zur Gestapo „bei der Stange blieb“ und sich, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, mit den neuen Verhältnissen arrangierte.
Der „Umgang mit dem politischen Gegner“, die „Überwachung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern“ oder die „Deportation der jüdischen Bevölkerung“ als Aufgabengebiete der Gestapo sind weitere Themen des Rundgangs. Interaktive Elemente wie Tablets laden immer wieder dazu ein, sich näher mit einzelnen Biographien zu beschäftigen. Private Fotografien und Dokumente nicht nur der Opfer, sondern von Tätern wie dem SS-Mann und Gestapo-Mitarbeiter Alfred Hagenlocher zeigen, frei nach Hannah Arendt, die „Banalität des Bösen“ auch auf dieser Hierarchieebene. Faksimiles von Denunziationsschreiben weisen darauf hin, dass die Gestapo ohne die Mithilfe von „Volksgenossinnen“ und „-genossen“ nie in der Lage gewesen wäre, ihre Kontrolle über die Gesellschaft bis zum Kriegsende 1945 so effektiv aufrechtzuerhalten.





