Nach Filippo Coarellis sozialgeschichtlich orientiertem Porträt der Frühzeit und Bernard Andreaes kaleidoskopartiger tour de force durch drei Jahrhunderte Kaiserzeit ist es jetzt ein thematischer Zugriff auf die Kunstepoche, den der Sorbonne-Gelehrte Sauron für seine vortrefflich komponierte Darstellung gewählt hat. Die Prismen, durch die er das reichlich vorhandene und in brillanten Abbildungen präsentierte Material bricht, sind der Reihe nach: Aneignung griechischer Vorbilder durch die römische Elite, Nutzung der neuen Formen für ihre repräsentativen Bedürfnisse und Wandel der Ästhetik unter dem Primat der „Revolution“.
Deutschen Lesern sticht ins Auge, wie unbefangen Sauron sich mit seiner Begrifflichkeit in die Tradition Theodor Mommsens und Ronald Symes (dessen Hauptwerk von 1939 trägt den Titel „The Roman Revolution“) stellt. Sauron beschreibt den politischen Umbruch des 1. Jahrhunderts v. Chr. als Revolution, die ihre Entsprechung in diversen „ikonographischen Revolutionen“ gefunden habe. Überzeugend rekonstruiert er die „Ästhetik des Chaos“, die gleichsam den visuellen Soundtrack zum Tohuwabohu der Bürgerkriegszeit lieferte.
Besonders plastisch wird der radikale Wandel der künstlerischen Ästhetik am Beispiel der pompejanischen Wandgemälde, mit denen sich Sauron in eigenen intensiven Forschungen auseinandergesetzt hat. Auch die Verbindungslinien zwischen römischer und griechischer Kunst zeichnet er mit kräftigen Strichen nach: In zwei prägnanten Kapiteln behandelt Sauron eingangs den Prozess der Befruchtung durch griechische Vorbilder, zu dem die buchstäbliche Aneignung als Kunstraub in großem Stil den Auftakt bildete und der großen Männern wie Pompeius und Caesar völlig neue Mittel der Selbstdarstellung an die Hand gab.
Nur punktuell möchte man andere Akzente gesetzt sehen: Die Unmöglichkeit, die visuelle Kultur der Antike unter dem modernen Kunstbegriff zu subsumieren, hätte noch stärker herausgestrichen werden können. Außerdem sind Begriffe wie „Propaganda“, „Imperialismus“ und eben „Revolution“, auf die Antike bezogen, deutungs- und erklärungsbedürftig und sollten keinem Autor im Jahr 2013 allzu leicht aus der Feder fließen. Richtig ärgerlich schließlich sind einige wenige Ausrutscher des sonst untadlig arbeitenden Übersetzers (etwa der statt das) genus mythicon (also die Religion, wie sie im Mythos in Erscheinung tritt).
Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer





