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Paradies mit Schattenseiten
Als Mitte des 14. Jahrhunderts in Westeuropa die Pest wütete, machten die Christen die Juden dafür verantwortlich: Vertreibungen waren die Folge. Viele Juden zog es fortan nach Osteuropa. Dort florierte das Leben der Aschkenasim über lange Zeit. Aber dieses vermeintliche Paradies hatte Schattenseiten – und es war…
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Mit folgendem Zitat aus einer berühmten Legende führte der hebräische Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Samuel Joseph („Shai“) Agnon seine deutsch-jüdischen Leser 1916 in die Welt der osteuropäischen Juden ein: „Es sah Israel, wie sich die Leiden für immer erneuerten, die Verhängungen sich mehrten, die Verfolgungen zunahmen, die Knechtschaft groß ward, die Herrschaft des Bösen Verhängnis an Verhängnis reihte und Vertreibung an Vertreibung häufte, daß es vor seinen Hassern nicht mehr bestehen konnte – da trat es auf die Wege und schaute und fragte nach den Pfaden der Welt, welches der rechte Weg sei, den es betreten solle, um für sich Ruhe zu finden. Da fiel ein Zettel vom Himmel herab: Gehet nach Polen!“.
Agnons Werk war als „Buch von den polnischen Juden“ betitelt. Hintergrund der im Jüdischen Verlag in Berlin erschienenen Schrift war die deutsche Besetzung weiter Teile des westlichen Zarenreiches während des Ersten Weltkrieges. Unter den Soldaten, die damals an der Ostfront stationiert waren, befanden sich auch viele deutsche Juden, die dort auf eine ihnen oftmals unbekannte Welt stießen.
Während gerade die deutschen Juden in hohem Maß Träger der jeweiligen lokalen Kultur waren und sich in das deutsche Bürgertum integriert hatten, lebten weite Teile der (teilweise verächtlich so genannten) „Ostjuden“ in ärmlichen Verhältnissen und hoben sich durch Kleidung, Bräuche und mit dem Jiddischen sogar in ihrer Sprache deutlich von der Umgebungskultur ab.
Fasziniert von diesem scheinbar in seiner Ursprünglichkeit bewahrten Judentum, wandten sich einige jüdische Intellektuelle wie etwa der in Wien geborene Religionsphilosoph Martin Buber der Welt der Ostjuden zu. Sie beschrieben deren Bräuche und Sitten in idealisierter Art und Weise.
Mit „Polen“ war in der zitierten Sage natürlich nicht der moderne Nationalstaat gemeint, der erst wenige Jahre nach dem Erscheinen von Agnons Buch aus den Umbrüchen des Weltkriegs hervorgehen sollte. Vielmehr spielte die Legende auf die frühneuzeitliche „Adelsrepublik“ Polen-Litauen an, ein Vielvölkerreich, das sowohl die Gebiete der heutigen Staaten Polen, Litauen, Belarus und Lettland sowie weite Teile der Ukraine und Estlands umfasste. In den Gebieten dieser zwischen 1569 und 1795 bestehenden Union war die bedeutendste jüdische Gemeinschaft der damaligen Welt ansässig. Diese ragte nicht nur durch ihre Größe, sondern durch ihre mannigfaltigen kulturellen und religiösen Errungenschaften sowie den im Vergleich hohen Grad an Selbstverwaltung heraus.
In Polen-Litauen befanden sich auch die religiösen Zentren des europäischen Judentums. Beispielsweise entstand dort die bis heute höchst einflussreiche Frömmigkeitsbewegung des Chassidismus (siehe Artikel Seite 36). Die Gebiete der ehemaligen Adelsrepublik waren es auch, in denen sich viele Jahrhunderte später die moderne jüdische Politik entwickelte; sie sollten einen Großteil der frühen zionistischen Aktivisten sowie viele der Staatsgründer des modernen Israel hervorbringen.
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Das Königreich Polen lockt mit Toleranz und Zugeständnissen
Doch wie kamen die Juden nach Osteuropa? Tatsächlich sind die Anfänge jüdischer Siedlung in diesen Gebieten umstritten. Erste Dokumente, die eine jüdische Präsenz belegen, sind uns aus dem 11. Jahrhundert überliefert. Viele Sagen ranken sich um die Herkunft jener Siedler, die angeblich dem zum Judentum konvertierten turkmenischen Volk der Chasaren entstammten. Die meisten Wissenschaftler verwerfen diese Theorie heute jedoch als Mythos.
