Die Biographie des ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers und Publizisten Wolfgang Templin soll, so der Wunsch im Vorwort der Theologin Ellen Ueberschär, diese Publikationslücke beseitigen. Um das Fazit vorwegzunehmen: Die vorliegende Biographie entspricht nicht gängigen wissenschaftlichen Standards, da sie keine Fußnoten besitzt, und vor allem nicht einer kritisch-analytischen Herangehensweise, sondern sie ist eine Kompilation aus wichtigen, teilweise älteren Werken über Piłsudski.
In den 14 seinem Leben gewidmeten Kapiteln behandelt Templin die einzelnen Abschnitte des Wirkens Piłsudskis. Hierbei stellt er das private und das öffentliche Leben gleichgewichtig nebeneinander und versucht eine Kontextualisierung, die häufig auf ein speziell deutsches Lesepublikum ausgerichtet ist, indem er etwa in der Schilderung des Verhältnisses der polnischen Sozialisten zur Partei Rosa Luxemburgs auch detailliert auf deren Leben eingeht.
Der unkritische Umgang der Biographie mit dem Wirken Piłsudskis wird an zahlreichen Stellen deutlich, von denen hier nur drei exemplarisch hervorgehoben werden können. So wird die „Bezdany-Aktion“, ein – hier nicht als solcher bezeichneter – terroristischer Überfall auf einen Post- bzw. Geldtransportzug 1906, ebenso wenig problematisiert dargestellt wie der MaiPutsch von 1926, der mehrere hundert Todesopfer forderte. Die Darstellung suggeriert, dass Piłsudski den Putsch eher nolens volens durchgeführt habe.
Schließlich fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der zunehmend autoritären Herrschaft Piłsudskis, etwa seiner Rolle als Diktator, sowie dem Staatsterror gegen die Opposition und der sogenannten Pazifikationen gegen die ukrainische Bevölkerung. Darüber hinaus sind dem Autor Fehler unterlaufen, etwa zu Piłsudskis Krankheit und Tod 1935.
Das 15. Kapitel widmet Templin der „Größe und Wirkung“ des Marschalls, wobei er kaum auf den systematisch seit 1926 aufgebauten Personenkult eingeht, sondern das Schicksal von dessen Epigonen bis zur Etablierung des Museums in Sulejówek skizziert. Insgesamt ist die biographische Erzählung, die der des knapp 50 Jahre alten Werks von Andrzej Garlicki ähnelt, eher in einem Plauderton gehalten und lässt vermuten, dass der Verfasser – wie die meisten der polnischen Biographen – dem Mythos und der Faszination erlegen ist, die Piłsudskis Leben nach wie vor ausstrahlt.
Rezension: Prof. Dr. Heidi Hein-Kircher
Wolfgang Templin
Revolutionär und Staatsgründer
Józef Piłsudski – eine Biografie
Ch. Links Verlag, Berlin 2022, 448 Seiten, € 28,–





