Oft rebellierten einzelne Offiziere gegen den Kapitän
Entsprechen diese Bilder der Realität? Ein Jahrhundert früher, am 12. November 1689, verhandelte ein Kriegsgericht an Bord der „HMS Hampton Court“ den Fall des Bordchirurgen Marmaduke Torrington, dem sein Kommandant, Thomas Heath, Meuterei und Ungehorsam vorwarf. Torrington wurde zum Tod verurteilt. Der Angeklagte war zehn Tage zuvor mit seinem Kommandanten in einen Streit über Lebensmittelrationen geraten. Der Kapitän forderte seinen Untergebenen auf, in seine Kabine zu gehen. Torrington weigerte sich und packte den Kommandanten am Kragen.
Genau das wurde dem Bordchirurgen wahrscheinlich zum Verhängnis. Denn nach zeitgenössischem Verständnis konnte ein physischer Angriff eines Besatzungsmitglieds gegen einen Vorgesetzten als Meuterei gewertet werden, die mit dem Tod bestraft werden konnte. Bei einfacher Befehlsverweigerung war das sehr selten der Fall, jedenfalls wenn sie von Offizieren begangen wurde.
Akte des Aufbegehrens gegen Vorgesetzte im Zeitalter der Segelschiffe konnten also ganz anders aussehen, als es spektakuläre Einzelfälle wie derjenige der „Bounty“ zunächst nahelegen. Von dieser Annahme geht ein von der Gerda Henkel Stiftung gefördertes Forschungsprojekt aus, das den Arbeitstitel „Seemännischer Ungehorsam in der Frühen Neuzeit. Das Beispiel der Royal Navy in den Jahren 1669 bis 1745“ trägt. Fälle wie derjenige des Schiffsarztes Torrington bestätigen diese Vermutung.
Im Mittelpunkt des Projekts stehen Fälle des individuellen Ungehorsams gegenüber Vorgesetzten, die wohl, anders als offene, kollektive Rebellionen, beinahe an der Tagesordnung waren. Aufgeklärt werden sollen ihre Hintergründe, ihr Verlauf und ihre Auswirkungen auf das Herrschaftsgefüge an Bord. Letztlich, so die Hoffnung, können diese krisenhaften, konfliktgeladenen Momente etwas darüber verraten, unter welchen Voraussetzungen die Herrschaft an Bord funktionierte oder ins Wanken geriet.
Die Royal Navy wurde als Untersuchungsgegenstand ausgewählt, weil sie für dieses Thema eine gute Quellenlage bietet. Die National Archives in Kew beherbergen dazu reiche Bestände. Als ergiebig haben sich vor allem Kriegsgerichtsakten erwiesen, während Briefe von Kapitänen an die Admiralität und Logbücher eher eine ergänzende Rolle spielen dürften. Das späte 17. und das frühe 18. Jahrhundert sind zum Untersuchungszeitraum geworden, weil die Royal Navy in dieser Epoche – anders als in der Zeit des britischen Seehelden Horatio Nelson (1758 –1805) – noch relativ wenig erforscht ist. Dies gilt auch für Meutereien auf See wie die auf der „Bounty“, denn zumeist wurden Vorfälle des späteren 18. Jahrhunderts zum Gegenstand zahlreicher Studien.