Unumstritten dagegen ist, dass die jüdische Gemeinschaft in Osteuropa erst durch den Zustrom aus Westeuropa im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit ihren eigentlichen Aufschwung erlebte. Wie in der von Agnon zitierten Legende angesprochen, kam es im Westen in diesen Jahrhunderten zu Verfolgungen und Vertreibungen, vor allem während der Pest-Epidemie von 1346 bis 1353. Viele jüdische Gemeinden, darunter die wichtigen oberrheinischen Zentren Mainz, Worms und Speyer, wurden in den Jahren 1348 bis 1351 ausgelöscht.
Zahlreiche Juden aus Deutschland und Böhmen flohen nun ostwärts, angezogen von der Verheißung eines toleranten Königreichs Polen, das sich bald in einer Union mit dem Großfürstentum Litauen zusammenschloss. Tatsächlich war Herzog Bolesław der Fromme (1239 –1279) an jüdischem Zuzug interessiert und räumte den Siedlern weitgehende Zugeständnisse ein. Diese erweiterte später König Kasimir III. (1333 –1370) sogar und machte sie so zur Grundlage jüdischen Lebens in Polen-Litauen.
Diese Rechte, die im Statut von Wiślica von 1334 überliefert sind, sollten die jüdische Bevölkerung unter anderem vor falschen Vorwürfen und Verfolgung schützen und gestatteten den Juden zudem, ihre inneren Streitigkeiten ausschließlich vor eigenen Gerichtshöfen zu verhandeln. Die eingangs zitierte Legende lobte die daraus resultierenden Freiheiten der Juden im Königreich in höchsten Tönen: „Und es erlaubt ihnen der König, in allen Provinzen seines Reiches zu wohnen und zu werben, und nach den Vorschriften ihres Glaubens ihrem Gott zu dienen; Rabbiner und Richter zu wählen, um nach den Gesetzen Israels Recht zu sprechen. Und der König beschützte sie vor allen Feinden und Bedrängern.“
Es mag die daraufhin folgende Blüte jüdischen Lebens in Polen-Litauen gewesen sein, die den Schöpfer der Legende gar zu der Behauptung verleitete, der Name Polen selbst entspringe „einer heiligen Quelle …: der Sprache Israels. Denn so sprach Israel, als es dahinkam: po-lin, das heißt: hier nächtige! Und meinten: hier wollen wir nächtigen, bis Gott die Verstreuten Israels abermals sammeln läßt“.
In der Tat stieg die Anzahl der auf den Gebieten der polnisch-litauischen Union lebenden Juden in den kommenden Jahrhunderten stetig an. Genaue Daten sind nur schwer zu eruieren. Historiker gehen jedoch davon aus, dass um 1500 zwischen 10 000 und 30 000 Juden dort ansässig waren. Zweieinhalb Jahrhunderte später waren es bereits 750 000 Juden, welche die Gebiete des Großreichs besiedelten.
Die Neuankömmlinge brachten Sitten und Bräuche inklusive des Jiddischen aus dem deutschsprachigen Raum mit. Sie verstanden sich als aschkenasische Juden. Der Begriff hatte sich in der rabbinischen Literatur ursprünglich auf die jüdischen Gemeinden in Deutschland, speziell des Rheinlandes und der Pfalz, bezogen. Die Wanderungsbewegungen trugen also zu einer Erweiterung von „Aschkenas“ bei, das nun weite Teile Zentral- und Osteuropas umfasste.
Die aschkenasische Kultur unterschied sich stark von den Bräuchen der spanischen und portugiesischen Glaubensbrüder, der sephardischen Juden. Trotz der Gemeinsamkeiten der aschkenasischen Juden in West und Ost etwa in religiösen Praktiken oder der kommunalen Organisation entwickelten sich die osteuropäischen Gemeinden zunehmend selbständiger. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts lösten sich die Gemeinden von den religiösen Autoritäten in Westeuropa. In den kommenden Jahrhunderten drehte sich das Verhältnis um: Nun suchten deutsche Juden nach religiöser Orientierung in osteuropäischen Zentren, zum Beispiel im wegen seiner zahlreichen Lehrstätten als „Jerusalem Litauens“ bekannten Vilnius.
