Hier setzt das Buch von Steffi Brüning an, das mit Hilfe von Akten aus Bundes-, Stasi- und Lokalarchiven sowie Interviews mit Zeitzeuginnen ein differenziertes Bild der Lage von Prostituierten zeichnet. Die Beispiele stammen aus Berlin, Dresden und Rostock. Trotz des formalen Verbots gab es vielfältige Formen der Sexarbeit in der DDR. „Die Prostituierte“ existierte nicht, wie
Brüning feststellt. Dennoch beschränkt sie sich aufgrund der Quellenlage bei ihrer Untersuchung fast ausschließlich auf Personen, die durch die staatlichen Stellen als Prostituierte registriert worden waren.
Die staatliche Definition von abweichendem Verhalten war oft subjektiv und folgte keiner einheitlichen Vorgabe. Das begünstigte Denunziationen, etwa wenn Nachbarn meinten, häufigen Männerbesuch bei einer Frau festzustellen, oder wenn Frauen offen Westkleidung trugen. Dann wurden sie schnell verdächtigt, mit Besuchern aus Westdeutschland zu „verkehren“.
Es gelingt der Rostocker Historikerin, einen Einblick in die Handlungsstrategien und den Lebensalltag von Prostituierten in der DDR zu geben und sie konsequent als Akteurinnen darzustellen. So war etwa auch die Zusammenarbeit von Prostituierten mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nicht einseitig, sondern konnte vielfach auch von den Inoffiziellen Mitarbeiterinnen mit bestimmt werden. Ob rekrutiert, um ihr „Milieu“ zu observieren, oder als „Honigfallen“ für Besucher aus dem kapitalistischen Ausland – ihr nun staatlich legitimiertes abweichendes Verhalten eröffnete ihnen Handlungsmacht, da das MfS von ihrer Kooperation abhängig war.
Generell zeigt Brüning, dass Sexarbeit keineswegs nach 1968 abnahm, wenn sie auch aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand. Weiterhin kamen nur solche Prostituierte unter eine dreifache Kontrolle – die des Gesundheitswesens, der Abteilung Inneres der lokalen Verwaltungen und der Volkspolizei –, wenn sie als Person mit „häufig wechselndem Geschlechtspartner“, als alkoholsüchtig oder kriminell auffielen. In wenigen Fällen wurden betroffene Frauen sogar in geschlossene Venerologische Stationen eingewiesen. Indem nur die Auffälligen verfolgt wurden, aber auch durch die starren Strukturen der Verwaltungen, wurde die Eindämmung der Sexarbeit letztlich verhindert.
Wie Brüning selbst zugibt, kann ihre Studie keine allumfassende Darstellung der Problematik leisten, da sie zum Beispiel Veränderungen in der öffentlichen Meinung außer Acht lässt. Dennoch bietet sie einen wichtigen, sehr gut lesbaren, umfassend recherchierten und differenzierten Einblick in die Lebenswirklichkeit von Sexarbeiterinnen in der DDR.
Rezension: Dr. Markus Wahl
Steffi Brüning
Prostitution in der DDR
Eine Untersuchung am Beispiel von Rostock, Berlin und Leipzig, 1968 bis 1989
be.bra Verlag, Berlin 2020, 320 Seiten, € 28,–





