Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Das Ungewöhnlichste am Leben des Zürcher Theologen Ulrich (Huldrych) Zwingli war sein Tod auf dem Schlachtfeld. Im Gegensatz zu anderen Reformatoren starb der charismatische Prediger nicht am Schreibtisch oder nach längerer Krankheit im Bett, sondern in der Rüstung in einem Religionskrieg, den er selbst befürwortet hatte. Noch am Morgen des 11. Oktober 1531, seinem Todestag, hatte er ein weiteres Mal wortgewaltig zur Vernichtung der Katholiken aufgerufen. Insofern ist der martialisch anmutende Titel der neuen Biographie über Zwingli, der vielen Zeitgenossen als rücksichtsloser Demagoge und Aufwiegler erschien, durchaus angemessen.
Der Autor des 2021 zuerst auf Englisch vorgelegten Buches, der aus Kanada gebürtige Historiker Bruce Gordon, ist einer der besten Kenner der Schweizer Reformationsgeschichte und der Ursprünge der reformierten Kirche, eines bedeutenden Zweigs des weltweiten Christentums. Die langjährige Vertrautheit mit der komplizierten Geschichte der Eidgenossenschaft und der konfessionellen Auseinandersetzungen, die sich dort seit Beginn des 16. Jahrhunderts von Jahr zu Jahr weiter zuspitzten, ist auch notwendig, um den Lebensweg des politisch agierenden Kirchenreformers nachzeichnen zu können.
Gordon schildert die bewegte Lebensgeschichte Zwinglis, der zu keiner Zeit Pazifist war und religiöse Gewalt nicht grundsätzlich ablehnte, mit der gebotenen Distanz – er will den so widersprüchlichen Theologen weder überhöhen noch umgekehrt verdammen. Der reformatorische Aufbruch, der sich für ihn ohnehin nicht auf einzelne Personen oder Ereignisse reduzieren lässt, war in seiner Deutung nicht einmal ein einheitliches Bündel von theologischen Lehren oder institutionellen Reformen. Was auf den ersten Blick unvereinbar scheint, wird nicht ausgeblendet, sondern als Teil der Persönlichkeit ernst genommen. Dabei geht es mitunter um diffizile Fragen, etwa um den Abendmahlsstreit, der Zwingli und Luther völlig entzweite.
Wichtiger als solche theologischen Details sind Gordon allerdings die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen, unter denen sich neue religiöse Überzeugungen und Ideen überhaupt erst entwickeln konnten. Was den Autor besonders auszeichnet und von anderen Forschern unterscheidet, ist seine Sprachkraft. Die Biographie, die gezielt einen breiteren Leserkreis ansprechen will, ist verständlich geschrieben und besticht geradezu durch eine elegante Leichtigkeit. Man liest die außergewöhnliche, wunderbar ins Deutsche übertragene Studie nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss.
Bruce Gordon, Zwingli. Gottes bewaffneter Prophet. Schwabe Verlag, Basel 2025, 399 Seiten, € 46,–.





