Am 17. Juni 1941, fünf Tage vor dem deutschen Überfall, legte der Volkskommissar für Staatssicherheit, Wsewolod Merkulow, Stalin eine Agentenmeldung aus Berlin vor: Sie enthielt die dringende Warnung, in Berlin seien alle Vorbereitungen für den Angriff auf die Sowjetunion abgeschlossen, er könne jederzeit erfolgen. Die „Quelle“, ein Stabsoffizier im Deutschen Luftfahrtministerium (es handelte sich um Harro Schulze-Boysen), benannte die Ziele der deutschen Luftschläge und von wo aus sie angeflogen werden sollten. Sichtlich genervt schrieb Stalin an den Rand, diese „Quelle“ sei keine „Quelle“, sondern ein „Desinformant“.
Die Reaktion fiel wohl auch deshalb so heftig aus, weil Stalin solche Warnungen schon seit dem Sommer 1940 und seit dem Frühjahr 1941 von allen Seiten erreicht hatten. Selbst als am Morgen des 22. Juni der Angriff auf breiter Front begonnen hatte, meinte der Diktator noch, davor warnen zu müssen, sich „provozieren“ zu lassen; und als das Undenkbare nicht mehr zu leugnen war, tauchte er für einige Tage ab, überließ es Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der Öffentlichkeit in einer Rundfunkrede die schlechte Nachricht zu überbringen, und den Militärs, die Verantwortung für die ergriffenen Gegenmaßnahmen zu übernehmen.