Die feudale Wirtschaft braucht die Juden
Dennoch wäre es falsch, die polnisch-litauische Adelsrepublik als „Paradisus Judaeorum“ darzustellen, wie dies in einer im 19. Jahrhundert populären polnischen Redewendung üblich war. Und selbst jene die Anfänge jüdischen Lebens in Osteuropa stark verklärende, eingangs zitierte Legende deutet einen der realpolitischen Gründe für die Förderung jüdischen Siedlungswesens im Königreich an: Als die Juden nach Polen gingen, so lesen wir dort, „schenkten [sie] dem Könige einen ganzen Berg von Gold, und es empfing sie der König mit großen Ehren“.
Tatsächlich übernahmen die Juden wichtige Funktionen in der feudalen Wirtschaft. Zum einen waren sie im Handel tätig und halfen bei der Besiedlung des Landes, insbesondere der fruchtbaren Ländereien der Ukraine im südöstlichen Grenzgebiet. Dort trugen sie auch wesentlich zur Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte und deren Export nach Westeuropa bei. Zum anderen wurden sie als Verwalter adliger Landgüter eingesetzt und pachteten Gastwirtschaften, Mühlen und Brauereien.
Weithin rezipiert wurde etwa die Figur des jüdischen Schankwirts, in dessen Gaststätte nicht nur familiäre Feierlichkeiten abgehalten, sondern auch viele geschäftliche Dinge wie etwa der Kredithandel geregelt wurden. „Gleich nach der heiligen Messe“, so schrieb beispielsweise der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz in seinem 1834 veröffentlichten Epos „Pan Tadeusz“, „kamen sie jeweils am Sonntag, sich zu erheitern, gesellig zu trinken ins Gasthaus zum [jüdischen Schankwirt] Jankiel“ (zitiert nach der Nachdichtung von Hermann Buddensieg).
Darüber hinaus betätigten sich Juden als Steuerpächter, die dafür sorgten, dass die auf dem Land der Adligen lebenden Bauern ihre Abgaben entrichteten. Damit übernahmen sie eine wichtige Mittlerrolle zwischen Adel und Bauern. Diese bescherte ihnen sowohl die besagten Freiheiten als auch eine gewisse Sicherheit, zumal die Aristokratie auch von den Steuerabgaben der Juden selbst profitierte.
Um die Steuerlast der Juden zu verteilen, wurden überregionale jüdische Räte eingerichtet. Diese zeichneten gleichzeitig für die Regelung innerjüdischer Angelegenheiten verantwortlich und bildeten in Europa einzigartige Gremien jüdischer Selbstverwaltung. Auch auf lokaler Ebene erhielten die Gemeinden weitgehende Rechte, so dass es in jeder Stadt mit jüdischen Anwohnern zwei Gemeindeverwaltungen gab – einen christlichen Gemeinderat sowie den jüdischen Kahal.
Eine realistische Einschätzung der Situation lieferte der gelehrte Rabbiner David Ben Samuel Ha-Levi. Er beschrieb im 17. Jahrhundert die Adelsrepublik als einen Ort, an dem „die meiste Zeit die Nicht-Juden keinen Schaden verursachen, im Gegenteil tuen sie Israel recht“. Doch in Krisenzeiten konnte dieser Modus Vivendi durchaus zusammenbrechen. So kam es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zu Ausschreitungen und Verfolgungen. Einen traurigen Höhepunkt stellten die Kosaken-Aufstände in der Mitte 17. Jahrhunderts dar, in deren Verlauf viele tausend Juden ermordet wurden (siehe Artikel Seite 22).
Auch versuchte die katholische Kirche, eine restriktivere Politik gegenüber den lokalen Juden durchzusetzen, etwa indem man diese auf eigene Viertel begrenzen oder ihnen die Steuerpacht verbieten wollte. Solche Forderungen waren aufgrund der wichtigen Funktion, die Juden für die Adligen übernahmen, nicht erfolgreich. Doch kam es auch aus religiösen Motivationen immer wieder zu Ausschreitungen, etwa wenn Juden die Schändung der christlichen Hostie vorgeworfen oder behauptet wurde, jene töteten christliche Kinder, da sie deren Blut für ihre religiösen Zeremonien benötigten (die sogenannte Ritualmord-Legende).
