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Propaganda statt Fronteinsatz
Als Spezialist für „innerbetriebliche Werbung“ in einem Rüstungsbetrieb konnte sich so mancher Werbefachmann im Zweiten Weltkrieg vor der Einberufung drücken. Die Werber setzten dabei die NS-Propaganda auf der Ebene eines Unternehmens um.
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Mit dem Beginn von Hitlers Vier-Jahres-Plan im Oktober 1936 war die Umstellung auf Kriegswirtschaft auch im öffentlichen Raum nicht mehr zu übersehen. Zunehmend beherrschten Imperative wie „Eßt Fisch!“, „Spart Zucker!“ oder „Kampf dem Verderb!“ den Stil der Annoncenspalten und Anschlagsäulen – der Kriegsausbruch im September 1939 brachte dann eine weitere Verschärfung mit sich.
Dessen ungeachtet waren Werbefachleute keineswegs gleich arbeitslos. Film-, Theater- und Ausstellungsplakate wollten gestaltet sein, ebenso wie Kalender oder Kochrezepte, Aufrufe zu Wertstoffsammlungen oder Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit Ersatzstoffen.
Gerade die Kenntnis von Beeinflussungsstrategien und -techniken war es ja, welche dieser Funktionselite gute Chancen eröffnete, von Fronteinsätzen viel länger verschont zu bleiben als andere Berufsgruppen. Erst mit der Jahreswende 1942/43 wurden 80 Prozent von ihnen doch zur Armee oder berufsfremden Tätigkeiten abkommandiert. Besonders wirksamen Schutz vor einer Einberufung bot natürlich die sogenannte „innerbetriebliche Werbung“, insbesondere in einem als kriegswichtig geltenden Betrieb.
Schon lange vor Kriegsausbruch galten die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke in Dessau in Hinsicht auf den Standard ihrer innerbetrieblichen Werbung als musterhaft („Junkersmann, auf dich kommt’s an!“). Ziele waren die Steigerung der Qualität der Erzeugnisse, die Verbesserung der Arbeitsabläufe, das Vermeiden von Ausschuss sowie die Optimierung der betrieblichen Organisation. Als geeignete Mittel dazu wurden Werbezeitungen, Vorträge, Plakate, Werbehäuschen, Spruchbänder, Werbefunk, Bekanntmachungstafeln, Flugzettel und das Vorschlagswesen angesehen.
Wie sich die innerbetriebliche Werbung bei Junkers zwischen 1942 und 1944 veränderte und den damit beauftragten Hans Robert Noske (1914–1992) in die Lage versetzte, bis wenige Monate vor Kriegsende an der „Heimatfront“ zu verbleiben, ist ein Musterbeispiel von Stellenwert, Strategie und Ästhetik von „Werbung“ zu Zeiten des „Totalen Kriegs“.
Der Werbeexperte gibt sich als einfacher Arbeiter aus
Zwischen dem 10. und dem 27. Februar 1942 war Hans Robert Noske zum ersten Mal in den Junkers Flugzeug- und Motorenwerken in Dessau beschäftigt – eingestellt als „dienstverpflichteter“ Hilfsarbeiter zu einem Stundenlohn von 0,70 Reichsmark (RM). In Wahrheit jedoch war er eine Art Agent, der sich im eigenen Auftrag hatte einschleusen lassen, um „einmal die Stimmung und die Arbeitsbedingungen von unten her zu untersuchen, um so einen besseren Weg zu den Gefolgsmännern zu finden, als er durch die Werbe- und Druckmittel von oben her eingeschlagen wird“.
Penibel protokollierte er seine Erlebnisse in einem Tagebuch mit dem Titel „14 Tage Jumo [= Junkers Motorenwerke]“. Schon beim ersten Kontakt mit den Kollegen wurden dem angeblich „dienstverpflichteten“ – und schon deswegen allgemein bedauerten – Hilfsarbeiter ein hohes Maß an Vertrauen entgegengebracht. Umgekehrt fiel sein erster Eindruck vom Geist der Belegschaft positiv aus. Die Atmosphäre war von großer Disziplin und Ruhe geprägt, auch wenn darunter vieles zu gären schien.
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So manches Detail fiel ihm auf, etwa dass die Kollegen im Werkheim in ihren Spinden ungeniert Aktfotos neben Führerbilder geklebt hatten, in ihrer Unterwäsche schliefen oder auf Messer und Gabel verzichteten und sich die Wurst mit dem Taschenmesser aus der Pelle kratzten: „Ich unterhalte mich, wo möglich, weiter mit den Kameraden und erfahre manches interessante Schicksal. Der Endeffekt fast jeder Unterhaltung ist die Frage nach dem Ende des Krieges“. Diese Frage schien viele im Tiefsten zu bewegen – offene Zweifel am Endsieg freilich wurden (Februar 1942!) – nie formuliert.
