An der Wende zum 20. Jahrhundert war Polen seit über 100 Jahren ein geteiltes Land. Preußen, Russland und Österreich-Ungarn hatten ihre Besatzung zwar in mehreren Aufständen verteidigen müssen, aber die Herrschaft stetig gefestigt. Die Kaiserreiche gingen dabei getrennte Wege: Berlin übte einen starken Druck zur…
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Im russischen Kongresspolen war die Situation am düstersten. Wirtschaftlich verlief die Entwicklung dort hochdynamisch, weshalb die Industrialisierung in Warschau und Łód´z weit fortgeschritten war, aber politische Beteiligung gewährte Sankt Petersburg weder russischen noch polnischen Untertanen. Wegen zugleich anhaltender Russifizierung wandte sich der in allen drei Teilungsgebieten wachsende polnische Drang nach Unabhängigkeit am heftigsten gegen den Zaren.
Russlands Krieg mit Japan weckt bei den Polen Hoffnungen
Mit dem Russisch-Japanischen Krieg von 1904 sah die polnische Untergrundbewegung eine Chance für Schritte in Richtung Unabhängigkeit gekommen. Anführer der wichtigsten Gruppierung, der linken Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), war in jenen Jahren Józef Piłsudski. Der 1867 in der Nähe von Wilna geborene Sohn eines polnischen Landbesitzers hatte unbestritten das Zeug zu einem Anführer: Charisma, persönlicher Mut und Entscheidungsfreudigkeit zeichneten ihn aus. Und weil er schon in jungen Jahren in den Untergrund gegangen war, mehrfach Anschläge auf russische Institutionen unternommen und auch fünf Jahre in der sibirischen Verbannung verbracht hatte, genoss er den Respekt seiner Mitstreiter.
Piłsudski begab sich im Sommer 1904 nach Tokio, um dort die japanische Regierung von einem Aufstand in Polen zu überzeugen. Mehr als freundliche Worte und ein wenig Geld konnte er allerdings nicht mitbringen. Immerhin hatte er damals mehr erreicht als sein späterer großer Rivale Roman Dmowski (1864–1939), der als führender Vertreter der rechtskonservativen Nationaldemokratie ebenfalls in Tokio für die polnischen Interessen lobbyierte. Anders als Piłsudski aber lehnte er jegliche revolutionäre Tätigkeit ab und war abgestoßen von den Arbeiterprotesten, die 1905 das Russische Reich erschütterten.
Auch in dessen polnischer Provinz kam es zu Unruhen, wobei sich hier Forderungen von Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit mit denen nach Unabhängigkeit verbanden. Mit Arbeitern freilich wollten die polnischen Eliten genauso wenig zu tun haben wie die katholische Kirche.
Die Streiks wurden blutig niedergeschlagen, und Anfang 1906 hatte sich der Aufstand totgelaufen. Piłsudski war inzwischen zu terroristischen Anschlägen auf russische Würdenträger übergegangen. Das führte zwar zur Spaltung seiner Partei, bei der die jüngeren Vertreter sich mit ihren russischen Genossen solidarisierten und mehr an der Sache der Arbeiter als an der polnischen Nation interessiert waren. Das Ansehen der Älteren hingegen wuchs auch jenseits eines linken Milieus, eben weil ihnen Polen wichtiger war als der Sozialismus. Die Idee eines polnischen Staates blieb dennoch Utopie.
Der Erste Weltkrieg sollte das grundlegend ändern. Nach den Siegen bei Tannenberg und Gorlice-Tarnów waren die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn in der Lage, zunächst Łód´z und bis Mitte 1915 ganz Russisch-Polen zu erobern. Sie teilten das Gebiet auf in das Generalgouvernement Warschau, wo Hans von Beseler residierte, und das k. u. k. Militärgeneralgouvernement Lublin, in dem Wien mit wechselnden, wenig einflussreichen Gouverneuren meist erfolglos versuchte, seiner Provinzstadt ein Gegengewicht zur Hauptstadt Warschau zu verschaffen.
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Was soll mit den von den Mittelmächten eroberten russischen Gebieten passieren?
