Monumentale Ritualhügel, weitläufige Wohngebiete und Verteidigungsanlagen: Die Indianer-Stadt Cahokia am Ufer des Mississippi war zu ihrer Blütezeit im 11. Jahrhundert die größte präkolumbische Stadt nördlich von Mexiko. Die beeindruckende Siedlung gilt als das Hauptzentrum der sogenannten Mississippi-Kultur, die damals das Tal des mächtigen Flusses prägte. Neben Jagd und Fischfang bildete der Maisanbau auf dem fruchtbaren Schwemmland die Ernährungsgrundlage der Bewohner Cahokias. Die üppige Nahrungsmittelversorgung ermöglichte auf dem Höhepunkt der Entwicklung eine Bevölkerung von mehreren zehntausend Menschen, die in einer hochentwickelten Gesellschaft zusammenlebten. Wie sich in früheren Untersuchungsergebnissen abzeichnete, setzte dann allerdings ein langsamer Niedergang Cahokias ein, der um 1400 in der völligen Aufgabe der Siedlung gipfelte.
Geheimnisvolle Siedlungsgeschichte
Was genau das Ende herbeigeführt hat, ist unklar. Wahrscheinlich spielten aber klimatische Faktoren eine wichtige Rolle: Eine Studie hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass der Niedergang und die Aufgabe Cahokias mit klimatischen Schwankungen und häufigen Überschwemmungen des Kulturlandes durch den nahen Mississippi einhergingen. “Basierend auf den archäologischen Funden ging man bisher davon aus, dass Cahokia anschließend zu einer Geisterstadt wurde”, sagt A.J. White von der University of California in Berkeley. Das hat den Mythos eines von den amerikanischen Ureinwohnern für immer verlassenen Ortes entstehen lassen. Doch wie White und seine Kollegen nun zeigen konnten, bildete der Exodus um 1400 noch nicht das Ende der indianischen Siedlungsgeschichte an dem legendären Ort.
Ihre Ergebnisse basieren neben weiteren Hinweisquellen auf der Analyse von Sedimentbohrkernen. Sie stammen aus dem nahen Horseshoe See, in dem einst die Abwässer des Siedlungsbereichs landeten. Um Rückschlüsse auf die Entwicklung Cahokias zu gewinnen, erfassten die Wissenschaftler vor allem sogenannte Fäkalstanole in den Ablagerungen. Dabei handelt es sich um stabile organische Moleküle, die in unserem Darm gebildet werden, wenn wir Lebensmittel verdauen. Durch Untersuchungen und zeitliche Einordnungen dieser Überbleibsel aus den menschlichen Geschäftchen konnten die Forscher Rückschlüsse auf die lokale Besiedlungsgeschichte ziehen.
Nicht dauerhaft verlassen
Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die Region Cahokia den archäologischen Funden entsprechend um 1400 n. Chr. ein Bevölkerungsminimum erreichte. Doch der Ort blieb anschließend nicht für immer menschenleer: Ab etwa 1500 kam es zu einer erneuten Besiedlung, zeichnet sich in den Analyseergebnissen ab. Das bedeutet: Nach der Aufgabe von Cahokia und einer Zeit der Entvölkerung besiedelten im 16. Jahrhundert erneut Indianer den Bereich der einstigen Stadt. Sie lebten dort bis in das 17. Jahrhundert hinein und ernährten sich vom Maisanbau in umliegenden Feldern aber auch von der Bisonjagd, geht aus den Hinweisen hervor.





