Noch im selben Monat bestellte die Wehrmacht rund 35 Millionen Tabletten Pervitin für den Westfeldzug gegen Frankreich, der am 10. Mai 1940 begann. Bei Pervitin, das seit 1938 von den Berliner Temmler-Werken hergestellt wurde, handelt es sich um ein besonders starkes Amphet‧amin, ein Methylamphetamin. Ursprünglich als Mittel gegen Asthma und Herz-KreislaufBeschwerden entwickelt, wurde Pervitin bereits im Jahr der Markteinführung vom Militär auf seine psychoaktiven Eigenschaften hin untersucht. Belastungstests mit Studenten der Militärärztlichen Akademie erbrachten den Nachweis, dass Pervitin Müdigkeit und Hungergefühle unterdrückt, während gleichzeitig körperliche Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit erhöht werden und sich ein Gefühl von Optimismus und leichter Euphorie einstellt.
Die Tests wurden von der Wirklichkeit eingeholt, als das Deutsche Reich am 1. September 1939 Polen überfiel und die Probanden zu ihren Einheiten gerufen wurden. Der Krieg selbst wurde zu einem Feldversuch, da Pervitin durch den zivilen Gebrauch so bekannt und weit verbreitet war, dass sich viele Soldaten und Offiziere mit dem Präparat selbst versorgt hatten. Unter ihnen war auch der junge Gefreite und spätere Literatur‧nobelpreisträger Heinrich Böll, der in Briefen an seine Mutter häufig darum bat, ihm Pervitin nachzuschicken.
Noch mehr als der Polenfeldzug wurde der Feldzug gegen Frankreich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Erfolg der deutschen Operation hing von einem schnellen Vorstoß durch die Ardennen ab, die für große militärische Verbände als unpassierbar galten. Unentdeckt von der französischen Aufklärung, erreichten die ersten deutschen Panzerverbände in nur 57 Stunden die Maas bei Sedan. Rund 41 000 Fahrzeuge der Wehrmacht durchquerten die schmalen und kurvigen Täler der Ardennen innerhalb kürzester Zeit in Tag- und Nachtmärschen.
In der Memoirenliteratur zum Westfeldzug wird Pervitin häufig als ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Überwindung des Schlafbedürfnisses erwähnt, vor allem bei den motorisierten Verbänden. Im Lauf des Krieges spielte Pervitin vor allem bei den belastenden Langstrecken‧einsätzen der Marine und der Luftwaffe eine bedeutende Rolle.
Auch bei den Alliierten kamen Amphetamine zum Einsatz, bei den amerikanischen und britischen Streitkräften Benzedrin und bei den französischen Maxiton. 200 Millionen Amphetamin-Tabletten sind bei den US-Streitkräften für die Zeit des Zweiten Weltkriegs nachweisbar. Der allgemeine Einsatzcode der japanischen Marine, der JN25b, konnte von Commander Joe Rochefort von der US-Marine erst nach vielen Wochen äußerst konzentrierter Arbeit und hoher Dosen Benzedrin entschlüsselt werden.
Am 21. Februar 1944 zitierte die britische „Times“ das militärärztliche Büro der Royal Air Force mit der Aussage zu Benzedrin, dass es sich dabei um „das beste Arzneimittel handelt, um die Müdigkeit zeitweilig zu unterdrücken, wenn das Schlafbedürfnis die Sicherheit eines Einsatzes gefährdet.“ Gleichzeitig warnte die Zeitung aber auch davor, dass „kein Soldat mehr als 30 Milli‧gramm pro Woche einnehmen sollte“.





