Jahrzehntelang hatten zuvor englische Kaperfahrer die spanischen Handelsstützpunkte in der Karibik und an den Küsten Mittel- und Südamerikas terrorisiert. Zwar herrschte seit dem Vertrag von Madrid (1670) Frieden zwischen beiden Ländern, doch duldete die englische Krone stillschweigend die illegalen Aktivitäten…
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Entsprechend verärgert war Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande und seit 1689 König der souveränen Reiche von England und Schottland in Personalunion, als der Lord High Commissioner to the Parliament of Scotland, John Hay, Marquess of Tweeddale und der höchste Repräsentant des Königs in Schottland, den Beschluss des schottischen Parlaments billigte, eine Handelsgesellschaft nach dem Vorbild der englischen Ostindien-Kompanie ins Leben zu rufen. Und so wurde die „Company of Scotland Trading to Africa and the Indies“ gegründet.
Schottische Investoren machen die zu gründende Handelsgesellschaft zu einem patriotischen Projekt
Kopf hinter dem Projekt war der Kaufmann William Paterson. Aus armen Verhältnissen stammend, war Paterson einst in die Karibik ausgewandert, zu Wohlstand gekommen und nach Europa zurückgekehrt. 1694 hatte der findige Geschäftsmann dann mit anderen Kaufleuten und Bankiers die „Bank of England“ gegründet, ehe er in Schottland eine andere, ältere Idee umsetzen wollte: die Gründung eines Handelsstützpunktes am Golf von Darién, an jener Landenge, die Mittel- und Südamerika am Isthmus von Panama miteinander verbindet. Eine an dieser strategischen Stelle etablierte Kolonie würde Schottland Zugang zum Pazifikhandel verschaffen.
Um diesen Plan zu verwirklichen, musste Kapital aufgenommen werden. Doch die Plazierung von Firmenanteilen in London scheiterte am Widerstand des englischen Parlaments (in dem die englische Ostindien-Kompanie eine starke Lobby besaß), und auch der Versuch, in Hamburg Investoren zu gewinnen, scheiterte an englischer Einflussnahme.
Gerade dieser englische Widerstand gegen das Unternehmen weckte jedoch patriotische Gefühle in der Heimat. In der Folge beteiligten sich nicht nur reiche Adlige und Kaufleute an dem neuen Unternehmen, auch Hunderte Ärzte, Apotheker, Anwälte, Professoren, Juweliere, Schneider und Geistliche legten ihr hartverdientes Geld in der Company an, so dass bis zum August 1696 genügend Kapital zur Verfügung stand, um mit den konkreten Vorbereitungen für eine Expedition zu beginnen. Den allerwenigsten Investoren war indes klar, welche gewaltigen Risiken das Unternehmen barg.
Die meisten der Direktoren der Company verstanden ebenfalls nur wenig vom Überseehandel. Bis auf Paterson war niemand aus der Führungsriege je in der Karibik gewesen. Um eine Expertenmeinung verlegen, wandte sich die Company an den Freibeuter und Forschungsreisenden William Dampier sowie dessen Bekannten Lionel Wafer. Letzterer hatte in den 1680er Jahren notgedrungen einige Zeit bei dem in der Darién-Region ansässigen indigenen Volk der Kuna gelebt und dessen Gebräuche und Sprache studiert. Beide bestätigten den Direktoren, dass es dort
einen Küstenstreifen von etwa 30 „Leagues“ (eine „League“ entspricht etwa drei Meilen) gebe, der von den Spaniern zwar beansprucht, aber nicht besiedelt werde.
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Mit Blick auf eine mögliche spanische Reaktion auf ihr Projekt legten die Direktoren in der Folge eine erstaunliche politische Naivität an den Tag. König Wilhelm hatte frühzeitig mehr als deutlich gemacht, dass er das Unternehmen missbilligte, und um die möglicherweise erhoffte Unterstützung lokaler englischer Kräfte war es ebenfalls schlecht bestellt: Der Gouverneur von Jamaika hatte nicht das geringste Interesse daran, seine Häfen zum potentiellen Ziel spanischer Vergeltungsaktionen zu machen.
Dennoch trieb die Company ihr Unternehmen voran. Agenten reisten nach Hamburg und Amsterdam, um Schiffe zu kaufen (englische Werften durften nicht an die Company verkaufen). Zudem wurden Vorräte für die Reise angelegt. Die Zusammenstellung des Proviants zeugte jedoch davon, dass dabei Amateure am Werk waren: Es wurden viel zu wenig haltbare Grundnahrungsmittel eingekauft, dafür große Mengen Branntwein.
