Wer heute über die römische Republik schreiben will, braucht Mut und Inspiration. Denn eigentlich meint man alles schon mehrfach gelesen, gehört oder gesehen zu haben. Das in einer überarbeiteten Neuauflage erschienene Buch von Holland bietet inhaltlich nichts grundlegend Neues, aber es leistet etwas viel Bedeutsameres in einer Zeit, die es verlernt hat, Geschichte auf hohem Niveau zu erzählen: Es haucht einer Epoche Leben ein und lässt die Protagonisten so plastisch wiedererstehen, dass man meint, dabei gewesen zu sein. Das Gütesiegel des Buchs ist die souveräne Darstellung nach den Kriterien von Plausibilität und innerer Kohärenz, wobei Holland gleich zu Beginn allen Mäklern die Waffen aus den Händen nimmt, indem er offen zugibt, nur eine mögliche Interpretation zu bieten. Diese überzeugt vor allem durch das feine Gespür für Zusammenhänge und Kausalitäten, die den Quellen nicht unmittelbar zu entnehmen sind. Nach einem gerafften Überblick über die frühen Jahrhunderte steigt die Darstellung ein, wo die entscheidenden Funktionselemente des Dramas in einem größeren Kontext sichtbar werden, nämlich beim Aufstieg Sullas. Sulla demaskiert die Ehrbegriffe der Republik als modifizierbare Größen eines Kampfes der Ehrgeizigen, der den Einsatz immenser Geldsummen und hoher persönlicher Risiken verlangt und gerade hier-in ein Zeichen römischer Mannhaftigkeit erblickt. Die Geschichte der späten Republik erscheint so als großes Vabanquespiel, an dem nicht wenige Begabte (wie Lucullus) scheitern, andere wie Kometen emporsteigen, um wieder zu verglühen, und wieder andere (wie Crassus, Pompeius und Caesar) die Kunst der Intrige und der Bündnisbildung so perfektionieren, dass sie das Ringen um die Spitzenämter schließlich zu einem Kampf um die Macht im Mittelmeerraum erheben.
All das wird eingebunden in einfühlsam gezeichnete Genrebilder der Gesellschaft, der hauptstädtischen Lebensräume und des architektonischen Ambientes. Dass sich am Ende Caesar und dann Oktavian durchsetzten, erscheint als Ergebnis persönlicher Zähigkeit, situativen Glücks und der Kunst des kalkulierten Risikos; es ist aber auch ein fast logischer Endpunkt eines politischen Systems, das dem kaltblütigen Ehrgeiz des Einzelnen immer weniger Grenzen zu setzen vermochte, weil es diesen Ehrgeiz als eine der höchsten Tugenden pries. Das Buch ist so auch ein historisches Lehrstück über den Willen des Menschen, für den Erfolg rücksichtslos alles auf eine Karte zu setzen. Der Rubikon Caesars ist der Rubikon der Geschichte und der Gegenwart.
Rezension: Prof. Dr. Raimund Schulz





