Die Sinai-Halbinsel ist schon seit Jahrtausenden umkämpft. Denn die dünn besiedelte, von Wüste geprägte Halbinsel ist wegen ihrer Lage am Übergang von Afrika zum Nahen Osten von strategischer Bedeutung. Zudem lockten schon im Altertum reiche Bodenschätze wie Kupfer, Türkise und Malachit. Die Herrscher des alten Ägypten führten daher wiederholt Feldzüge zur Eroberung des Sinai durch, konnten ihn aber nicht auf Dauer kolonisieren. Gleichzeitig bauten sie zahlreiche Befestigungen an der Ostgrenze ihres Reichs, um Ägypten vor Angriffen aus der Levante zu schützen.
Tempelbau und Straße des Horus
Eine wichtige Rolle für Ägyptens Feldzüge und Verteidigung spielte die „Straße des Horus“ – eine Route, die das Niltal mit der Levante verband. Diese Straße war von zahlreichen Militärstützpunkten und befestigten Städten gesäumt, die unter den Pharaonen Ramses I. und Ramses II. errichtet wurden. Einer dieser Stützpunkte war Tell Abu Saifi, eine nahe der heutigen Stadt El-Quantara im Nordosten Ägyptens gelegene archäologische Fundstätte. Dieser Ort am östlichen Ufer des Suezkanals lag einst ebenfalls an der Straße des Horus. Seit einigen Jahren führen dort Archäologen der ägyptischen Altertumsbehörde Ausgrabungen durch.

Blick auf das Ausgrabungsgelände in Tell Abu Saifi. — © Egypt Ministry of Tourism and Antiquities
Bei den aktuellen Grabungen in Tell Abu Saifi haben die Archäologen unter anderem den alten Tempelbezirk und den Tempel des Horus freigelegt. Unter den Funden sind eine Reihe von Lagerräumen an der Nordseite des Tempels sowie mehrere Hallen, die auf der Südseite des Gebäudes zum inneren Heiligtum führten. „Es wurden zudem die Relikte von zwei gepflasterten Steinrampen entdeckt, die in den befestigten Teil des Tempels führten“, berichtet Mohamed Abdel-Badi vom Obersten Rat für Altertümer Ägyptens. „Der erste Aufweg stammt aus der Ptolemäischen Zeit. Die zweite Steinrampe ist schmaler und liegt über der ersten und stammt aus der römischen Ära.“
Inschrift nennt lange gesuchte Königsstadt Mesen
Besonders spannend ist jedoch etwas anderes: Bei den Ausgrabungen stießen die Archäologen auf einen massiven, in zwei Teile zerbrochenen Türsturz aus Sandstein, der an drei Seiten mit eingeritzten Inschriften bedeckt war. Diese umfassen neben den Titeln von Pharao Ramses II. auch eine Passage, die Restaurationsarbeiten an einer Statue des Gottes „Horus, Herr über die Stadt Mesen“ erwähnt. Das Interessante daran: Die Stadt Mesen oder Mesn wird in Quellen aus dem ägyptischen Neuen Reich erwähnt und dort als Königsstadt beschrieben. Doch wo genau diese Stadt lag, blieb bisher unklar.
Der Fund der Inschrift in Tell Abu Saifi sowie die frühere Entdeckung eines Bronzesiegels mit ähnlicher Aufschrift legen nun nahe, dass Tell Abu Saifi die lange gesuchte Stadt Mesen gewesen sein könnte. Diese epigrafischen Belege seien von enormem Wert, um die Identität dieses Orts zu ermitteln, denn sie verknüpfen den lokalen Tempel mit dem Schutzgott der in den alten Texten erwähnten Stadt, erklärt Hesham Hussein, einer der Leiter des Archäologenteams. Noch reichen die Belege allerdings nicht aus, um Tell Abu Saifi eindeutig als Mesn zu identifizieren, betont er. Weitere Ausgrabungen und archäologische Analysen seien nötig.
Wechselvolle Geschichte über Jahrhunderte
Schon jetzt belegen die Ausgrabungen jedoch, dass der Tempel und die Garnisonsstadt Tell Abu Saifi mehrere Phasen ihrer Entwicklung durchliefen: Die Archäologen entdeckten neben den Bezügen auf Ramses II. und das Neue Reich auch Reste einer Königsstatue, mehrere Falkenskulpturen und die Figur eines Militärschreibers mit einem zerbrochenen Schrein aus der ägyptischen Spätzeit um 600 vor Christus. Der Horustempel der Fundstätte erhielt den Funden zufolge seine prachtvollste Ausgestaltung erst während der ptolemäischen Zeit ab 332 vor Christus und wurde dann mehrere Jahrhunderte bis in die römische Zeit hinein genutzt. Im dritten Jahrhundert wurden dann Teile des Tempelbezirks zu einem befestigten römischen Militärlager – einem sogenannten Castrum – umgebaut.
„Die Entdeckungen an dieser Fundstätte unterstreichen die strategische und kulturelle Rolle, die diese Region an der Ostgrenze Ägyptens über Jahrhunderte hinweg spielte“, kommentiert der ägyptische Kulturminister Sherif Fathy die neuen Funde. Erst in der Spätantike wurde der Horustempel von Tell Abu Saifi zerstört und das einstige Heiligtum diente als Steinbruch und Kalkbrennerei, wie Reste zweier Brennöfen belegen. Die Archäologen werden ihre Ausgrabungen in Tell Abu Saifi weiter fortsetzen. Sie hoffen, dann mehr über die Geschichte und die Verbindung zur Königsstadt Mesen herauszufinden.
Quelle: Egypt Ministry of Tourism and Antiquities





