Als am 19. Juli 1980 die Olympischen Spiele in Moskau mit einer spektakulären Feier eröffnet wurden, fehlten die Sportlerinnen und Sportler aus über 40 Staaten. Diese folgten einem Boykott-Aufruf der USA, nachdem sowjetische Truppen Ende 1979 in Afghanistan einmarschiert waren. Politisch und sportlich erwies sich…
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Wir sind nur Marionetten eines Systems, auf das wir keinen Einfluss haben“, formulierte einmal der finnische Skirennläufer Kalle Pallander, Weltmeister im Slalom. Kaum ein Ereignis hat dies deutlicher gemacht als die Olympischen Spiele von Moskau vor 40 Jahren, die zum Gegenstand weltpolitischer Auseinandersetzungen wurden.
Allerdings war es nicht der erste Boykott Olympischer Spiele. Wenig beachtet von der internationalen Öffentlichkeit, waren die Schweiz, die Niederlande und Spanien den Spielen von 1956 in Melbourne ferngeblieben, um gegen die Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn zu demonstrieren; eine Maßnahme, die auf Unverständnis auch in der westlichen Welt stieß. Und 1976 boykottierten 16 afrikanische Staaten die Olympischen Spiele von Montreal, weil Neuseeland daran teilnahm – das zuvor gegen den damals international geächteten Apartheid-Staat Südafrika Rugby gespielt hatte.
Die Auseinandersetzungen um die Spiele des Jahres 1980 erreichten dagegen eine ganz andere Dimension. Auslöser war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan vom 25. Dezember 1979: Die Westmächte sowie die islamische Welt – bis zu diesem Zeitpunkt zum Teil mit dem von der Sowjetunion dominierten Ostblock verbündet – reagierten „empört“, ohne jedoch die Führung der UdSSR damit zu beeindrucken. Im Hintergrund flammte der Ost-West-Konflikt nach einer gewissen Entspannung in den 1970er Jahren erneut auf, bevor er durch den allgemeinen politischen Umbruch in Osteuropa sowie den Kollaps der Sowjetunion ein Ende fand.
Es war ein deutscher Diplomat, Rolf Pauls, damals Botschafter bei der NATO, welcher erstmals von einem Boykott der Spiele in Moskau sprach. Die US-Administration unter Präsident Jimmy Carter (1977–1981) griff die Idee auf. Vizepräsident Walter Mondale überhöhte den anvisierten Schritt zu einer „nationalen Mission“, welche „die Phantasie des amerikanischen Volkes anregen kann“. Carter ließ sich von dieser Begeisterung anstecken und machte den Boykott zur Chefsache. Von Anfang an war dem Weißen Haus jedoch klar, dass ein solcher Boykott die nötige Wirkung verfehlen würde, wenn man ihn nur als nationale Mission der USA ansähe. Im vertrauten Kreis erklärte Carter: „Ich will nicht, dass die Verantwortung für das Scheitern der Olympischen Spiele ausschließlich bei den Vereinigten Staaten liegt. Es muss als eine legitime weltweite politische Reaktion auf das angesehen werden, was die Russen in Afghanistan machen.“
In Washington kalkulierte man damit, die Sowjetunion an einer empfindlichen Stelle zu treffen: Seit der Abkehr vom Stalinismus investierte das kommunistische Regime viel in den Sport. Mit ihren Erfolgen wollte die UdSSR nicht nur ihr Image aufbessern, sondern auch demonstrieren, dass der Sozialismus ein leistungsstärkeres System sei als der Kapitalismus. Im Medaillenspiegel der prestigeträchtigsten Sportveranstaltung – der Olympischen Spiele – gelang es ihr tatsächlich immer häufiger, die USA abzuhängen. Bei den Spielen von Montreal war 1976 sogar die DDR an den USA vorbeigezogen. So erschien es für die Sowjetführung nur angemessen, dieses Großereignis einmal selbst auszurichten.
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Moskau hatte sich bereits für 1976 als Ausrichter der Sommerspiele beworben, war jedoch gescheitert. Am 23. Oktober 1974 erhielt Moskau schließlich vom Internationalen Olympischen Komitee (IOK) den Zuschlag für die Sommerspiele von 1980; Mitbewerber Los Angeles musste zurückstehen. Da die Olympischen Winterspiele – die damals noch im selben Jahr stattfanden – im US-amerikanischen Lake Placid ausgetragen wurden, gewann Moskau die Wahl aus Gründen der Ausgewogenheit deutlich.
In den USA traf die Entscheidung für Moskau lange vor dem Einmarsch in Afghanistan auf Kritik, allerdings ging es nicht konkret um einen Boykott. Dagegen wurde diskutiert, wie die Spiele genutzt werden könnten, um zu bewirken, dass sich die Lage der Dissidenten in der UdSSR verbesserte. Die Boykott-Frage stand erst nach dem Einmarsch in Afghanistan auf der Tagesordnung.
