Die Überreste lange vergangener Träume von Göttern, Macht und Reichtum können vom 29. Oktober 2011 bis zum 17. Juni 2012 im Gallo-Römischen Museum im belgischen Tongeren bestaunt werden. Das Museum zeigt in einer Sonderausstellung knapp 250 Artefakte aus dem Fundus der Grabungen um das antike Sagalassos in den Bergen der südlichen Türkei. Die seit Beginn des römischen Einflusses in Kleinasien zur Blüte gekommene Provinzmetropole beherbergte einst zahlreiche prunkvolle Bauten und Plätze, mit reich verzierten Brunnen und Statuen von Göttern und römischen Herrschern. Nach einigen schweren Erdbeben im 6. und 7. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben und geriet in Vergessenheit. Erst Ende des 20. Jahrhunderts organisierte der belgische Archäologe Prof. Dr. Marc Waelkens eine großangelegte Ausgrabung der durch ihre unzugängliche Lage kaum von Menschen veränderten Ruinen. Die Früchte dieser Arbeit werden nun zum ersten Mal außerhalb der Türkei in multimedial aufwendig gestalteter Weise im Museum in Tongeren gezeigt.
Gleich der klassischen Dramen dieser Zeit spiegelt die Geschichte von Sagalassos eindrucksvoll den Aufstieg und Niedergang der griechisch-römischen Kultur in Kleinasien wider. Die Bühne dieses Dramas bilden die Höhenlagen des westlichen Taurus-Gebirges, 100 Kilometer nördlich von Antalya, in der türkischen Provinz Burdur. Sein Prolog erzählt von ersten Grenzkonflikten zwischen den Hethitern und „Salawassa“, einer befestigten Siedlung indo-europäischer Einwanderer. Seit Anfang der Eisenzeit zunächst von Phrygiern, dann Lydiern und, seit 546 v. Chr., von Persern beherrscht, nahm der Ort rasch urbane Züge an. Im 4. Vorchristlichen Jahrhundert stellte Sagalassos bereits ein bedeutendes regionales Zentrum dar. Als bedeutend genug muss auch Alexander der Große die Stadt erachtet haben. 334 eroberte er die Stadt und verhalf der griechischen Kultur, die bereits zuvor Anteil am Leben der Menschen und der Entwicklung der Stadt gehabt hatte, zum endgültigen Siegeszug. Nach zwei Jahrhunderten hellenistischen Einflusses wurde die Polis Sagalassos ab 129 v. Chr. Teil des Imperium Romanum. Nach den kriegerischen und politischen Wirren im ersten vorchristlichen Jahrhundert erlebte die Stadt seit Beginn der römischen Kaiserzeit eine lange Blüte: Durch verbesserte Verkehrswege konnten ihre Bewohner rege am Mittelmeerhandel teilnehmen, vor allem mit Oliven und Töpferwaren. Infolge des gestiegenen Reichtums entstanden zahlreiche Prachtbauten wie Bäder, ein Macellum (Lebensmittelmarkt), zwei Agoren und ein Amphitheater mit Blick auf die Berge. Später widmete man Kaiser Hadrian einen Ehrentempel, ebenso seinem Nachfolger Antoninus Pius, in dessen Zeit auch eine mit zahlreichen Statuen und Säulen geschmückte Brunnenanlage entstand, das antoninische Nymphaeum. Den angesichts dieser kulturellen Blüte fast traurig anmutenden Epilog leiteten seit 400 nach Christus anhaltende Konflikte mit den Ostgoten ein. Doch auch der Bau eines neuen Mauerrings verhinderte schließlich nicht das Eindringen der Pest, die in den Jahren 541/42 die halbe Bevölkerung der Provinz Asia Minor hinwegraffte. Den Schlussakt stellten dann jedoch die beiden schweren Erdbeben um 500 und 590 dar. In der darauf fast vollständig eingeebneten Stadt gab es danach nur noch kleine Siedlungskerne um die alten Tempel, die im Zuge der Christianisierung zu Kirchen umgestaltet worden waren. Als die Seldschuken im 13. Jahrhundert diese letzten Siedlungen unter ihre Herrschaft brachten, hatten sie bereits das heute nahe der Grabungsstätte gelegene Ağlasun zum neuen Hauptort der Region gemacht.





