Ziel des „Speculum“ scheint die pastorale Ausbildung gewesen zu sein. Dem Leser werden Gliederungsschemata an die Hand gegeben, die man sich leicht merken kann. Zeichnungen sollten im Unterricht Sachverhalte verdeutlichen. Die systematische und differenzierte Weise wie der Autor dabei Tugenden und Laster aufgliedert, ist für das 12. Jahrhundert einmalig: Er stellt Tugenden jeweils weitere Tugenden – sogenannte Komplementärtugenden – zur Seite, damit erste nicht zum Laster werden. Ein Beispiel: Zur Sparsamkeit müsse sich die Großzügigkeit gesellen, damit die Sparsamkeit nicht zum Laster Geiz werden würde. Umgekehrt ist die Sparsamkeit für die Großzügigkeit wichtig, damit diese nicht zur Verschwenung wird. Nach dem gleichen Schema werden über 20 weitere Tugenden vorgestellt.
Über das Leben des Moraltheologen Radulfus ist nahezu nichts bekannt: Fest steht, dass er im ausgehenden Hochmittelalter in der Nähe von Poitiers lebte und der theologischen Schule der Porretaner angehörte. Damit war er auch durch die fortschrittliche Schule von Chartres beeinflusst, die den Erkenntnissen der weltlichen Wissenschaften aufgeschlossen gegenüberstand. Sie stellte zum Beispiel Platons Ideen zur Weltentstehung dem biblischen Schöpfungsbericht gegenüber, wobei sogar die Idee vertreten wurde, dass der Mensch das Produkt einer natürlichen Entwicklung sei – Gedanken zur Evolution also, noch viele Jahrhunderte vor Charles Darwin. Aber auch in der Ethik wurden Texte lateinischer Philosophen aufgegriffen – oft unter dem Vorwand, daran Übungen in Grammatik durchzuführen.