Aber auch ungeachtet der vehementen Unterstützung durch die Spitzen der Carter-Regierung hielten sich die USA zu Beginn des Jahres 1980 zurück. Sie wollten die Winterspiele von Lake Placid nicht belasten, die vom 13. bis zum 24. Februar stattfanden. Carter forderte einen Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan oder eine Verlegung der Spiele.
Mit den olympischen Winterspielen ging die Regierung endgültig in die Offensive. Außenminister Cyrus Vance traf sich protokollgemäß zur Eröffnung mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK). Man erwartete diplomatische Höflichkeiten und die Vorfreude auf die kommenden Spiele. Der Chefdiplomat jedoch gab sich gänzlich undiplomatisch: „Lassen Sie mich die Position meiner Regierung deutlich machen. Wir lehnen die Teilnahme einer amerikanischen Mannschaft an Olympischen Spielen in der Hauptstadt eines Staates ab, der in einen anderen einmarschiert ist.“
Selbst die eigenen Funktionäre waren entsetzt. Der Organisationschef von Lake Placid, Phil Wolff, sagte später: „Ich habe drei Jahre lang im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Niemand hat eine tiefere Liebe zu diesem Land als ich, aber es war nicht richtig, so abfällig und politisch zu reden, wenn wir unsere Gäste aus der ganzen Welt willkommen heißen. An diesem Abend war es mir zum einzigen Mal in meinem Leben peinlich, Amerikaner zu sein.“
Um das IOK zu überzeugen, schickte Carter einen Sonderbeauftragten zum damaligen Präsidenten Lord Killanin (eigentlich: Michael Morris, 3. Baron Killanin of Galway), doch dieser stellte klar: Eine Verlegung der Spiele komme nicht in Frage. Allerdings ließ das IOK zudem mitteilen, dass die einzelnen Nationalen Olympischen Komitees über die Teilnahme entscheiden sollten, ohne Sanktionen befürchten zu müssen; ein Teilerfolg für die USA.
Carter und seinem Team blieb nur noch die Flucht nach vorn. Damit es nicht nach einem Alleingang aussah, mussten möglichst viele Länder für den Boykott gewonnen und das eigene Haus bestellt werden. Unter massivem Druck seitens der Regierung votierte das US-amerikanische Nationale Olympische Komitee am 12. April für einen Boykott. Für den Fall einer gegenteiligen Entscheidung waren unverblümt Steuersanktionen angekündigt worden. Carter selbst schwor die Mitglieder vor der entscheidenden Abstimmung auf seinen Kurs ein. Ein Delegierter bemerkte anschließend: „Ich hatte keine andere Wahl, als den Präsidenten zu unterstützen oder so wahrgenommen zu werden, als unterstützte ich die Russen. Das nehme ich ihm übel.“
Selbst die gewöhnlich sehr patriotischen US-amerikanischen Sportler konnten den Argumenten ihres Präsidenten nicht folgen. Sie hätten die Sowjetunion gern im sportlichen Wettbewerb geschlagen. Al Oerter, ein Volksheld nicht nur wegen seiner vier Goldmedaillen im Diskuswurf, sondern auch als charismatische Persönlichkeit, brachte auf den Punkt, was die meisten dachten: „Die einzige Möglichkeit, etwas gegen Moskau auszurichten, ist es, ihnen in ihrem eigenen Haus den Hals zu stopfen.“
Die US-amerikanische Öffentlichkeit reagierte gespalten. Neben den Sportlern zeigte sich auch die CIA skeptisch und bezweifelte, dass der Boykott etwas bewirken werde. Zudem warnte Geheimdienst-Direktor Stansfield Turner vor möglichen Folgen für die USA: „Die Sowjets wären in der Lage, vor einem teilweise wohlwollenden internationalen Publikum die Rolle einer geschädigten Partei zu spielen und internationale Meinungsverschiedenheiten über den Boykott zu nutzen, um die Spannungen zwischen den USA und nicht boykottierenden oder nur widerwillig boykottierenden Staaten, einschließlich einiger enger Verbündeter der USA, zu verschärfen.“
Die US-Medien dagegen standen weitgehend hinter dem Präsidenten, selbst einflussreiche Sportkommentatoren. Sie begrüßten die Entscheidung als moralische Leistung, die an die große amerikanische Tradition anknüpfte. Bei Meinungsumfragen unterstützten 55 Prozent die Entscheidung des Präsidenten.
All dies zählte jedoch wenig, wenn es nicht gelingen würde, eine nennenswerte Zahl weiterer Staaten zu einem Boykott der Spiele zu bewegen. Dafür gewann Carter einen besonderen Emissär, den weltweit populären ehemaligen Olympiasieger und Boxweltmeister Muhammad Ali, der als Konvertit in der islamischen Welt höchstes Ansehen genoss. Er reiste durch viele afrikanische Staaten, um sie zu einem Boykott zu bewegen.