Die militärischen Erfolge zogen politische Probleme nach sich: Polnische Forderungen nach einem eigenen Staat wurden lauter, und insbesondere Józef Piłsudski, der bereits 1914 auf österreichischer Seite „polnische Legionen“ gegründet und gegen Russland ins Feld geführt hatte, galt den einen als nationale Leuchtfigur und den anderen als polnischer Störenfried.
In Deutschland und Österreich wiederum wurden Forderungen nach einer Annexion der eroberten Gebiete laut. In Berlin war das niemals offizielle Politik, sondern Lobbyinteresse; der „Grenzstreifen“, den manche Politiker forderten, war vor allem defensiv gedacht – man wollte angesichts des russischen Vorstoßes nach Ostpreußen 1914 zusätzliches Territorium zwischen den deutschen Kernlanden und dem Gegner im Osten sichern.
Beseler, der mit weitgehenden Befugnissen ausgestattet war, empfahl demgegenüber, die deutsche Minderheit aus seinem Gouvernement ins Reich zurückzuholen, weil das Territorium polnisch sei. Er fasste seine Sicht der Dinge wie folgt zusammen: Die Polen werden „für die deutsche Heeresleitung nützliche, für die deutsche Politik vielleicht unbequeme Bundesgenossen sein“.
Auch in Wien träumte man von einer Vergrößerung Galiziens. Doch für die praktischen Herausforderungen gab es keine Lösung, denn einerseits war völlig unklar, wie Deutschland abgefunden werden konnte, und andererseits hätten die Polen bei einer Eingliederung aller eroberten Gebiete die größte nationale Gruppe der Doppelmonarchie gestellt.
Ein eigener zentralpolnischer Staat wiederum bedeutete ständige Konflikte mit den Minderheiten in Preußen und Österreich. Das war allen Kriegsparteien bewusst, weshalb sie jeweils einen unabhängigen polnischen Staat versprachen – und auch den Ukrainern eine solche Idee in Aussicht stellten. Doch was die Entente und später die USA leicht ohne jegliche Konsequenzen propagieren konnten, setzte die Mittelmächte stark unter Druck. Als weitere Herausforderung trat für sie ganz praktisch hinzu, das besetzte Gebiet möglichst umfangreich für die eigenen Kriegsanstrengungen verwenden zu wollen.
Die Ausbeutung war deshalb hart, kam aber ohne Gewaltanwendung aus. Tatsächlich gab es sogar Investitionen in die Infrastruktur, um mehr aus dem Land herausholen zu können – und Werbekampagnen, die zutreffend darauf hinwiesen, dass die Ernährungssituation der deutschen Bevölkerung auch nicht besser war. Gezielt versuchten die Mittelmächte außerdem, die einheimischen Eliten einzubeziehen, um die Legitimität ihrer Maßnahmen zu erhöhen.
Offensichtlich war diese Besatzung kein Vorläufer oder gar ein Testfeld für Terror und Völkermord, mit denen das nationalsozialistische Deutschland nach 1939 Polen überziehen sollte. Ganz im Gegenteil stellte das Völkerrecht die maßgebliche Handlungsgrundlage dar, was sich nicht zuletzt bei der Rekrutierung von Soldaten zeigte: So etwas verbot die Haager Landkriegsordnung in feindlichem Gebiet, weshalb die Mittelmächte lange davon absahen.
Weil neuer Nachschub aber von zentraler Bedeutung für sie war, kam es schließlich am 5. November 1916 zur Proklamation des Königreichs Polen, das als neuer und formal unabhängiger Staat nicht mehr als Russland zu betrachten sei – weshalb dort für die Armeen Deutschlands und Österreichs Männer ausgehoben werden konnten.
Gründung eines „Königreichs Polen“ als Notlösung
Dieses durchaus kreative Vorgehen war maßgeblich Beselers Idee, der damit auch die wenig zielführenden Annexionsdebatten beenden wollte. Freilich: Mehr als wenige tausend Soldaten sollten sich so bis Kriegsende nicht gewinnen lassen – ein Tropfen auf den heißen Stein, verglichen mit den über zwei Millionen Männern, die aus den beiden Teilungsgebieten in den Armeen der Mittelmächte dienten. Und mehr noch, als die neuen Rekruten und die „Polnischen Legionen“ den Eid auf die Kaiser ablegen sollten, verweigerte Piłsudski das. Beseler ließ ihn verhaften, Piłsudski erlebte das Kriegsende auf der Magdeburger Festung.
