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Römerstraßen: Rom war weniger zentral als gedacht
Geschichte & Archäologie

Römerstraßen: Rom war weniger zentral als gedacht

Römerstraße in Ostia, dem alten Hafen der Stadt Rom. Analysen des römischen Straßennetzes haben neue Einblicke in Straßenbau und Verkehrsstruktur der Antike geliefert. · Foto: © Tom Brughmans

Das römische Straßennetz war für den militärischen und wirtschaftlichen Erfolg des römischen Reichs entscheidend und prägt die europäischen Verkehrsnetze bis heute. Doch führten damals wirklich „alle Straßen nach Rom“, wie es sprichwörtlich heißt? Mithilfe einer Kartierung von rund 300.000 Kilometern Römerstraßen haben Forschende untersucht, wo die Zentren des römischen Straßennetzes lagen, wie die Straßen gebaut waren und welche Faktoren ihre Dichte prägten.
Autor
Nadja Podbregar
17. September 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

In seiner Blütezeit um das Jahr 115 herum erstreckte sich das römische Reich über drei Kontinente und mehr als 5,5 Millionen Quadratkilometer. Es reichte von Spanien und Marokko bis ans Kaspische Meer und nach Mesopotamien. Um Güter und Menschen über diese enormen Entfernungen zu transportieren, konstruierten die Römer ein riesiges Netzwerk befestigter Straßen. „Die Römerstraßen waren das Medium, das den Austausch von Menschen, Tieren, Krankheiten, Gütern und Ideen entscheidend prägte“, erklären Adam Pažout von der Universität Aarhus und seine Kollegen. Entsprechend wichtig ist es auch für die historische Forschung, die Struktur und Bedeutung des römischen Straßennetzes zu kennen.

Doch bisher wurden Straßenbau und Verkehrsnetze der Antike vorwiegend auf regionaler Ebene oder rein qualitativ untersucht, wie die Forschenden erklären. Übergreifende quantitative Analysen zur Struktur des Straßennetzes fehlten weitgehend – auch weil entsprechende Kartierungen fehlten. Das hat sich inzwischen jedoch geändert: 2025 stellte ein internationales Forschungsteam erstmals eine interaktive Karte (Itiner-e) vor, die den Verlauf und die Beschaffenheit von rund 300.000 Kilometern Römerstraßen in Europa, Nordafrika und Vorderasien zeigt.

antiker Karren

Das römische Straßennetz war für den Transport von Waren, Menschen und Informationen entscheidend. — © Itiner-e/ Artas Media

Gerade und eben dank fortgeschrittener Technik

Auf Basis dieser Kartierung haben Pažout und seine Kollegen nun drei Kernfragen zum römischen Straßennetz genauer untersucht: Waren die Römerstraßen wirklich vorwiegend gerade und eben? Wie stark haben sie das heutige Straßennetz beeinflusst? Und wie zentral waren römische Großstädte und Rom in diesem Straßennetz? Ihre Auswertungen ergaben zur ersten Frage: Dort, wo die Landschaft dies zuließ, verliefen die Römerstraßen tatsächlich schnurgerade. „Fortgeschrittene Vermessungs- und Bautechniken erlaubten es den römischen Ingenieuren, selbst schwieriges Gelände zu überwinden und auszugleichen“, erklärt Pažout.

Die antiken Straßenbauer terrassierten Hänge, durchschnitten Felsbarrieren und konstruierten Brücken und Mauern, um ihre Straßen möglichst eben und gerade zu machen. „Die große Mehrheit der Römerstraßen – 90,57 Prozent – hatte dadurch eine Steigung oder ein Gefälle von weniger als neun Grad“, berichten die Forschenden. Sie waren damit eben genug, um von Wagen und Karren befahren zu werden – dies galt selbst für die Römerstraßen in den Alpen. Insgesamt zeigten die Analysen, dass die Hauptverbindungen des römischen Straßennetzes ähnlich gerade verliefen wie moderne Straßen. Lokale und regionale Straßen, vor allem in schwierigem Gelände, folgten hingegen oft der Landschaft oder natürlichen Hindernissen.

Byzanz war zentraler als Rom

Überraschend war ein zweites Ergebnis der Analysen: Sie zeigten, dass Rom keineswegs das Zentrum des römischen Straßennetzes bildete. „Entgegen dem Sprichwort ‚Alle Wege führen nach Rom‘ waren andere wichtige Städte wie Antiochia, Ankyra, Byzanz und Korinth als Knotenpunkte für die überregionale landgebundene Mobilität besser angebunden als Rom“, berichten Pažout und sein Team. Demnach lag Rom zwar innerhalb Italiens zentral, aber nicht an einer der am besten vernetzten Hauptstraßen des römischen Reichs. Stattdessen war Byzanz die damals zentralste und am besten angebundene Stadt. Anders als Rom lag sie am Schnittpunkt zweier Kontinente und damit auch an den Fernstraßen, die den europäischen Teil des römischen Reichs mit den Provinzen im Nahen Osten und in Asien verbanden.

Besonders dicht war das römische Straßennetz aber auch entlang großer Flüsse wie Po, Rhein, Donau oder Drava und an einigen Küsten. Denn Städte wie London, Köln, Karthago, Alexandria oder der Hafen von Rom waren schon in der Antike große Umschlagplätze für die per Schiff importierten Waren und Versorgungsgüter. „Aber auch an kulturellen Merkmalen wie den römischen Grenzen und wichtigen urbanen Ballungsräumen war das Straßennetz besonders dicht und gut ausgebaut“, berichten Pažout und seine Kollegen.

Erst der Anfang

Diese Erkenntnisse liefern neue Einblicke darin, wie die Römer ihr riesiges Reich zusammenhielten und strukturierten – und welche Rolle ihr Straßennetz dafür spielte. Noch bleiben aber einige Fragen offen, wie die Forschenden betonen. So berücksichtigt ihre Kartierung beispielsweise nicht, wann welche Römerstraßen gebaut wurden. Dadurch lässt sich die zeitliche Entwicklung des Straßennetzes während der Römerzeit nicht rekonstruieren. Außerdem fehlen Informationen über Seewege, die für das römische Reich eine bedeutende Rolle spielten. Es gibt daher noch viel Raum für zukünftige Erweiterungen und Analysen.

Quelle: Queen Mary University of London; Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-75453-3

AntikeRömerstraßenRömisches ReichStraßennetz
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