Juli 1698: Fünf Schiffe mit rund 1200 Schotten an Bord begeben sich auf die Überfahrt in die Karibik
Im Juli 1698 lagen dann fünf Schiffe bereit, um mit 1200 Menschen an Bord von Leith aus in Richtung Mittelamerika aufzubrechen: Die „St. Andrews“, die „Unicorn“, die „Caledonia“ und die beiden kleineren Boote „Endeavour“ und „Dolphin“, die für die Erkundung des flachen Küstengewässers vorgesehen waren. Geleitet werden sollte das Unternehmen von sieben sogenannten Councilors, die am 12. Juli feierlich vereidigt wurden. Nach einem Zwischenstopp auf Madeira erreichte die Flotte Ende September Antigua und Montserrat. Von dort ging es weiter zur kleinen, zwischen dem spanischen Puerto Rico und dem dänischen St. Thomas gelegenen Insel Vieques.
Der Vorgang blieb nicht lange unbemerkt. Noch am selben Tag tauchte ein dänisches Schiff auf, dessen Kapitän den Councilors erklärte, dass auch sein Land Anspruch auf die Insel erhebe. Und während Captain Robert Pincarton auf St. Thomas versuchte, einen Lotsen anzuwerben, verbreitete sich die Nachricht von der Expedition wie ein Lauffeuer in der ganzen Karibik.
Am 30. Oktober erreichte die Flotte ihr Ziel und ging in einer günstig gelegenen, tiefen, aber doch geschützten Bucht nahe Golden Island vor Anker. Hier sollte „New Caledonia“ entstehen. Schnell machten die Schotten Bekanntschaft mit den lokalen Kuna – und einigen Franzosen, die unter ihnen lebten und sie über die politischen Verhältnisse vor Ort aufklärten. Wertvoll waren insbesondere ihre Hinweise darauf, wie es um das Verhältnis einzelner Kuna-Gruppen und ihrer Anführer zu den Spaniern stand – nämlich nicht sehr gut. Das Wissen darum sollten sich die Schotten in der Folge zunutze machen. Sprachhindernisse stellten sich ihnen dabei nicht in den Weg: Die meisten lokalen Anführer sprachen mindestens eine europäische Sprache, verkehrten häufig mit spanischen Soldaten und europäischen Händlern und lieferten den Kolonisten in der Folge zeitnah Nachrichten über die jüngsten Entwicklungen in den spanischen Stützpunkten.
Nicht nur das Verhältnis zu den Kuna entwickelte sich gut, auch der erste Eindruck von ihrer neuen Heimat gefiel den Neuankömmlingen. Ein anonymer Reiseteilnehmer beschrieb in seinem Reisejournal ausführlich die gute Lage: „Der Boden ist fruchtbar, die Luft gut und angenehm warm, das Wasser süß, und alles trägt dazu bei, es einem gesund und angenehm zu machen.“ Jedoch wusste er auch zu berichten: „Wir dachten, unser Projekt sei ein großes Geheimnis, doch man weiß überall auf den West Indies davon … auf Madeira schien man davon zu wissen, auf St. Thomas wusste man ganz sicher davon, in Portobelo war ihre [die spanische] Aufklärung so gut, dass sie die Namen aller Schiffe und der Ratsleute und der Kapitäne kannten, noch ehe wir da waren.“
Nur wenig später tauchten gleich mehrere europäische Schiffe in der Bucht auf, darunter das des englischen Kapitäns Richard Long, der ganz offensichtlich darauf aus war, Erkundigungen einzuholen. Sein Bericht zeugt von einem guten Verständnis von der politischen Dimension des schottischen Unternehmens: „Ich unternahm diese Fahrt in der Hoffnung, seiner Majestät einen Dienst zu erweisen, unwissend, wie sich die Dinge nach dem Tod des spanischen Königs entwickeln werden.“
Unterdessen entspann sich zwischen den spanischen Behörden in Lima, Panama, Portobelo, Cartagena sowie dem zuständigen Gremium in der Heimat, dem Consejo de Indias, eine intensive Korrespondenz über den Umgang mit den Neuankömmlingen. Für Unsicherheit sorgte dabei insbesondere die Haltung der Engländer, die auf Jamaika mitten in der Karibik eine bedeutende Operationsbasis besaßen. Als dann der englische Admiral John Benbow mit einer kampfstarken Flotte auf der Bildfläche erschien, sorgte dies zunächst für Unruhe.