Noske registrierte viele Details, die ihm wertvolle Ansatzpunkte gaben, in Zukunft Maßnahmen im Bereich der innerbetrieblichen Werbung voranzutreiben, beispielsweise die Drückebergertricks der einfachen Leute. Deren praktische Solidarität gegen die Leistungs- und Disziplinvorgaben aufzubrechen, sollte schon bald eines seiner Hauptarbeitsgebiete werden. Noch allerdings wurde dem vermeintlichen Hilfsarbeiter beigebracht, „wie viel Zeit man unbedingt auch zum kleinsten Gang brauchen muss, wie man es möglich macht, private Dinge nebenher zu erledigen. Man ermahnt mich, mich ja nicht zu sehr anzustrengen.“
Was Hans Robert Noske aber ebenso sorgfältig seinem Tagebuch anvertraut, war die Qualität der Kantinenverpflegung: „Bratwurst mit eingerösteten Kartoffeln und Kraut, stets sehr reichlich auf unbeschädigten Porzellanschüsseln. Sehr ordentlich und schmackhaft.“ Hier ließ es sich aushalten.
Kampagnen zur Optimierung der betrieblichen Abläufe
Zwischen März 1942 und Ende 1944 krempelte er die
innerbetriebliche Werbung in den Junkers-Werken völlig um. Dabei war er darauf erpicht, immer effizientere, der sich verschärfenden Kriegslage entsprechende Methoden und Formen zu entwickeln, um die Belegschaft des Unternehmens sowohl zu Produktionshöchstleistungen zu motivieren als auch ideologisch „auf Linie“ zu halten. Ergebnis waren drei große Werbekampagnen: „Es ist so einfach und man denkt nicht dran“ (Mai 1942), „Wir verbessern weiter“ (Oktober 1942) sowie „Einfacher und schneller“ (September 1943).
Trotz einer ermutigenden Resonanz bei der Gefolgschaft kam Noske zu dem Schluss, dass seine Werbemaßnahmen letztlich noch „zu allgemein“ gewesen seien. In Zukunft müssten sie durch eine verstärkt „persönliche“ Ansprache vertieft und in ihrer Wirkung potenziert werden.
Die bislang von ihm umgesetzten Aktionen machte Noske zum Gegenstand seiner Prüfungsarbeit zur Erlangung des Lehrausweises der Nationalsozialistischen Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute (NSRDW) unter dem Titel „Innerbetrieblicher Werbeplan zur Belebung des Verbesserungs-Vorschlag-Wesens der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG“: „Nicht um eine Ware soll hier geworben werden, sondern um eine Leistung: um die Vermehrung brauchbarer Verbesserungsvorschläge aus der Gefolgschaft. Diese Leistung soll nicht der Umworbene kaufen oder bezahlen, sondern der Werbende belohnt sie. Der Erfolg zeigt sich nicht als steigender Umsatz, sondern im Gegenteil im Anschwellen der Prämien-Ausschüttung an die Verbesserer. Diese aber steigern durch ihre Vorschläge die Leistung ihres Betriebes.“
Im Oktober 1942 konnte Noske eine erste Bilanz seiner Beeinflussungsarbeit ziehen – in Form einer großen „Sonderleistungsschau“ im Junkers-Sozialhaus. Sie zeigte anhand von Schautafeln und Fotos den Weg eines Verbesserungsvorschlags bis zu seiner Übernahme in den Betriebsablauf, präsentierte Statistiken und Musterstücke und stellte verdiente Mitglieder heraus.
Noske stellt sich selbst ein gutes Zeugnis aus
Natürlich vergaß Noske nicht, darauf hinzuweisen, dass sich seine Beeinflussungsarbeit „gerechnet“ habe. Er bezifferte die durch seine Maßnahmen erreichten Einsparungen für den Betrieb auf insgesamt 45 300 RM: „Damit ist auch der Werbe-Aufwand und der Einsatz besonderer Kräfte selbst im vierten Kriegsjahr zu verantworten, ja geradezu kriegsbedingte Notwendigkeit.“
Es blieb nicht aus, dass die innerbetriebliche Werbung bei Junkers auch höheren Orts gewürdigt wurde und reichsweit Beachtung fand. Auf der „Reichsausstellung Vorschlagswesen“ in Berlin vom 5. bis zum 13. September 1943 war der Junkers-Stand so groß wie noch niemals zuvor; auch die Gau-Ausstellung in Magdeburg mit dem Titel „Wer tüchtig ist, verbessert auch!“ vom 9. bis 31. Dezember 1943 verriet einen deutlichen Einfluss der Aktionen, die bei Junkers liefen. Auch die Medien waren aufmerksam geworden. Für die Sendereihe „Zeitgeschehen“ des NS-Fernsehens wurde am 27. Oktober 1943 die Folge „1 Kameradin und 10 Junkers-Männer sprechen im Großdeutschen Rundfunk über den Erfolg unseres Wettbewerbs ‚einfacher und schneller‘“ ausgestrahlt.
