Bücher Qumram und das antike Judentum Die Textfunde in elf Felshöhlen am Toten Meer nahe dem Ruinenhügel Chirbet Qumran gehören zu den archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts. Diese Fragmente von knapp tausend hebräischen, aramäischen und griechischen Handschriften geben Einblick in das Leben und Denken ihrer Verfasser und Leser im hellenistisch-römischen Judäa. Sie werfen dabei ein neues Licht auf die Vielfalt des antiken Judentums und zugleich auf den Hintergrund der frühchristlichen Religion und Literatur. Reinhard G. Kratz, Professor für Altes Testament in Göttingen und Leiter der dortigen QumranForschungsstelle, beschreibt zunächst die spannenden Fundumstände, die Veröffentlichung der Handschriften – deren zeitweiliges Stocken zum Nährboden für wilde Verschwörungstheorien wurde – sowie die wesentlichen Merkmale der einzelnen Schriften bzw. Schriftengruppen. Danach widmet er sich der Frage nach dem Zusammenhang zwischen den Schriftrollen, den Siedlungsresten von Chirbet Qumran und der beim jüdischen Historiker Flavius Josephus erwähnten Gemeinschaft der „Essener“. Anschließend geht es darum, wie sich die bei Qumran gefundenen Abschriften und Übersetzungen biblischer Bücher zum Hauptstrom der jüdischen Textüberlieferung verhalten. Manche der Textänderungen der Schreiber können als Ausdruck bewusster Erweiterungen und Aktualisierungen der Vorlagen gedeutet werden. Um zu sondieren, welche Personengruppe die QumramHandschriften herstellte, las und sammelte, werden das antike Vereinswesen sowie der judäische Tempelstaat mitsamt seinen religiösen und gesellschaftlichen Strukturen betrachtet. Weitere Themen sind die besondere Auslegung der Tora in den „Sektenschriften“ (sie enthalten Regeln für die Gemeinschaft) sowie ihr Umgang mit der heilsge-
schichtlichen Tradition Israels und ihre Fortschreibung der biblischen Schriftprophetie. Dahinter stand eine apokalyptische Welt- und Geschichtsdeutung. Kratz betrachtet zudem die Anbetung Gottes in der Gemeinschaft von Qumran. Er skizziert die Formen des gemeinschaftlichen Kultes und der persönlichen Frömmigkeit, wie sie sich in ihren
Reinhard G. Kratz, Qumran. Die Schriftrollen vom Toten Meer und die Entstehung des biblischen Judentums. Verlag C.H. Beck, München 2022, 320 Seiten, € 26,–.
religiösen Dichtungen widerspiegeln. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen jüdischer Weisheitsliteratur und der theologischen Erklärung der Welt in den Handschriften vom Toten Meer. Abschließend werden diese Handschriften als Relikte eines „biblischen“ Judentums interpretiert, das „ganz und gar auf die Tora des Mose und die übrige biblische und parabiblische Überlieferung gegründet ist“. Am Ende des ebenso materialreichen und informativen wie spannend geschriebenen und lesenswerten Buches stehen Ausführungen zum Verhältnis zwischen „Qumran“ und der Jesus-Bewegung, aus der das frühe Christentum hervorgegangen ist. Prof. Dr. Michael Tilly





