Zehn Könige sollen über Rom und die ganze Welt herrschen
Drei Reden „De lege agraria“ („Über das Agrargesetz“) des großen Rhetorikers sind heute noch mehr oder weniger vollständig erhalten: eine, die Cicero im Senat hielt, und zwei, mit denen er sich an das Volk richtete. Schon die Vorbesprechungen des Gesetzesvorschlags schilderte der begnadete Redner darin als verdächtige geheime Zusammenkünfte bei Nacht. Darüber hinaus behauptete er, dass mit Hilfe des Gesetzes zehn Könige über Rom und die ganze Welt eingesetzt werden sollten – weil in der Vorlage die Einrichtung einer zehnköpfigen Kommission vorgesehen war.
Seine Behauptung untermauerte Cicero, indem er Passagen des Gesetzestextes konspirativ umdeutete: Der Wahlmodus der Kommissionsmitglieder sei so vorgeschrieben, dass die Ergebnisse vorbestimmt seien; die Gründung von Kolonien diene dazu, ganz Italien mit Truppen zu besetzen und Capua als zweite Hauptstadt gegen Rom aufzubauen; manche Gesetzesinhalte seien absichtlich vage gehalten, um die Befugnisse der Kommission auszudehnen – in diesem Stil erging sich der Redner in fast endlosen Anschuldigungen. Hinter dem Gesetz stünden dunkle Kräfte, die er nicht benennen wolle, aber sein Publikum werde wissen, wer gemeint sei. Mit solchen Vorwürfen scheint der Konsul erfolgreich gewesen zu sein, denn das Agrargesetz wurde letztlich nicht verabschiedet.
Nach heutigem Verständnis ist das, was Cicero im Januar 63 in seinen Reden vorbrachte, eine Verschwörungstheorie. Michael Butter, dem führenden Experten auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum, zufolge behaupten Verschwörungstheorien, „dass eine im Geheimen operierende Gruppe, nämlich die Verschwörer, aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören“.
Weitere Charakteristika von Verschwörungstheorien sind, dass sie von einem Dualismus von Gut und Böse ausgehen und dass sie das Übel in der Welt auf zweckbestimmtes Handeln von Personen sowie auf einen weitreichenden Plan der Verschwörer zurückführen. Verschwörungstheorien behaupten zudem oft, dass die Dinge nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen, sondern mehr dahinterstecken muss. Nichts geschieht durch Zufall; alles ist angeblich miteinander verbunden.
In den letzten 20 Jahren hat die Erforschung von Verschwörungstheorien durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zwar große Fortschritte gemacht, doch die Geschichte des Phänomens ist noch nicht für alle Epochen erkundet worden. Lange nahm man an, dass Verschwörungstheorien erst im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution aufkamen.
Geschichtswissenschaftliche Untersuchungen früherer Epochen haben diesen Befund zuletzt jedoch in Frage gestellt, da auch schon in der frühen Neuzeit und im Mittelalter verwandte Phänomene zu beobachten sind.





