Mary Beard, Professorin für Klassische Philologie in Cambridge, liefert in ihrem nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch in der Sache nichts wirklich Neues, dafür aber in der Konzeption und in der Darstellung höchst Originelles. Eigentlich sind es die üblichen Themen, die zur Sprache kommen: Wohnen, Essen, Trinken, Arbeiten, die Straßen, die Götter, die Wahlen, die Malereien, die Spiele, die Bordelle. All diese Bereiche werden aber zu einem überaus anschaulichen und facettenreichen Panorama des Lebens im antiken Pompeji verknüpft.
Pompeji erscheint hier nicht nur als eine Stadt, die durch den Ausbruch des Vesuvs „jäh aus dem Leben“ gerissen wurde, sondern als ein wirtschaftlich prosperierendes Gemeinwesen im fruchtbaren Kampanien mit einer komplexen Sozialstruktur und mit einer traditionsreichen Vergangenheit. Tatsächlich darf nicht vergessen werden, dass dieser vermeintliche Prototyp einer „römischen“ Stadt zum Zeitpunkt des Untergangs erst knapp 160 Jahre lang römisch und zuvor vor allem auch griechisch geprägt gewesen war.
Gebührende Beachtung findet weiterhin das „zweite Leben“ von Pompeji, und dies nicht etwa in Form einer abermaligen Dokumentation der hinreichend bekannten Geschichte der Ausgrabungen. Vielmehr geht es um den modernen Umgang mit Pompeji, was zum Beispiel den weniger bekannten Umstand mit einschließt, dass die Alliierten Pompeji im September 1943 bombardierten.
Manchem mag die etwas überhebliche Art missfallen, mit der die Autorin die Deutungshoheit in vielen strittigen Fragen der Forschung für sich beansprucht. Man mag sich an der mitunter prätentiösen Sprache stören und an den häufig banalen, den Erzählfluss hemmenden Reflexionen. Doch mehr als entschädigt wird man dafür durch ein Buch, das das Phänomen Pompeji als Ganzes wie im Detail spannend, kompetent und auch unterhaltsam darstellt.
Eine Serviceleistung der besonderen Art ist der Anhang, in dem die Autorin ihre zehn Favoriten unter den antiken Gebäuden in Pompeji vorstellt. Und die durchaus ernstge-meinte Empfehlung, bei einem Rundgang durch das Ausgrabungsgelände eine Karte, eine Flasche Wasser und bequeme Sandalen mitzunehmen, offenbart in sympathischer Weise das Bestreben Beards, die Begegnung mit Pompeji in jeder Hinsicht zu einem Erlebnis zu machen.
Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend





