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Prinzessin zwischen den Stühlen
Anna von Sachsen (1544 – 1577) heiratete 1561 den niederländischen Staatsmann und Feldherrn Wilhelm von Oranien. Die zunächst glückliche Ehe entwickelte sich vor dem Hintergrund des Achtzigjährigen Kriegs – des Aufstands der Niederlande gegen die spanische Oberhoheit – zu einem auch öffentlichen Drama.
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Eigentlich hätte die Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen und Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen zu den besten Heiratspartien Europas gehören müssen. Doch als ihr Vater 1553 in einer Schlacht tödlich verwundet wurde, übernahm sein Bruder August die Regierung. Die Mutter Agnes wurde daraufhin mit Herzog Johann Friedrich dem Mittleren aus der ernestinischen Linie der Wettiner verheiratet – und starb kurz darauf ebenfalls.
Am Hof des Stiefvaters konnte Anna nicht bleiben. Sie zog zurück nach Dresden. Dort interessierten sich weder Kurfürst August noch seine Frau Anna von Dänemark für ihre Nichte. Immerhin schien sie dank einer hohen Mitgift aus dem Vermögen der Eltern leicht zu verheiraten zu sein. Leider war die Mitgift Annas einziger Vorzug. Körperlich wenig reizvoll, galt sie als jähzornig, stur und mit einem übersteigerten Standesbewusstsein ausgestattet. Das sprach sich herum.
Wilhelm von Oranien sucht eine Frau, deren Mitgift zu seinen politischen Ambitionen passt
Erst kurz vor ihrem 15. Geburtstag erschien ein ernsthafter Bewerber auf der Bildfläche. Als ältester Sohn des gleichnamigen Vaters hätte Prinz Wilhelm von Oranien diesem als Graf von Nassau-Dillenburg nachfolgen sollen. Doch dann starb 1544 sein Cousin René von Châlon, und Wilhelm erbte dessen Titel und Ländereien, die größtenteils in den Niederlanden lagen, zu denen aber auch das kleine, jedoch souveräne Fürstentum Orange in Südfrankreich gehörte.
Einzige Bedingung für den Antritt des Erbes war, dass Wilhelm am kaiserlichen Hof in den Niederlanden katholisch erzogen werden sollte. Mit 18 heiratete er dann die Alleinerbin Anna von Egmont, wurde dadurch größter Grundbesitzer der Niederlande – und Wortführer der
adligen Opposition gegen die spanische Herrschaft. Zunächst vermied Wilhelm dabei jede persönliche Kritik an König Philipp II. (1555/56 –1598), sondern konzentrierte diese auf dessen Minister im niederländischen Staatsrat, Bischof Antoine Perrenot de Granvelle.
Als 1558 Wilhelms erste Frau starb, waren Schönheit und Charakter bei der Suche nach einer Nachfolgerin egal – nur vermögend sollte sie sein, denn Wilhelms Lebensstil und seine politischen Ambitionen verlangten einen hohen Geldeinsatz. Anna stand als Tochter eines Herzogs eigentlich im Rang zu hoch für den Grafensohn, dessen Fürstenstand sein Sohn aus erster Ehe erben würde. Aber August wollte seine Nichte loswerden. Gleichwohl gestalteten sich die Verhandlungen schwierig. Granvelle verlangte im Namen Philipps II. eine Erklärung Annas, dass sie zum Katholizismus konvertieren werde, während ihre protestantischen Verwandten eine Erklärung Wilhelms forderten, dass sie ihre Religion frei würde ausüben können.
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Wilhelm löste das Problem, indem er jedem erzählte, was er hören wollte. Annas Großvater Philipp von Hessen misstraute dem Prinzen jedoch und verweigerte mit Verweis auf die Religionsfrage, den niederen Stand und die Schulden Wilhelms seine Zustimmung. Selbst als der gutaussehende und eloquente Prinz von Oranien bei einem ersten Kennenlernen seinen ganzen Charme spielen ließ und Anna ihren Großvater stürmisch bedrängte, blieb Philipp hart. Erst nachdem Kurfürst August ein Machtwort gesprochen hatte, heirateten Wilhelm und Anna am 24. August 1561 in Leipzig. Zuvor hatte Wilhelm mündlich und vor Zeugen eine geheime Erklärung abgegeben und Anna freie Religionsausübung garantiert.