Freilich war der
Ideenreichtum des Fachmanns für innerbetriebliche Werbung damit noch lange nicht erschöpft. Hans Robert Noske sann auf neue Aktionen, die sich mit der Propaganda „von oben“ aus dem Goebbels-Ministerium zwanglos verzahnen. Ihn faszinierte der Gedanke, innerbetriebliche Werbung spannender und damit effizienter zu gestalten, sie mit Unterhaltungselementen zu kombinieren oder gar als Spiel aufzuziehen, das über viele Wochen attraktiv und wirkungsvoll blieb.
Im Frühjahr 1944 ersann er die „Junkers Bummelanten-Aktion“ – ein Gänsespiel (Brettspiel), das zur Jagd auf faule und säumige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen blies. Damit zahlte Noske auf seine Weise den einfachen Arbeitern heim, was diese ihm seinerzeit an Drückebergertricks verraten hatten.
Der Sinn des oberflächlich durch lustige Zeichnungen und launige Verse daherkommenden Spiels lag natürlich darin, den Druck auf die Belegschaft massiv zu erhöhen – gemäß der im „Totalen Krieg“ angesagten Maximierung der Rüstungsproduktion. Über vier Wochen hin wurde das Anwesenheits-„Spiel“ durchexerziert und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Lektion erteilt, ja nicht so zu sein wie die Feindbildfiguren „Bummel-Hans“ und „Schlaf-Liese“.
Weiteres spielerisches Konzept zur Sensibilisierung der Mitarbeiter
Sein Meisterstück aber lieferte Noske im Herbst 1944 mit dem innerbetrieblichen Wettbewerb „Wäge Deine Worte! Wo entsteht das neue Werk X?“ Längst waren Bombenangriffe, insbesondere auf einen Rüstungsbetrieb wie Junkers, alltäglich geworden, längst waren viele Fabriken verlagert, um an geheim gehaltenen Orten, etwa unter Tage, weiterzuproduzieren.
Vor dem Hintergrund der sich dramatisch zuspitzenden Kriegslage entwickelte Noske ein Wettspiel für die gesamte Gefolgschaft („Der Gewinner erhält eine interessante Broschüre …“), dessen pädagogisches Ziel darin bestand, Gerüchte, Geschwätz, Gerede und deren unkalkulierbare Folgen als „Landesverrat“ anzuprangern und die Belegschaft „spielerisch“ zu absolutem Schweigen zu erziehen. Damit fügten sich seine aus dem Bereich der innerbetrieblichen Werbung stammenden Maßnahmen nahtlos in die seit 1943 reichsweit verbreitete „Feind hört mit!“-Kampagne aus dem Propagandaministerium ein.
Gerade in den letzten Kriegsjahren lief die Rüstungsproduktion auf Hochtouren. Auch Zehntausende von zwangsverpflichteten Fremdarbeitern und Zivilpersonen arbeiteten nun in den zahlreichen Waffenschmieden. Gerade bei den ungelernten Zivilisten, die plötzlich über geheimes Wissen verfügten, kam es immer wieder einmal vor, dass sie abends beim Bier von den neuen Wunderwaffen erzählten, an denen sie arbeiteten. Manche wollten sich damit angesichts der gefühlten Wende von Stalingrad auch einfach ein wenig Mut zusprechen. Für das NS-Regime war dies ein fundamentales Problem. Denn in Windeseile verbreiteten sich solche Gerüchte auch über die Landesgrenzen und führten in nicht wenigen Fällen zu exakten Bombardements durch alliierte Kampfgeschwader.
