Am 22. Juni 1718 bestand die Republik Venedig ihr letztes großes Gefecht gegen die Hauptflotte des Osmanischen Reichs. Es war eine Seeschlacht neuen Typs, nicht mehr der frontale Zusammenstoß großer Galeerengeschwader, der drei Jahrtausende lang das Seekriegsgeschehen der Mittelmeerwelt beherrscht hatte. Jetzt zogen mit je 70 bis 100 Kanonen bestückte Segelschiffe in Kiellinie aneinander vorbei, um den Gegner auf kurze Distanz mit ihren Breitseiten zu vernichten. Unter großen Blutopfern wurde die osmanische Flotte am Durchbruch nach Westen, zum Adriatischen Meer, gehindert.
Von diesem Tag an blieb Venedig neutral in den raumgreifenden Erbschaftskriegen des Jahrhunderts, die auch Italien heimsuchten. Die Stadt, schon lange ein Eldorado der Opernfreunde, der Kunst- und Musik-Enthusiasten, wurde Europas friedlicher Festspielplatz, gewissermaßen Bayreuth, Salzburg und Monte Carlo in einem. Zum Karneval, der vom ersten Sonntag im Oktober bis Aschermittwoch dauerte und zum Himmelfahrtsfest für zwei Wochen wiederauflebte, strömten Adlige und Bürger, weltliche und geistliche Fürsten zu ausgelassenem Feiern unter Kostüm und Maske zusammen. Selbst Kaiser und Könige mischten sich unter durchsichtigem Inkognito gefahrlos unter die Menge. Alle Standesschranken verschwanden unter der Maske. Neben dem Standardkostüm des schwarzen Mäntelchens mit weißer Halbmaske oder Vogellarve produzierten sich hochelegante, phantastische und skurrile Gestalten. Maskierte Äffchen und Säuglinge lugten aus der Umarmung bombastisch aufgeputzter Matronen hervor. Auf der Piazza San Marco buhlten Zauberer, Wahrsager, Quacksalber in groteskem Aufputz auf ihren Bühnen um Aufmerksamkeit; waghalsige Akrobaten produzierten sich in schwindelnder Höhe.
Die meisten Gäste waren von der venezianischen Szene vom ersten Augenblick an bezaubert. Denn sie schwamm – anders als heute – in einer einmaligen Klangkulisse. Statt rasselnder Wagen und dem groben Geschrei der Fuhrleute glitten Gondeln fast lautlos vorüber. Die Gondolieri meisterten mühelos jedes Gedränge von Booten und Barken, tauchten mit melodischem Anruf in die dunklen Mündungen der Seitenkanäle ein. Auf vielen Gassen und auf dem Canal Grande wurde musiziert und gesungen. Vor dämmrigen Marmorfassaden brachten Kavaliere und professionel-le Musiker ihren Angebeteten ein Ständchen. Die Dunkelheit setzte dem fröhlichen Treiben kein Ende: Seit 1732 waren alle Quartiere der Stadt nachts beleuchtet, und um Mitternacht füllten sich Gastwirtschaften und Hunderte Kaffeehäuser mit plaudernder Kundschaft, die aus der Oper oder vom Glücksspiel herbeiströmte. Nur an den Spieltischen des palastartigen Ridotto rollte Fortunas Schicksalsrad lautlos; unter ständigem Maskenzwang herrschte diskretes Getuschel.
Außerhalb der Karnevalszeit brachten Regatten und Kirchenfeste ganz Venedig zum Feiern zusammen. Da gab es Prozessionen, die auf Schiffsbrücken nachts über den Canal Grande und zur Insel Giudecca führten; da gab es Wettrudern von Gondolieri, von Fischern und Fischerinnen und die Regatta der Kurtisanen. Fürsten und Könige wurden durch Prunkregatten mit kostümierten Ruderern und Musikern auf phantastisch geschmückten Barken geehrt. Hier waren die Kulissenkünstler am Werk, die auf die Opernbühnen Seestürme, Schlachten und mythische Apotheosen zauberten. Venedig war eben die Hauptstadt des schönen Scheins, seine Bühnenmechanik berühmt.