Hans von Beseler sagte über Piłsudski: „Dieser nicht unbegabte, persönlich gewiss brave, aber unbotmäßige und von ernstem Wissen wohl weit entfernte militärische Dilettant und Demagog[e] übt einen geradezu hypnotisierenden Einfluss auf seine Kreise aus und wird als Schöpfer der Legionen wie ein Nationalheiliger bewundert und verehrt.“
Im Königreich Polen sorgte die Verhaftung von Piłsudski für viel Missmut. Anfang 1918 verwandelte sich dieser in offenen Protest, als die Mittelmächte in Aussicht auf reiche Beute und noch mehr Soldaten der Ukraine die ostpolnischen Kreise Chełm und Hrubieszów versprachen. Es war das vollkommene Scheitern der zurückhaltenden Politik Beselers. Wien und Berlin hatten nun in Polen jeglichen Kredit verspielt. Und die Ukraine lieferte auch nicht annähernd die versprochenen Ressourcen, stattdessen erwies sich die notwendige Stationierung Hunderttausender Soldaten als weitere Schwächung der Westfront.
Das Kriegsende zeigte sich in Warschau und Lublin eher als Implosion der Fremdherrschaft. Als Józef Piłsudski am 11. November 1918 in der Hauptstadt eintraf, wurde er triumphal empfangen und kurz darauf zum Staatschef erhoben.
Das wiedergeborene Polen stand allerdings vor großen Herausforderungen, selbst wenn ihm die von den Mittelmächten geschaffenen Institutionen einen wichtigen Startvorteil gegenüber den anderen neuen Staaten Ostmitteleuropas verschafften: Seine Grenzen waren vollkommen ungeklärt, ethnische Konflikte flammten allerorten auf, und die unterschiedlichen Traditionen der drei Teilungsgebiete verhießen einen langen Prozess der Integration.
Im Westen des Landes konnten vergleichsweise schnell Fakten geschaffen werden: Aufstände in Posen und Schlesien führten zu polnischen Siegen über die dortige deutsche Minderheit, die wegen des Drucks der Entente nicht auf militärische Unterstützung aus Berlin hoffen konnte. Die Folge waren wichtige Geländegewinne in hochentwickelten und wirtschaftlich ertragreichen Gegenden – und eine Feindschaft mit Deutschland, die 1939 dem Krieg gegen Polen breiten gesellschaftlichen Rückhalt im Reich verschaffte.
Im Osten entwickelten sich die Grenzkonflikte rasch zu einem blutigen Krieg mit den russischen Bolschewiki. Aber nun stießen nicht mehr die Millionenheere der Kaiserreiche aufeinander, sondern völlig unzureichend ausgerüstete und ausgebildete Armeen. Zwar zogen immerhin Hunderttausende Soldaten ins Feld, aber diese waren kaum in der Lage, Frontlinien wirklich zu besetzen. Die Folge war eine Redynamisierung der Schlachten, statt dem Stellungskampf des Weltkriegs gab es raumgreifende Vorstöße, die von Kavallerieeinheiten wie der Roten Reiterarmee getragen wurden.
Józef Piłsudski war klar, dass Polen nur wenige Verbündete hatte: „Leider ist dieses Land von Feinden umgeben. Die gefährlichsten sind die Deutschen und die Bolschewisten, denn unsere Wiedergeburt wird Preußen zerstückeln und vernichten und die
Maximalisten in den Osten Europas zurückdrängen.“
Piłsudski musste sich nun als Heerführer bewähren und konnte bei dieser Aufgabe auf zahlreiche in den Kaiserreichen ausgebildete Offiziere und Generäle bauen. Sie ermöglichten ihm einen raschen Sieg in Wilna, das er als genuin polnisch betrachtete. Das war angesichts der Stadtbevölkerung sicherlich zutreffend, galt aber für das weitgehend litauische Umland viel weniger. Ganz im Südosten, in Lemberg, war die polnisch-ukrainische Konfliktsituation vergleichbar. Und so, wie sich die Litauer zunächst mit Moskau verbündeten, machte das auch die Westukrainische Volksrepublik, die um Galizien kämpfte.
