Ein weiteres klischeehaft serielles Produkt aus der nicht abreißenden Kette Sex und Crime in der Renaissance? Vorab kann Entwarnung gegeben werden: Thema und Titel spielen zwar mit der aus Behagen und Grauen gemischten Profanierungs-Wollust, die offenbar zur überzeitlichen Grundausstattung des Menschen gehört, doch fällt der Text selbst angenehm nüchtern, in vieler Hinsicht sachkundig und insgesamt vergnüglich zu lesen aus. Gewiß, der Verfasser erlaubt sich manchen kürzeren Ausflug in imaginäre Gefilde, wenn er sich etwa ausmalt, wie Papstkinder wohl den feierlichen Einzug ihres Erzeugers auf der sedia gestatoria erlebt haben mögen – und ist dennoch von heute so angesagter “Papi, Du hast mit der Tiara mein Leben zerstört”– Betroffenheit auf dem Niveaus der täglichen Talkshows um Welten getrennt. Gewiß, dem ehrlichen Bemühen um ein Verständnis von päpstlicher Vaterschaft aus den Zeitnormen heraus steht immer wieder auch ein moralisierender Zeigefinger gegenüber, etwa, wenn die Dimensionen des päpstlichen Nepotismus als unzulässige Verschwendung umrissen werden. Gerade hier gerät der Verfasser im übrigen in sympathische Normenkonflikte, kritisiert er doch auf der anderen Seite mit Julius II. einen Papst, der einem Sohn seiner Mätresse das Kardinalat vorenthielt, und spiegelt auf diese Weise, ein halbes Jahrtausend später, die innere Spaltung der römischen Gesellschaft und der Kurie selbst angesichts der extrem gesteigerten päpstlichen Verwandtenbegünstigung adäquat wider. Doch ist zu berücksichtigen, daß es dem Buch nicht um die Nachzeichnung abstrakter Wertesysteme, sondern um farbig orchestrierte Lebensbilder geht. Und in Punkto Läßlichkeit und Fleischlichkeit hatte Rom um 1500 in der Tat, jenseits aller überhitzten Zeremonienmeister-Phantasien von Kurtisanenballetten und Koitus-Wettbewerben im Vatikan, einiges zu bieten, das hier genüßlich, aber eben nicht voyeuristisch präsentiert wird. Im Gegenteil: auch wenn als Folge der gewählten Perspektivik das Sexualleben der Kirchenfürsten – auch für den genußfreudigsten Purpur- oder Tiaraträger wohl wenig mehr als die schönste Nebensache der Welt –, gelegentlich etwas penetrant hervortritt, so leisten die hier gesammelten Lebensbeschreibungen leiblicher Papstabkömmlinge doch mancherlei verdienstliche Mythendekonstruktion, informieren unaufdringlich über kulturelle Koordinaten des Systems Rom und machen en passant deutlich, wie sehr und dauerhaft sich die Prioritäten der Kurie nach der Mitte des 16. Jh. verschoben haben – somit ein ideales Kopfkissenbuch für römische Hotelaufenthalte.
Rezension: Reinhardt, Volker





