Wegen seiner übernationalen Offenheit wollen manche heutzutage das Heilige Römische Reich sogar als Konzept für die europäische Zukunft empfehlen. Das ist ein untauglicher Vorschlag. Geschichte bietet keine Kopiervorlagen. Sie weckt allenfalls Sensibilität für Gegenwart und Zukunft. Die Deutschen machten ihren Nachbarn im 20. Jahrhundert das Reich so unerträglich, daß schon das bloße Wort provoziert. Das wilhelminische Kaiserreich und der Nationalsozialismus bemächtigten sich als zweites und drittes Reich der tausendjährigen Vergangenheit, und dieser Mißbrauch überschattet immer noch das historische Urteil. Gegen jedes mittelalterliche Selbstverständnis ließ man Karl den Großen oder Otto den Großen zu deutschen Kaisern werden. Schonungslos stellten die Nationalsozialisten deutsches Mittelalter in Dienst, benannten SS-Divisionen als „Hohenstaufen“ oder „Charlemagne“ (für französische Freiwillige der Waffen-SS), bezeichneten den Überfall auf die Sowjetunion als „Unternehmen Barbarossa“ und stilisierten das Reich zur immerwährenden europäischen Ordnungsmacht. Aus dieser Benutzung läßt sich die ältere Geschichte so schwer herausschälen wie aus den Negativurteilen jener Historiker, die das spätmittelalterliche oder frühneuzeitliche Reich wegen seiner Ineffektivität schalten oder es als Monstrum bezeichneten.
Am 6. August 1806 endete das Alte Reich . Seinen Anfang zu ermitteln gestaltet sich weitaus schwieriger. Am Weihnachtstag des Jahres 800 hatte der Frankenherrscher Karl der Große im römischen Petersdom die Kaiserkro-ne empfangen. Fortan gab es in der Christenheit zwei Kaiser, die ihre Legitimation aus der römischen Geschichte ableiteten. Neben die ost-römischen Kaiser in Byzanz trat ein neues Kaisertum des lateinischen Westens, das sich mit der eigenen Bezeichnung schwertat. Die karolingische Kanzlei griff 801 den Namen des „Römischen Reichs“ auf (Romanum imperium). Als 812 ein Ausgleich mit Byzanz gefunden wurde, vermieden die fränkischen Kaiser aber den römischen Titel. 962, nach den Teilungen des Frankenreichs, erneuerte Otto der Große das Kaisertum und empfing wie sein Vorbild Karl der Große im römischen Petersdom die päpstliche Krönung. Doch erst Otto II. (973 – 983) und Otto III. (983 –1002) griffen – wiederum in Konkurrenz zu Byzanz – programmatisch den Römernamen auf und nannten sich „Kaiser der Römer“ (imperator Romanorum). Gerbert von Aurillac, Berater der ottonischen Kaiser und später Papst (Silvester II.), jubelte: „Unser, unser ist das römische Reich.“ Römische Verlockungen
Seit 800 und endgültig seit dem Ende des 1. Jahrtausends griffen die Könige aus dem Land nördlich der Alpen also beherzt nach der römischen Geschichte. Auf seinem goldenen Metallsiegel bildete erstmals Konrad II. (1024 –1039) das „goldene Rom“ mit der Umschrift ab: „Rom, das Haupt der Welt, hält die Zügel des Erdkreises“. Mit der Zeit nann-ten sich die Könige des ostfränkisch-deutschen Reichs auch schon vor ihrer Kaiserkrönung „König der Römer“ – ohne in Rom gewesen zu sein. Der Glanz des antiken Weltreichs lockte und machte die Kaiserkrönung in Rom zum Gipfelpunkt irdischer Herrschaft. Wegen dieser imperialen Möglichkeiten durchlief das Reich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert den Prozeß der europäischen Nationsbildung anders als seine Nachbarn. Ein „Königtum der Deutschen“ hätte diese höheren politischen Möglichkeiten dagegen beschnitten. Diesen Umstand nutzte Gregor VII. im Investiturstreit mit Heinrich IV. (1056 –1106), als er seinen Gegner als „König der Deutschen“ und dessen Reich als „deutsches Reich“ diffamierte. Schlimmer hätte man den König oder Kaiser der Römer nicht treffen können. Gleichwohl griffen die Menschen im hochmittelalterlichen Deutschland diese ursprünglich italienische Fremdbezeichnung für sich auf.