Obwohl Benbow den Spaniern seine Hilfe im Vorgehen gegen die Schotten anbot, blieben diese unsicher, was von diesem Angebot zu halten sei. Erst nachdem der englische Lieutenant-Governor auf Jamaika, William Beeston, am 9. April 1699 öffentlich erklärte, dass die schottische Siedlung auf Darién den Frieden gefährde und man den Siedlern daher keinerlei Unterstützung gewähren werde, es gar verboten sei, „mit selbigen Schotten zu korrespondieren oder sie mit Waffen, Munition, Proviant oder anderen notwendigen Gütern zu unterstützen“, legten die spanischen Kolonialbeamten ihr Misstrauen ab.
Durch Krankheiten dezimiert, muss die erste Gruppe der Schotten aufgeben
Derweil spitzte sich die Lage in der Kolonie zu. Die Vorräte gingen zur Neige, anhaltende Regenfälle verzögerten den Bau von Häusern und Verteidigungsanlagen. Im Februar 1699 lief dann die kleine „Dolphin“, die fortgeschickt worden war, um Proviant aufzutreiben, ausgerechnet vor Cartagena auf Grund. Von der gefangen genommenen Crew erhielten die Spanier nicht nur wertvolle Informationen über die Lage in der Kolonie, es bot sich zudem die Gelegenheit für ein deutliches politisches Signal: Die Kapitäne Pincarton und John Malloch, der Steuermann James Graham und der Schiffsjunge David Wilson wurden nach Sevilla verfrachtet, der Piraterie angeklagt und in einem Schauprozess zum Tod verurteilt; nur das Eingreifen König Wilhelms verhinderte den Vollzug der Strafe.
Zu Beginn des Jahres 1699 gingen in der Kolonie vermehrt Nachrichten ein, dass die Spanier einen Angriff vorbereiteten. Doch noch war es nicht so weit. Mit Unterstützung einheimischer Kämpfer gelang es den Schotten zwar, einen zu Lande vorrückenden spanischen Aufklärungstrupp zu vertreiben, entscheidender für die Verzögerung war jedoch der Personalmangel auf den spanischen Schiffen: Es gelang den spanischen Kommandanten lange nicht, eine ausreichend große Flotte zu bemannen, um die unwillkommenen Siedler zu vertreiben.
Vorerst mussten die Spanier auch nicht selbst aktiv werden: Nachdem sie lange vergeblich auf Nachschub aus der Heimat gewartet hatten, beschlossen die durch Krankheiten stark dezimierten Kolonisten Mitte Juni selbst, das Unternehmen abzubrechen.
Die Heimfahrt wurde zur Katastrophe. Bereits kurz nach der Abfahrt musste die „Endeavour“ aufgegeben werden, und die „St. Andrews“ erreichte zwar Port Royal auf Jamaika, war jedoch derartig beschädigt, dass eine Weiterfahrt unmöglich war. Die „Caledonia“ und die „Unicorn“ gelangten bis New York, doch ein Großteil ihrer Passagiere war infolge der katastrophalen Bedingungen an Bord unterwegs gestorben. Allein die „Caledonia“ war in der Lage, die Heimreise anzutreten. Mehr als 700 der 1200 Kolonisten waren gestorben, viele weitere auf Jamaika oder in den englischen Kolonien Nordamerikas zurückgeblieben.
Doch während die „Caledonia“ noch in New York lag, traf dort die Nachricht ein, dass endlich Verstärkung aus Schottland auf dem Weg war. Captain Thomas Drummond segelte daraufhin mit einem neu erworbenen, kleineren Schiff und einer kleinen Besatzung zurück von New York nach Darién. Noch vor Drummond erreichten zwei von Schottland aufgebrochene Schiffe die Kolonie, machten jedoch schnell wieder kehrt: Nachdem die „Olive Branch“ mit all ihren Vorräten an Bord ausgebrannt, war, traten die Überlebenden auf der „Hopeful Binning“ den Rückweg an.
Bald darauf trafen jedoch vier weitere Schiffe mit 1300 neuen Siedlern ein. Zwar hatten noch kurz vor der Abfahrt erste Gerüchte von der Aufgabe der ersten Expedition die Runde gemacht, doch die Direktoren der Company hatten diesen keinen Glauben geschenkt. In ihren Anweisungen an die Flotte schrieben sie: „Wir haben aus London von einer sehr unwahrscheinlichen Geschichte gehört, dass die Kolonisten ihre Siedlung verlassen haben, aus Angst vor Maßnahmen, die in Cartagena gegen sie vorbereitet wurden … Wir können besagter Geschichte keinen Glauben schenken.“
Am 30. November 1699 erreichte die neue Flotte Darién – und fand dort das Wrack der ausgebrannten „Olive Branch“ sowie den inzwischen eingetroffenen Thomas Drummond vor, der die Neuankömmlinge über das Schicksal der ersten Flotte aufklärte. Nach intensiver und kontroverser Diskussion wurde beschlossen zu bleiben. Die Stimmung war jedoch von Beginn an schlecht. Am 23. Dezember berichtete der Rat in einem Brief an die Direktoren über zahlreiche Krankheitsfälle sowie den beklagenswerten Zustand, in dem man die Kolonie vorgefunden habe. Mit Blick auf einen möglichen spanischen Angriff gab man sich hingegen optimistisch: Die Kolonie sei von Land schwer zugänglich und zur See hin gut zu verteidigen.