Mit den polnischen Teilungen verschlechtert sich die Situation
Maßgeblich zum Schlechteren allerdings wandelte sich die Situation der Juden Osteuropas, als sich die Nachbarstaaten Polen-Litauens zum Ende des 18. Jahrhunderts die Gebiete der Adelsrepublik einverleibten und den Staat damit von der Landkarte tilgten. Etwa 50 000 bis 70 000 Juden fanden sich nach den drei Teilungen von 1772, 1793 und 1795 unter preußischer und später deutscher Herrschaft wieder. Viele dieser Menschen wanderten bald in die großen Städte Preußens ab oder emigrierten nach Übersee.
Etwa 300 000 galizische Juden standen von nun an unter Habsburger Herrschaft. Von allen Teilungsmächten betrieben die Habsburger die liberalste Politik gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten. Bereits 1782 hob Joseph II. in einem „Toleranzpatent“ einige der Restriktionen auf, zum Beispiel die Leibmaut – solch eine Abgabe hatten reisende Juden bis dahin an der Grenze entrichten müssen. Zwar wurden viele dieser liberalen Maßnahmen von Josephs Nachfolgern wieder zurückgenommen, aber mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 – mit dem die Doppelmonarchie entstand – erhielten auch die Juden des Reiches gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung.
Ganz anders gestaltete sich die Situation des weitaus größten Teils der Juden Polen-Litauens, von denen nun mehr als 500 000 direkt dem russischen Zarenreich angehörten; weitere 250 000 lebten im von den Zaren seit 1815 in Personalunion regierten Kongresspolen. Um zu verhindern, dass die Juden der neuerworbenen Gebiete in den inneren Provinzen des Reiches Handel trieben oder dorthin abwanderten, erließ 1791 Katharina II., die Große (1762 –1796), ein Gesetz, das deren Niederlassungsfreiheit auf die westlichen Provinzen begrenzte. Dieser sogenannte Ansiedlungsrayon und die damit verbundenen Restriktionen wurden formal erst im Zuge der Februarrevolution von 1917 aufgelöst.
Die Beschränkung auf den Ansiedlungsrayon sowie ein schnelles Anwachsen der Bevölkerung ließen viele Juden verarmen. Hinzu kam die restriktive Politik der Zaren gegenüber der jüdischen Minderheit, etwa die Auflösung der jüdischen Gemeindevertretungen. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts versuchten zwar verschiedene russische Herrscher, die jüdische Bevölkerung schrittweise zu integrieren. Diese Bemühungen wurden aber nach der Ermordung Alexanders II. im Jahr 1881 und durch die darauffolgenden Pogrome zunichtegemacht. Über die sogenannten Maigesetze von 1882 schränkte Zar Alexander III. (1881–1894) den Spielraum der jüdischen Bevölkerung noch stärker ein. Dazu zählte ein Verbot der Neuansiedlung außerhalb von Städten und Gemeinden auch innerhalb des Ansiedlungsrayons.
Sowohl im Reich der Habsburger als auch im Zarenreich lebten die Juden in Gebieten von hoher ethnischer und religiöser Vielfalt. Dies konnte zu Kooperationen und fruchtbarem Austausch führen, wenn etwa der jüdische Oberst Berek Joselewicz eine jüdische Kavallerieeinheit aufstellte, die sich 1794 dem polnischen Kościuszko-Aufstand gegen die Teilungen anschloss. Doch mit dem Erstarken des modernen Nationalismus geriet die jüdische Bevölkerung immer stärker zwischen die Fronten der Auseinandersetzungen verschiedener Nationalbewegungen.
Gleichzeitig gab es in diesen Gebieten aufgrund der religiösen und ethnischen Vielfalt keine klare Mehrheitskultur. Weite Teile der jüdischen Bevölkerung blieben religiösen Traditionen und Zusammenhängen verbunden. Zwar gab es auch im osteuropäischen Judentum Bewegungen, die sich für Emanzipation und jüdische Aufklärung (Haskala) einsetzten. Doch stellten diese den religiös-ethnischen Zusammenhalt der Juden weniger in Frage, als dies in Westeuropa und insbesondere in Deutschland der Fall war.
Aus dem Scheitern der Emanzipation gingen dann am Ende des Jahrhunderts jüdische Arbeiter- und Nationalbewegungen hervor – sie kämpften für politische und nationale Gleichberechtigung und für kulturelle Autonomie der Juden. Diese Vielfalt religiöser und politischer Institutionen und Bewegungen war es, auf die jüdische Soldaten trafen, als sie im Ersten Weltkrieg mit der Armee des Kaiserreiches nach Osten vorstießen.
Autor: Dr. Daniel Mahla
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