Das Paar nahm in Wilhelms Schloss in Breda Residenz. Trotz aller Vorbehalte und scharfer Beobachtung von außen wurde die Religionsfrage nicht zum Problem. Anna besuchte öffentlich katholische Messen – und feierte privat den lutherischen Gottesdienst. Größere Hürden waren die Sprachbarriere – Anna sprach kein Französisch, und Wilhelm konnte nur mäßig Deutsch – und die für Anna ungewohnt großzügige Hofhaltung.
Bald kam es zu Konflikten mit Wilhelms Bruder Ludwig, dessen ständige Ratschläge Anna als maßregelnd empfand. Bischof Granvelle berichtete dem König im fernen Spanien von heftigen Stimmungsschwankungen der Prinzessin. Gerüchte drangen bis nach Sachsen und Hessen, wo der schwer- kranke Philipp die Regentschaft an seinen Sohn Wilhelm übergeben hatte.
Im Februar 1565 beklagte sich Anna erstmals in Briefen bei Kurfürst August und dem neuen Landgrafen Wilhelm über ihre Lage und bat „aufs aller kindtlichst und freindlichst“ um Unterstützung. Die Angesprochenen zeigten sich weniger besorgt um Annas Wohlergehen als über den Schaden, den etwaige Eheprobleme der Familienehre zufügen könnten. August schickte seinen Rat Hans Löser nach Breda, um Erkundigungen einzuholen – und der berichtete, dass Anna selbst schuld an ihrer Lage sei. Deren Alkoholkonsum stieg in der Folge deutlich an. Im Dezember sorgte sie für einen Skandal, als sie vor Gästen und dem versammelten Hofstaat mit ihrem Gemahl einen Streit vom Zaun brach.
Nicht nur die Spannungen in der Ehe nahmen zu. Niederländische Ad-lige, die sich als Geusen (von französich gueux: Bettler) bezeichneten, schlossen sich zu einem Bündnis gegen König Philipp zusammen. Lutheraner und Calvinisten erhielten starken Zulauf. Vielerorts kam es zu Unruhen. Im Frühjahr 1567 reiste Wilhelm nach Antwerpen, wo die Lage sehr angespannt war, und nahm überraschend seine Frau und den gesamten Hofstaat mit. Er tat dies in weiser Voraussicht. Während Wilhelm heimlich bei den protestantischen Fürsten im Reich um Unterstützung warb und sich Kaiser Maximilian II. (1564 –1576) einschaltete, um in den Niederlanden zu vermitteln, fällte Philipp II. eine folgenschwere Entscheidung: Er schickte den Herzog von Alba, Fernando Álvarez de Toledo, in die Niederlande, um die Rebellion zu beenden.
Alba machte dem ihm vorauseilenden Ruf brutaler Härte bald alle Ehre. Wilhelm erkannte die Zeichen der Zeit, wartete nicht ab, bis der „Blutrat“ des Herzogs zu tagen begann, sondern ging ins Exil. Anna, die bis dahin ein Leben frei von wirtschaftlichen Sorgen genossen hatte, kam nun als Bittstellerin ins Haus ihres Schwagers, Graf Johanns VI. von Nassau-Dillenburg.
Standesbewusst, wie sie war, verstand Anna es schnell, sich bei ihren Verwandten unbeliebt zu machen. Immerhin lief die Ehe besser, da Wilhelm vorerst zum Nichtstun verdammt war. Doch die Besserung hielt nur kurz. Dillenburg wurde zum Zentrum des Widerstandes gegen Philipp II. und den Herzog von Alba. Erste militärische Expeditionen scheiterten jedoch. Keine Hilfe kam aus Hessen und Sachsen. Insbesondere Kurfürst August wollte seine guten Beziehungen zum Kaiser nicht durch die Unterstützung niederländischer Rebellen riskieren.
Während Wilhelm viel unterwegs war, um den Widerstand zu organisieren, geriet Anna immer häufiger mit ihrer Schwiegermutter aneinander. Am 10. Oktober 1568 reiste sie mit nur 150 Gulden in der Tasche kurzentschlossen ab nach Köln – vorgeblich, um sich vor einer in Dillenburg grassierenden Seuche zu schützen.
In Köln war Anna schnell bei allen Lieferanten verschuldet, musste Personal entlassen und Pferde verkaufen. Zugriff auf die ihr bei der Hochzeit verschriebenen Güter in den Niederlanden hatte sie nicht mehr. Zudem waren Wilhelms Brüder unwillig, ihr die als Ersatz vorgesehene Grafschaft Diez zu überlassen. Graf Johann verwies nicht zu Unrecht darauf, dass er das Paar großzügig unterstützte und praktisch allein Wilhelms Feldzüge zur Rückgewinnung von dessen Gütern in den Niederlanden finanzierte.
Anna ist schwanger – Folge der Untreue mit einem Anwalt
Um sich über ihre rechtlichen Möglichkeiten beraten zu lassen, verpflichtete Anna den Anwalt Dr. Jan Rubens. Mit ihm reiste sie im Mai 1570 nach Kassel. Dort präsentierten ihr Landgraf Wilhelm von Hessen und Kurfürst August einen Vorschlag: Wilhelm und Anna sollten in Erfurt ihren Wohnsitz nehmen. Die Kosten für den Unterhalt würden sich Johann VI., der Landgraf und Kurfürst August teilen.
Bis alles vorbereitet war, wurde Anna im Nassauer Schloss in Siegen einquartiert. Im Januar 1571 reiste sie noch einmal nach Dillenburg und verzichtete offiziell auf ihre Ansprüche auf Diez, um den Weg für die neue Lösung freizumachen. In diesen Tagen machte ihr anwesender Ehemann eine Entdeckung: Anna war schwanger.
Es lässt sich nicht eindeutig klären, wer der Vater von Annas Kind war. Klar ist: Sie war für Wilhelm in jeder Hinsicht zur Belastung geworden – finanziell, da sie versorgt werden musste, politisch, da ihre Verwandten ihm keine Hilfe waren, und religiös, da die Opposition in den Niederlanden von Calvinisten dominiert wurde, Anna aber Lutheranerin war. Wilhelm erkannte nun die Lösung seiner Probleme in der calvinistischen Lehre, denn diese erlaubte bei nachgewiesenem Ehebruch die Scheidung. Am 7. März 1571 ließ er Jan Rubens verhaften und nach Dillenburg bringen. Dem „verschärften Verhör“ hielt der Jurist nicht lange stand.
Am 19. März wurde Anna mitgeteilt, dass ihr Anwalt gestanden habe, Vater ihres Kindes zu sein. Die Prinzessin reagierte empört und forderte, Rubens solle wegen seiner Lügen gehängt werden. An Wilhelm von Oranien schrieb sie am 22. März einen wütenden Brief: „Diese Schande so ihr mir nun anthuet … Wißt ihr nicht, daß man in gemeinen sprichwordt sagt, das es ein böser Vogel ist, der sein selbst nest bescheist?“ Doch dann bat Graf Johann um ein Gespräch – und auch sie gestand den Ehebruch.
Während Rubens in Dillenburg in Haft blieb, stand Anna in Siegen unter Hausarrest. Im Sommer machten erste Gerüchte die Runde – und Anna gestand nun auch ihrem Onkel Wilhelm von Hessen den Fehltritt. Gleichzeitig drohte sie, die Öffentlichkeit zu suchen, wenn er ihr nicht helfe. Der Landgraf, Kurfürst August und Johann von Nassau berieten, wie weiter zu verfahren sei. Anna verhielt sich dabei wenig kompromissbereit. Ihren Frust und ihre Wut über ihre Situation ließ sie am Personal aus – oder ertränkte ihn mit Wein.
Wilhelm wurde inzwischen nach ersten militärischen Erfolgen der Geusen zum Statthalter in Holland, Seeland und Utrecht ernannt und zog in die Niederlande. Als sich seine Lage nach der „Bartholomäusnacht“ am 24. August 1572 (dem Mord an Tausenden Protestanten) und der einsetzenden systematischen Verfolgung der Hugenotten in Frankreich wieder zuzuspitzen drohte, ließ er einen Gesandten in Dresden um politische Unterstützung bitten.
Als August diese ablehnte, informierte der Gesandte auch diesen offiziell über Annas Ehebruch. Wilhelm verzeihe ihr, habe aber keine Hoffnung auf Besserung ihres Verhaltens und sehe keine gemeinsame Zukunft. August gab Wilhelm zwar eine Mitschuld – immerhin sei Anna ein wohlerzogenes Mädchen gewesen, bis sie in die Niederlande ging –, schlug aber in einem Brief an Landgraf Wilhelm umgehend vor, Anna „unvermerkt und im geheimen gefänglich verwahren und beisetzen zu lassen“.