Tatsächlich gelang es den Schotten Mitte Februar erneut, mit Hilfe ihrer einheimischen Verbündeten in einem Landgefecht einen kleinen spanischen Verband zurückzuschlagen. Doch nur eine Woche später tauchte eine starke spanische Flotte vor der Bucht auf und blockierte die Zufahrt. Der spanische Kommandeur Juan Pimienta hatte es nicht eilig anzugreifen. Stattdessen wartete er einfach ab, während die Vorräte der Siedler immer mehr zur Neige gingen.
Mitte März begannen die Kapitulationsverhandlungen. Zunächst stellte Pimienta harte Forderungen, doch letztlich zeigte er sich großzügig: Den Schotten wurde erlaubt, ihre Schiffe zu reparieren und ehrenvoll und mit ausreichend Waffen und Munition an Bord abzuziehen. Eine Klausel im ausgehandelten Vertrag sah sogar den Schutz der einheimischen Verbündeten vor. Die Heimreise wurde jedoch erneut zum Desaster. Die „Rising Sun“ und die „Duke of Hamilton“ gerieten vor der Küste von South Carolina in einen Hurrikan, der beide Schiffe zerstörte, die „Hope“ sank vor Kuba, und die „Hope of Bo’ness“ musste in Cartagena aufgegeben werden. Nur wenige Siedler erreichten schließlich auf Umwegen ihre alte Heimat.
Dort richtete sich der Zorn der Öffentlichkeit gegen den Nachbarn im Süden. Lord Belhaven, als Direktor der Company direkt am Projekt beteiligt, verkündete im schottischen Parlament, dass es nie eine besser ausgerüstete Flotte gegeben habe, nur aufgrund „der Boshaftigkeit unserer Feinde, war unsere Unternehmung nicht erfolgreich“. Man habe den englischen Nachbarn alle Vorteile des Unternehmens aufgezeigt, doch diese hätten erst beim König dagegen intrigiert und dann in Hamburg: „Ihre heimtückischen Pläne haben uns überrollt, sogar in der Neuen Welt.“
Nach dem endgültigen Aus büßen die Schotten ihre Souveränität ein
König Wilhelm hatte die Stimmungsmache in einem Brief an den Earl of Portland vorausgeahnt: „Obwohl ich sehr froh bin, der Peinlichkeit der Darien-Affäre entledigt zu sein, bedauere ich doch von ganzem Herzen die armen Schotten, die alles verloren haben … Ich fürchte auch, dass dies viele Ärgernisse auslösen wird, unter denen ich zu leiden haben werde.“
Tatsächlich war das ganze Unternehmen schlecht vorbereitet, ohne jede Rücksicht auf widrige politische Umstände durchgesetzt und auch schlecht geführt worden – wie der Initiator William Paterson als einer von wenigen offen zugab. Katastrophal waren auch seine Auswirkungen auf die schottischen Staatsfinanzen. Die Einlagen der Investoren waren verloren – so schien es jedenfalls.
Emotional machte das gescheiterte Darién-Projekt die von Wilhelm angestrebte und unter seiner Nachfolgerin Queen Anne (1707 bis 1714 erste Herrscherin des Königreichs Großbritannien) vollendete Union Englands und Schottlands („Act of Union“, 1707) nicht einfacher. Es vereinfachte aber die Verhandlungen aus englischer Perspektive, gab es der Krone doch ein starkes Druckmittel in die Hand. Das englische Angebot lautete, dass die Investoren der Company vollständig aus der englischen Staatskasse entschädigt werden sollten – der Preis dafür war die schottische Souveränität. Die auszuzahlende Entschädigung belief sich auf die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von rund 232 884 Pfund Sterling, ein Vielfaches beispielsweise des Arbeitskapitals der 1695 gegründeten Bank of Scotland. Die Höhe der Entschädigung wurde am 25. März 1707 im schottischen Parlament festgelegt – in seiner letzten Sitzung für fast 300 Jahre.
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