Die Ukraine verliert ihre Eigenständigkeit
Gegen den westlichen Nachbarn waren beide chancenlos, aber insbesondere der ukrainische Fall war tragisch: Denn während die Westukraine von den Polen aufgerieben wurde, widerfuhr der Zentralukraine mit der Hauptstadt Kiew das gleiche Schicksal durch die Rote Armee. In Kiew war Symon Petljura zwar mit Piłsudski verbündet, aber wenig mehr als eine kurzlebige Offensive, die polnische Truppen im Frühjahr 1920 für wenige Wochen an die Ufer des Dnjepr führte, hatte er davon nicht. In jenem Jahr endete die ukrainische Eigenstaatlichkeit bis zum Fall des Eisernen Vorhangs.
Die zahllosen Konflikte waren überall ethnisch aufgeladen, was sie fundamental von den Kämpfen des Weltkriegs bis 1918 unterschied – denn Zivilisten waren nun legitime Ziele, immer verdächtig, für die andere Seite zu sein. Das galt vor allem für die Juden, die in weit über 1000 Pogromen von allen Kriegsparteien massakriert wurden und eine sechsstellige Opferzahl zu beklagen hatten. Erstmals entstand hier die Idee des Judäobolschewiken, die während der NS-Zeit zur propagandistischen Begründung des Völkermords an den Juden werden sollte.
Im August 1920 sah es so aus, als sei Piłsudski auf ganzer Linie gescheitert: Die Rote Armee unter Michail Tuchatschewski stieß durch die Ukraine und Belarus vor und stand vor den Toren Warschaus. Doch in einer Va-banque-Aktion setzte Piłsudski auf einen Gegenstoß und eine Zangenbewegung, die die Bolschewiki zum Rückzug zwang. Er hatte einen triumphalen Sieg errungen, den seine innenpolitischen Gegner als ein göttliches „Wunder an der Weichsel“ diffamierten, um ihm damit jeglichen Anteil daran abzusprechen – bis die Unterstützer des inzwischen zum Marschall avancierten Feldherrn den Begriff für sich entdeckten, um damit die Genialität ihres Anführers zu betonen.
Der Krieg dauerte noch bis Oktober 1920, und auf den Waffenstillstand folgte am 18. März 1921 der Friede von Riga, der für Osteuropa endlich den Schlusspunkt unter die seit 1914 im Grunde ununterbrochenen Kämpfe setzte. Der Vertrag war ein echter Kompromiss, denn keine Seite bekam, was sie wollte. Innenpolitisch bedeutete sie für Piłsudski einen Sieg insbesondere über die Nationaldemokraten von Roman Dmowski, die stets für ein ethnisch homogenes Polen und Expansion nach Westen plädiert hatten, während der Marschall von der untergegangenen Adelsrepublik vor den Teilungen träumte – und damit von einem Vielvölkerstaat, der Polen wurde: Die Titularnation stellte in der Zwischenkriegszeit etwa zwei Drittel der Bevölkerung, das übrige Drittel verteilte sich auf zahlreiche Gruppen wie Ukrainer, Litauer, Belarussen oder Juden.
Außenpolitisch war Riga eine schwere Hypothek für Polen, das zwar seine Grenzen weit nach Osten geschoben, aber im Grunde alle Nachbarn gegen sich aufgebracht hatte – so sie denn überhaupt existierten und nicht, wie Belarus und die Ukraine, in der Sowjetunion aufgingen. Und Letztere sann auf Rache, vor allem der von Lenin für die Niederlage verantwortlich gemachte Josef Stalin. Das spätere Bündnis mit Hitler beruhte nicht zuletzt auf dem brennenden Wunsch nach Revision der Niederlagen im langen Ersten Weltkrieg.
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