Aber auch die Sowjetunion blieb nicht untätig und schickte ihre Diplomaten in die Welt, um für die Spiele zu werben und den Boykott in Grenzen zu halten. Ähnlich wie auf Seiten der US-Kampagne waren dabei Versprechungen bei Wohlgefallen und Sanktionen bei Abweichung ein wesentlicher Bestandteil der Diplomatie.
Am Ende war das Ergebnis für Präsident Carter bescheiden: 42 Staaten (einschließlich der USA) schlossen sich dem Boykott an. Die meisten davon waren islamisch geprägte oder afrikanische Länder; Staaten, die großenteils sportlich keine führende Rolle spielten. Von den Verbündeten votierte das deutsche Nationale Olympische Komitee mit 59 gegen 40 Stimmen als einziger Staat der EG (Europäische Gemeinschaft) für den Boykott, dazu kamen Kanada und Japan. 24 Klein- und Kleinststaaten überwiegend aus der Pazifik-Region oder Afrika folgten der Einladung nicht, weil sie die finanziellen Mittel nicht hatten – so zumindest die offizielle Begründung.
Wichtige europäische Staaten wie Großbritannien mit seinen engen Verbindungen zu den USA, Frankreich, Spanien oder Italien sowie die meisten süd- und mittelamerikanischen Länder lehnten den Boykott ab und reisten nach Moskau. Die meisten der EG-Staaten zeigten ihren Protest gegen die sowjetische Afghanistan-Invasion, indem sie bei der Eröffnungsfeier am 19. Juli auf die eigene Nationalfahne verzichteten und unter den olympischen Ringen ins Stadion marschierten.
Die deutschen Sportler reagierten ähnlich enttäuscht wie die US-amerikanischen. Im Fokus stand dabei der Zehnkämpfer Guido Kratschmer. Er hatte bereits vier Jahre zuvor die Silbermedaille gewonnen, 1980 einen neuen Weltrekord aufgestellt und war der große Favorit für die Rolle als „König der Athleten“. Darauf angesprochen, erklärte er noch Jahre später: „Ich wäre es gern geworden.“ Immerhin, er durfte nach Moskau reisen – als Kolumnist für ein Wochenmagazin.
Da die wichtigsten Sportnationen bis auf die USA und die Bundesrepublik in Moskau aufliefen, blieb der sportliche Wert der Spiele halbwegs gewahrt. Schwerwiegender waren die finanziellen Einbußen, da die großen US-amerikanischen Fernsehgesellschaften nicht vor Ort waren. Doch dieser Schaden traf nicht nur Moskau, sondern auch die Sender selbst. Mit der Olympia-Berichterstattung waren zu jener Zeit Werbeeinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe verbunden, die ebenso ausblieben.
Politische Folgen hatte der Boykott nicht. Der Krieg in Afghanistan wurde immer brutaler und führte schließlich zu einer Destabilisierung der gesamten Region. Vermutlich hätte es ohne den sowjetischen Einmarsch keine Taliban gegeben, deren enge, auch persönliche Kontakte zum Terror-Netzwerk al-Kaida gut dokumentiert sind. Auch Jimmy Carter konnte politisch nicht vom Boykott profitieren. Knapp vier Monate später verlor er die Wahl gegen Ronald Reagan (1981–1989).
Die Retourkutsche aus Moskau ließ nicht auf sich warten. Die Sowjetunion und 18 Staaten unter ihrer Vorherrschaft boykottierten die Spiele von Los Angeles 1984. Als Begründung hieß es, die Sicherheit der Athleten sei „angesichts der feindseligen Stimmung und der antisowjetischen Hysterie in den USA“ nicht gewährleistet. Dabei überließ Moskau die Entscheidung nicht den einzelnen Staaten. Allein China, Jugoslawien und Rumänien trotzten Moskau und ließen ihre Sportler nach Los Angeles reisen.
Auch wenn die Zahl der boykottierenden Nationen dieses Mal deutlich kleiner war als in Moskau, war der sportliche Wert der Spiele geringer, denn die fehlenden Nationen hatten bei den letzten nicht-boykottierten Spielen mehr als die Hälfte der Medaillen gewonnen. Im Gegensatz zum westlichen Boykott blieben die Athleten mit ihrer Enttäuschung allein. Offiziell äußerten prominente Sportler aus dem Ostblock nur Verständnis für die „verantwortungsvolle Entscheidung“ ihrer Regierungen. Wie verlogen das war, ahnte man bereits 1984. Dokumentiert wurde es später. Waldemar Cierpinski zum Beispiel, der Marathon-Olympiasieger von 1976 und 1980 aus Halle, der sich mit einem nie erreichten dritten Sieg unsterblich gemacht hätte, bekannte, er habe während der Übertragungen weinend vor dem Fernseher gesessen.
Nach Los Angeles setzte sich die Einsicht durch, dass mit einem Boykott großer Sportereignisse keine Politik zu machen ist. Es war der letzte Boykott dieser Art.
Autor: Klemens Ludwig
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