Als die Soldaten der 6. Armee Ende Januar/ Anfang Februar 1943 in Gefangenschaft gerieten, waren sie dem Tod näher als dem Leben. Die Versorgungslage der 6. Armee war schon seit dem Sommer 1942 durch die eingeschränkten Transportmöglichkeiten auf dem Vormarsch schwierig gewesen. Wenn man von einem Kalorienbedarf für einen im Einsatz befindlichen Soldaten von etwa 3000 bis 4000 Kalorien ausgeht, wäre dafür eine tägliche Brotration von rund 700 bis 800 Gramm erforderlich gewesen. Bereits im September 1942 schätzte ein Truppenarzt die tatsächlich ausgegeben täglichen Rationen jedoch nur noch auf einen Nährwert von 1800 Kalorien, die tägliche Brotration betrug rund 300 Gramm – etwa drei dünne Scheiben. Als dann die 6. Armee nur noch aus der Luft versorgt werden konnte, sank die tägliche Brotration bis Weihnachten 1943 auf 100 Gramm, nur kampffähige Soldaten erhielten mitunter noch 200 Gramm. Im Lauf des Januar 1943 verschärfte sich die Lage nochmals – zum Schluß erhielten nur die Kämpfer Essensrationen, die allerdings unterhalb von 100 Gramm Brot lagen. Verwundete und Kranke hatten keinen Anspruch auf Verpflegung mehr. Obwohl das hier aufgezeigte Bild für die allermeisten Soldaten zutraf, gab es auch einzelne, die durchaus gut versorgt waren. Letztlich resultierte aber auch diese Ungleichheit aus derselben Ursache, der Unterversorgung. Nachdem die ursprünglich bei der 6. Armee eingesetzten 12000 Pferde von der Truppe geschlachtet und aufgegessen worden waren, gab es nämlich nicht genug Transportfahrzeuge und Treibstoff, um die Truppe zu versorgen. Dieser Mangel wirkte sich nicht nur auf die Nahrungs- sondern auch auf die Brennstoffversorgung aus. Mit anderen Worten: Die 6. Armee hungerte nicht nur, sie fror auch erbärmlich. Zudem kam es unter den unzureichenden sanitären Bedingungen bereits im November 1942 zu den ersten Fällen von Fleckfieber, an dem dann später viele Soldaten in Kriegsgefangenschaft sterben sollten. Was hat die Soldaten bewogen, trotz allem bis Ende Januar auszuhalten? Zunächst einmal war der wesentliche Grund das Versprechen Hitlers vom 27. November 1942. Er werde alles in seiner Macht liegende tun, um sie zu unterstützen. Der Generalstabschef der 6. Armee, Generalmajor Arthur Schmidt, dichtete dazu: “Drum haltet aus, der Führer haut euch raus.” Der Fehlschlag des Entsatzversuches und das Verbot des Ausbruchs ließen dann gegen Weihnachten die Zuversicht deutlich absinken. Im Lauf des Januar schwand dann endgültig die Hoffnung, aus dem Kessel befreit zu werden. Das am stärksten deprimierende Ereignis war die Rede Görings am 30. Januar 1943, die auch in Stalingrad zu hören war. In seiner Ansprache verglich er die Soldaten der 6. Armee mit den Kämpfern an den Thermopylen, die auch gefallen seien, wie es ihnen die Pflicht befahl. Erst hierdurch wurde den Soldaten bewußt, daß man sie aufgegeben hatte. Es wäre kurzschlüssig, diese so späte Erkenntnis nur mit Indoktrination oder Terror seitens der Führung zu erklären. Zwar stand auf Desertion und Kapitulation die Todesstrafe, aber wer hätte die Einhaltung solcher Befehle in der zerfallenden 6. Armee des Januar 1943 sicher stellen können? Daß es trotzdem bis Ende Januar kaum zu Auflösungserscheinungen kam, lag zunächst einmal am Hunger, der längst das Stadium eines zeitweisen Mangels überschritten hatte und zur Dystrophie geworden war. Zu deren Symptomen gehörten neben allgemeiner Apathie auch die völlige Verlangsamung aller physischen und psychischen Prozesse im Menschen und die Abkoppelung von der Außenwelt. Und da die Rote Armee erst nach dem Kapitulationsangebot vom 8. Januar 1943 ohne allzu große Eile daran ging, den Kessel von Westen her zu zerschlagen, konnten die deutschen Soldaten an den anderen Fronten des Kessel apathisch auf das warten, was irgendwann kommen würde. Der tiefere Grund für das Aushalten der Soldaten war aber die Alternativlosigkeit. Hier ist es notwendig, sich in die Vorstellungswelt der Soldaten zu versetzen. Manche von ihnen hatten den Ersten Weltkrieg noch als aktive Soldaten erlebt, die allermeisten aber hatten nach dem Krieg die Erlebnisberichte der Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft gelesen. Auch wenn diese Berichte nach heutigem Kenntnisstand überzeichnet sind, war dennoch das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in Rußland eines der härtesten im Ersten Weltkrieg. Allein beim Bau der Murmanbahn waren rund 20000 bis 25000 der eingesetzten 70000 Kriegsgefangenen gestorben. Dies waren die Bilder, an die die nationalsozialistische Propaganda erfolgreich anknüpfen konnte. Überlaufen und Kapitulieren lag den deutschen Soldaten an der Ostfront daher fern. Viele erwarteten, daß die sowjetische Kriegsgefangenschaft schlimmer sein würde als der Tod…





