Wichtiger Verbündeter
Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich eng verbündet. Sowohl wirtschaftlich als auch militärisch gab es enge Beziehungen beider Länder, deutsche Diplomaten waren in zahlreichen Konsulaten des Landes präsent. Daraus ergibt sich die Frage: Hätte der Einfluss deutscher Diplomaten und Militärs das Massaker an den Armeniern verhindern oder zumindest eindämmen können? Dieses Thema wird von Historikern erst seit einigen Jahren diskutiert und untersucht.
Die bisherigen Erkenntnisse dazu haben nun Forscher des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in einer Posterausstellung zusammengetragen. In ihrer Schau “Eine innertürkische Verwaltungsangelegenheit? Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die Armenier-Gräuel im Ersten Weltkrieg” im Philosophicum der Universität Mainz, die am 22. April eröffnet wird, beleuchten sie, wie das Deutsche Reich in die Ereignisse verstrickt war.
“Deshalb ist es Pflicht, zu schweigen”
Wie die Forscher berichten, standen deutsche Diplomaten 1915 in engem Kontakt zu Militärs, Missionaren, Unternehmen sowie Hilfs- und Bildungseinrichtungen, die vor Ort tätig waren und über die Armenier-Gräuel berichteten. Auch die kaiserliche Botschaft in Konstantinopel, die von Botschafter Hans von Wangenheim und ab November 1915 von Paul von Wolff-Metternich geleitet wurde, kannte die Lage und leitete die Informationen nach Berlin weiter.
Doch aus politischem Kalkül zog man es dort vor, den wichtigen Bündnispartner nicht zu verärgern. “Über die Armenier-Gräuel ist folgendes zu sagen: Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern im gegenwärtigen, schwierigen Augenblick nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht, zu schweigen”, heißt es in einer Verlautbarung des Kriegspresseamts im Oktober 1915.
Vielfältige Verflechtungen
Wie die Historiker aufzeigen, gingen die Verflechtungen des Deutschen Reiches aber über das bloße Schweigen hinaus. Während deutsche Diplomaten vor Ort durchaus protestierten und lokal auch Hilfe leisteten, gab es auch einzelne Militärs, die sich sogar an den Beschießungen beteiligten, wie die Forscher in einem Beispiel aufzeigen. Hinzu kam, dass deutsche Firmen sogar von den Armenier-Gräueln profitierten.
“Trotz des Bildungsauftrags der Bundestagsresolution von 2005 hat die deutsch-osmanische Verflechtungsgeschichte der Armenier-Gräuel bisher kaum einen Weg in die historisch interessierte Öffentlichkeit gefunden”, heißt es im begleitenden Blog der Mainzer Historiker. “Diese Posterausstellung soll die Diskussion der osmanisch-deutschen Verflechtungen und der Armenier-Gräuel im Ersten Weltkrieg vorantreiben.” So könne jeder Einzelne „dabei mithelfen, dass zwischen Türken und Armeniern ein Ausgleich durch Aufarbeitung, Versöhnen und Verzeihen historischer Schuld erreicht wird”, wie es der Bundestag 2005 gefordert habe.