Im September trafen sich im hessischen Ziegenhain Gesandte aus Nassau, Hessen und Sachsen. Der Nassauer Anwalt Dr. Jacob Schwarz machte den Vorschlag, Anna „vorerst“ in der Burg Beilstein im Westerwald unterzubringen. Dort seien die Fenster vergittert und alle Türen bis auf eine zugemauert. Umgehend zogen die Räte los, um die Burg zu inspizieren.
Eingesperrt: kein Happy End für die Gestrauchelte
In Siegen bemerkte Anna, dass etwas im Busch war. In einem verzweifelten Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen, versuchte sie vergeblich, Mitglieder des Personals zu bestechen, die ihr die Flucht nach Koblenz ermöglichen sollten. Am nächsten Tag trafen die Gesandten ein und erklärten ihr die Umzugspläne. Anna verkannte die Situation, erklärte, sie wolle lieber in Speyer vor dem Reichskammergericht auf Herausgabe ihrer Güter in den Niederlanden klagen. Als die Räte ihr klarmachten, dass es sich nicht um einen Vorschlag handelte, drohte sie mit Selbstmord.
Um die Sache zum Abschluss zu bringen, ließ Graf Johann nun Jan Rubens nach Siegen bringen. Der bestätigte vor den Gesandten aus Hessen und Sachsen sein Geständnis, auch dass er dies „nicht aus forcht einiger mardter, sondern aus bezwangk seines gewissens bekanndt“ abgelegt habe. Rubens wurde daraufhin gegen eine Kaution und das Versprechen entlassen, auf nassauischem Gebiet zu bleiben. Noch 1577 lebte er mit seiner Frau in Siegen, als beiden ein Sohn geboren wurde, der zu einem der berühmtesten Maler aller Zeiten werden sollte: Peter Paul Rubens.
Auf der Burg Beilstein durfte Anna ihre Gemächer nicht verlassen. Gelegentlich war es ihr erlaubt, im Garten spazieren zu gehen. Auch das Schreiben von Briefen und der Empfang von Besuch bedurften der Erlaubnis des Hofmeisters. Doch niemand kam, und Annas Briefe an die Verwandtschaft blieben ohne Antwort.
Wilhelm von Oranien konvertierte 1573 zum Calvinismus. Am Hof des Pfalzgrafen lernte er die ebenfalls konvertierte ehemalige Äbtissin von Jouarre kennen, Charlotte von Bourbon. Unter der Acht stehend, mit Kindern aus zwei Ehen, fand er in ihr eine neue Partnerin. Calvinistische Theologen stellten offiziell fest, dass wegen des Ehebruchs seiner Frau eine neue Heirat möglich sei. Ungeachtet der wütenden Proteste von Kurfürst August und Wilhelm von Hessen, die in Wilhelm einen Bigamisten sahen und ihn aufforderten, Annas Mitgift zurückzuzahlen, heirateten Wilhelm von Oranien und Charlotte von Bourbon am 12. Juni 1575. Sie führten eine gute und liebevolle Ehe. Annas Schicksal war damit jedoch besiegelt.
Für Kurfürst August und Wilhelm von Hessen stand fest, dass Anna auf keinen Fall auf dem Gebiet von Wilhelms Familie in Nassau bleiben durfte. Doch keiner der beiden wollte sie bei sich aufnehmen. Erst als sich bei ihr Anzeichen geistiger Verwirrtheit zeigten, womöglich durch jahrelangen Alkoholmissbrauch ausgelöst, erklärte sich August bereit, sie nach Sachsen zu holen.
Er beauftragte Wolfgang Bose, der schon Annas Vater gedient hatte, mit der Überführung. Der behielt Anna zunächst in seinem eigenen Haus. Schließlich aber verlor er die Geduld und meldete nach Dresden, sie „sauffe sich alle Tage voll“ und schimpfe und zetere, wenn man ihr nicht genug Wein gebe. Als Anna ihn mit einem Brotmesser angriff und drohte, seine Frau und seine Kinder umzubringen, hatte er endgültig genug.
Am 20. Dezember 1576 ließ Kurfürst August Anna abholen. Im Residenzschloss waren eilig einige Zimmer vorbereitet worden, deren Türen und Fenstern zugemauert und vergittert wurden. Zwei Wärter bewachten die Prinzessin, deren Verwirrtheit und
gesundheitliche Probleme zunahmen. Im Dezember des Folgejahres sollte sie ein Experte untersuchen. Dazu kam es nicht mehr. Am 18. Dezember 1577 starb Anna – fünf Tage vor ihrem 33. Geburtstag.
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