Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die häuslichen Objekte – Möbel, Werkzeuge, Kleidung, Küchengeräte – Einzelstücke. Gegen Ende des Jahrhunderts gab es bereits Massenprodukte, Maschinen und Wegwerfartikel in den wohlhabenderen Haushalten. Auch der familiäre Gefühlshaushalt revolutionierte sich grundlegend. Kindheit und Jugend bildeten sich als eigene Lebensphase überhaupt erst aus. Die bürgerliche Familie emanzipierte sich von höfischen oder bäuerlichen Lebensmustern. Zwischen Biedermeier und vorfabrizierten Küchenprodukten eröffnet sich das historische Spannungsfeld von Privatisierung und Industrialisierung des häuslichen Alltags, von Intimisierung und zugleich Standardisierung des Familienlebens.
Dieses Spannungsfeld wird in der Ausstellung schon im Eingangsbereich erlebbar. Die Besucher gelangen durch ein großbürgerliches Entrée zu einem großen Webstuhl, einem eindrücklichen Denkmal härtester heimischer Fron. Der Gang durch die Ausstellung führt die Besucher buchstäblich durch verschiedene Zeit-Räume. Wie überlebensgroße Vitrinen markieren Holzbalken die unterschiedlichen Zimmer und häuslichen Lebensbereiche: die Küche als soziales Zentrum mit offener Feuerstelle oder emailliertem Industrieherd, Toilette und Bad mit beharrlich wachsender Bedeutung im Jahrhundert der medizinischen und hygienischen Entdeckungen, das Kinderzimmer als neue Notwendigkeit der sich entwickelnden bürgerlichen Familie, das gründerzeitliche Herrenzimmer, die Dienstmädchenkammer. Neue Gegenstände im Haushalt wie massenproduzierte Glasflaschen, Gaslampen und vor allem Uhren verknüpften das Private still und unweigerlich mit der industriellen Revolution. Schulpflicht und Zeittaktung strukturierten das Jahr neu und lösten den Heiligenkalender und den landwirtschaftlichen Jahresrhythmus ab. Der Rundgang führt schließlich in ein Kabinett mit hochkarätiger Interieurmalerei, Werke von Martin Drolling, Eduard Gaertner, Kaspar Benedikt Beckenkamp, Franz von Defregger, Albert von Kelle und weiterer Meister. In der Gegenüberstellung von historischen Alltagsgegenständen mit Gemälden fragt die Ausstellung: Wie interpretierten die Ingenieure, wie die bildenden Künstler den tief greifenden Wandel des häuslichen Lebens?
Es erscheint ein Katalog mit umfangreichen Essays.





