Als am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik proklamiert wurde, erhob sich aus den Trümmern der k. u. k.-Monarchie ein neuer Vielvölkerstaat. Nach den Tschechen und noch vor den Slowaken bildeten Deutsche die zweitgrößte der im Zensus von 1921 erfassten „Nationalitäten“. Weitere Minderheiten waren Ungarn, Ruthenen und Juden. Die Vielfalt war nicht nach jedermanns Geschmack: In Teilen der tschechischen Bevölkerung grassierte „Germanophobie“. Nur vor diesem Hintergrund – in Verbindung mit der neuen stalinistischen Säuberungshysterie nach 1945 – ist das Schicksal zu verstehen, das den treuen Kommunisten Slánský und 13 weitere Angeklagte erwartete, die im November 1951 verhaftet und ein Jahr später spektakulär abgeurteilt wurden.
Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Cˇeskoslovenska; KSCˇ) hatte traditionell eigentlich den Minderheiten die Chance geboten, ihre nationale Identität hinter sich zu lassen. Die Vereinigung im Klassenkampf bedeutete zwar nicht, dass Konflikte entlang ethnischer und vor allem sprachlicher Linien ausblieben – häufig wurde darüber gerungen, ob Deutsch oder Tschechisch parteiintern den Vorzug genießen sollte –, aber die Wahlergebnisse der Partei waren stark, besonders dort, wo Minderheiten große Bevölkerungsanteile stellten.
Die 1930er und 1940er Jahre veränderten alles. Im Münchner Abkommen von 1938 wurde das Land von Frankreich und England verraten: 1938 besetzte die Wehrmacht die sudetendeutschen Gebiete, 1939 den Rest der Republik. Nach dem Münchner Abkommen, das die Tschechei zum Rumpfstaat machte, trat Edvard Beneš (1884–1948) als Präsident zurück und ging ins Exil. In London gründete er 1940 eine Exilregierung.
Dort waren die führenden Kommunisten nicht gern gesehen – wegen ihrer politischen Überzeugung und weil die Muttersprache vieler von ihnen Deutsch war. Je länger der Krieg andauerte, umso größer waren die Zweifel an den deutschsprachigen Tschechoslowaken geworden. Beneš, lange Befürworter eines Nationalitätenstaates gegenüber der Alternative eines Nationalstaats, begann 1943, die Tschechoslowakei als Nationalstaat „der Tschechen, Slowaken und des karpathorussischen Volkes“ zu bezeichnen. Pläne wurden geschmiedet, die deutschsprachige Bevölkerung umzusiedeln.
Durch den Holocaust des größten Teils seiner jüdischen Bevölkerung beraubt, musste sich das Land nach Kriegsende neu finden. Die KSCˇ war zögernd auf den Kurs der Exilregierung eingeschwenkt. Die deutschstämmigen Genossen akzeptierten stillschweigend die Verwandlung der KSCˇ. Es wurden keine Deutschen mehr in die Partei aufgenommen, und man forderte die deutschen Antifaschisten auf, das Land zu verlassen. Für jene Teile der jüdischen Bevölkerung, die den Holocaust überlebt hatten, war die Übersiedelung keine Alternative. Zum Problem wurde für viele, dass die wichtigsten Sprachen der jüdischen Minderheit Deutsch und Ungarisch waren. Noch verdächtiger als deutsch zu sprechen war Bilingualität: Wer zwei Sprachen sprach, galt bald als „national unzuverlässig“.





