Es war eine karge und entlegende Gegend, die der junge Orientalist Aurel Stein (so die anglisierte Form seines Namens, die er seit Ende der 1880er Jahre verwandte) ins Visier nahm. Umrahmt von massiven Gebirgszügen im Norden, Westen und Süden, im Kern das trockene Wüstengebiet des Tarim-Beckens, das Leben nur in den Oasen zuläßt, Tausende von Kilometern von den großen Städten des chinesischen Reiches entfernt, zu dem Chinesisch- oder Ost-Turkestan, wie man damals sagte, formal gehörte. Aber hier waren einst die Kamelkarawanen der Händler entlanggezogen, Marco Polo hatte die Region ebenso durchquert wie der chinesische Mönch Hsüantsang (Xuanzang), der für Stein wegen der topographischen Genauigkeit seines Reiseberichts ein „buddhistischer Pausanias“ war.
Zu seiner ersten Expedition im Jahr 1900 brach Stein von Lahore im damaligen Nordwestindien auf. Rund sechs Wochen benötigte man auf dem schnellsten Weg von Kaschmir nach Kaschgar, dem westlichsten Zipfel Ost-Turkestans, wo sich der russische Konsul Nikolai Petrowski und der prekär, ohne formale Anerkennung durch die chinesische Regierung dort residierende Engländer George Macartney mißtrauisch beäugten. Denn die Region war unversehens in den Blick der europäischen Großmächte geraten, und das Empire verdächtigte das zaristische Rußland, von hier aus aggressive Absichten gegen seine indische Besitzungen zu verfolgen. (Heute kann man auf dem Gelände des früheren Konsulats eher schlecht als recht übernachten und in den Repräsentationsräumen unter historisierenden Deckengemälden feiern.)
Dr. Marlene P. Hiller