Das Szenario: Leichtsinnigkeit spielt dem Feind in die Hände
Dementsprechend wird in Noskes Erläuterungsblatt zum Spiel die fiktive und doch so realistische Lage beschworen: „Am 20. September 1944, vormittags zwischen 9 und 10 Uhr, griff ein nordamerikanischer Bomberverband planmäßig das Rüstungswerk X bei Vesperburg (Name geändert) an. Gebäude- und Maschinenschäden waren die Folge, die Belegschaft hatte 32 Tote und Schwerverletzte zu beklagen. Woher hatte der Feind so genaue Kenntnis über den Standort des erst seit kurzem in Betrieb genommenen und ausgezeichnet getarnten Werkes X?“
Eingehende Ermittlungen der Geheimen Staatspolizei hätten hierüber volle Klarheit erbracht: Die Gefolgschaft des Werkes X hätte die unter dem Kennwort „Pst!“ stehende Warnung nicht genügend befolgt und leichtsinnig Lage und Aufgabe ihres Werkes ausgeplaudert, sechs Gefolgschaftsmitglieder hätten scheinbar nichtssagende Äußerungen über den Standort des Werkes X getan, nach denen der feindliche Nachrichtendienst auf die tatsächliche Lage des Werkes hätte schließen können. Als gerechte Strafe seien diese „Verräter wider Willen“ inzwischen zu zwei bis sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden.
Aufgabe für die Gefolgschaft sei nun, aus den im Einzelnen belanglos erscheinenden Äußerungen der „sechs Verräter wider Willen“ jene Informationen herauszufiltern und diese so zusammenzusetzen, dass danach auf der zur Preisfrage gehörenden Landkarte die wirkliche Lage des Werkes X ermittelt werden könne. „Wer glaubt, das richtige Kartenquadrat gefunden zu haben, der schreibe Zahl und Buchstabe des von ihm ermittelten Quadrates (z.B. ,A 1‘ für das Kartenquadrat oben links) auf eine 6 Pfg.-Postkarte und sende diese bis spätestens 31. Oktober 1944 an den Sicherheitsbeauftragten seines Werkes.“
Beifall aus dem Berliner Propagandaministerium
An Spielelementen, „die zugleich Werbemittel darstellen“, wurden Mitte September 1944 jeweils eine große wetterfeste Landkarte an den Hauptausgängen des Werkes aufgespannt, ein großes „Bild-Telegramm ‚an Alle!‘“ in den Werkhallen aufgehängt sowie Erläuterungsblätter „Wo liegt Werk X?“ an den Schwarzen Brettern, ferner sechs verschiedene Ermittlungsblätter ausgegeben (entsprechend den sechs fiktiven Personen, die durch unbedachte Äußerungen Hinweise auf die Lage des Werks gegeben hätten), Handzettel mit Erläuterungen sowie eine Aushangliste für die Namen der sich aktiv am Spiel beteiligenden Einsender.
Propagandistisches Ziel war also der kollektive Maulkorb für die gesamte Belegschaft: „1.) unter allen Umständen über Werksangelegenheiten zu schweigen und 2.) seinen Kameraden, die dabei sind, Rüstungsgeheimnisse auszuplaudern, ein ‚pst!‘ zuzurufen.“ Überdies werde, so Noske, „die bisherige Abneigung der Gefolgschaft gegenüber dem Sicherheitsdienst und seinen Aufgaben in Vertrauen und Zusammenarbeit“ umgewandelt – da die Arbeiter die kriminalistische Suche der Gestapo nach den „Verrätern wider Willen“ hätten kennenlernen und nachvollziehen können.
Der Werbefachmann konnte sich sicher sein, dass diese Aktion den ungeteilten Beifall nicht nur des Propagandaministeriums, sondern auch des Reichssicherheitshauptamts finden würde. Gleichwohl: Noskes Engagement zur Rettung seines Postens weitab der Front erscheint im Nachhinein unglaublich, ergab aber vor dem Hintergrund des Kompetenzgerangels der verschiedenen NS-Organisationen untereinander und beginnender Zersetzungserscheinungen im Herbst 1944 Sinn: Denn der einst so mächtige Werberat der Deutschen Wirtschaft hatte sich bereits am 7. September aufgelöst. Seine Ausführungsbestimmungen oder Zensurmaßnahmen waren also für Noske nicht mehr verbindlich.
Was hatte er in dieser Lage getan? Er hatte sich nach eigenem Bekunden 1944 selbstständig gemacht – um als freier Werbeberater sein „propagandistisch-wertvolles“ Stillhalte-Spiel den Junkers-Werken anzubieten. Ein nicht mehr ins System eingebundener Werbefachmann hatte in der „Vesperburg“ (der fiktive Ortsname im Spiel wirkt hier fast doppeldeutig) überlebt und das auf Propaganda aufgebaute NS-Herrschaftssystem auf dessen ureigenstem Feld souverän überholt.
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