Ein halbes Jahrtausend war die Adriaküste Teil der Habsburgermonarchie. Ihre Schiffe kreuzten im Mittelmeer, fuhren aber auch hinaus in die Ozeane. Mit den europäischen Seegroßmächten wollte und konnte sich Österreich-Ungarn nicht messen, kam aber um eine kriegstaugliche Marine nicht herum.
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Der Kaiser hatte lieber festen Boden unter den Füßen. Aber es gab ein historisches Ereignis, das Franz Joseph I. (1848 –1916) zu einer längeren, turbulent verlaufenden Seereise zwang: Bei der Eröffnung des Sues-Kanals am 16. November 1869 musste Österreich-Ungarn als europäische Großmacht hochrangig präsent sein, schließlich versprach sich der Seehandel davon eine neue Blütezeit.
Vor Jaffa (heute Tel Aviv) lagen drei Schiffe für die Fahrt nach Ägypten vor Anker. Sturm, schwerer Seegang und Regenschauer machten die Überfahrt per Beiboot gefährlich, doch duldete der Kaiser aus Zeitgründen keinen Aufschub. Zu allem Überfluss war auch die Bordwandtreppe beschädigt. So musste der damals 39-jährige Monarch, vergurtet wie ein Stück Fracht, per Flaschenzug an Bord gehievt werden. Die Zeitungen überschlugen sich mit reißerischen Artikeln – Franz Joseph wäre beinahe im Meer ertrunken oder gar von Haien gefressen worden, hieß es. Die Reise lohnte sich aber auf jeden Fall: Als bei der Eröffnungszeremonie die kaiserliche Jacht „Greif“ als drittes Schiff den Sues-Kanal passieren durfte, war klar, dass die Donaumonarchie auch als Seemacht ernst genommen wurde.
Die Hofkamarilla will keine Flotte, sondern nur eine Küstenwache
Obwohl in Österreich die Geschichte des Habsburgerreichs umfassend aufgearbeitet ist, blieb jene der k. u. k. Kriegsmarine eher ein Thema für Liebhaber als für Forscher. Christian Ortner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums (HGM) in Wien, erklärt sich das so: Mit dem Untergang der Monarchie 1918 „wurde auch der Zugang zu den Quellen gekappt, wir haben nur einen kleinen Teil davon“. Auch hatten für die Forschung nach 1945 andere Themen Vorrang. Gleichwohl bietet die Marineabteilung des HGM Besuchern mit übersichtlicher Gestaltung und teils spektakulären Objekten spannende Einblicke in die k. u. k. Seefahrtgeschichte.
Seit dem 14. Jahrhundert waren die Habsburger an der Adriaküste präsent, doch setzte sich erst unter Karl VI. (1711 –1740) die Erkenntnis durch, dass man mit Seehandel reich werden kann. „Reformkaiser“ Joseph II. (1765 –1790), der Sohn Maria Theresias, sah erstmals die Notwendigkeit einer Marine ein, zumal der Seehandel gegen das grassierende Piratentum immer energischer Schutz anforderte. Doch die Hofbürokratie blieb zäh, Finanzierungsprobleme und Fehlbesetzungen in Schlüsselpositionen machten Fortschritte beim Aufbau einer Flotte immer wieder zunichte. Noch bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine mächtige Hofkamarilla, die unter einer Marine nicht mehr als eine Küstenwache verstehen wollte. „Von einer modernen Kriegsmarine kann man erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts sprechen“, sagt HGM-Direktor Ortner.
Von dieser Notwendigkeit „überzeugt“ hätten die Österreicher erst die Verwerfungen im Revolutionsjahr 1848. In Wien beherrschten Monarchiefeinde die Straßen, der neue, erst 18-jährige Kaiser Franz Joseph musste vorübergehend in das mährische Olmütz (Olomouc) in Sicherheit gebracht und dort inthronisiert werden. Im Süden der Monarchie marschierte die Freiheitsbewegung „Giovane Italia“ (Junges Italien) auf, um die Regionen Lombardei, Venetien, Trentino, Istrien und Triest für ein vereintes Italien zurückzuerobern.
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Ein dänischer Admiral und der Bruder des Kaisers modernisieren die k. k. Marine
Zugleich wurde in Venedig, seit 1797 österreichisch, die Republik ausgerufen; die venezianische Flotte, die Österreich mit dem Frieden von Campo Formio in den Schoß gefallen und der ganze Stolz der aufstrebenden habsburgischen Seemacht war, ging verloren. Fast 90 Prozent der italienischen Soldaten hatten sich mit den Aufständischen verbündet. Bis dahin hatte die venezianisch-österreichische Marine 157 Schiffe und 5000 Mann Besatzung gezählt, nach der Meuterei war sie auf 14 Schiffe und 665 Mann geschrumpft. Ein Neuaufbau, diesmal eine „k. k.“ („kaiserlich-königliche“) Marine, war unvermeidlich. Franz Joseph betraute mit dieser Aufgabe den dänischen Admiral Hans Birch Dahlerup, der forsch durchgriff. Deutsch wurde einheitliche Dienstsprache, die Mannschaften erhielten erstmals eine professionelle Ausbildung, es gab regelmäßige Manöver. Auch wurde der Nachwuchs zu praxisnahen Schulungsfahrten aufs Meer geschickt.
Dahlerup hatte auch die erfolgreiche Schiffsblockade Venedigs befehligt, nach der die Lagunenstadt weiterhin österreichisch geblieben war. Zu Lande hatte der greise Feldmarschall Joseph Wenzel Graf Radetzky zu Radetz in der Schlacht von Custozza 1848 den Aufstand in Lombardo-Venetien niedergeschlagen und damit den Zugang zum Meer freigekämpft.
Mit Erzherzog Ferdinand Max übernahm 1854 erstmals ein Mitglied der Kaiserfamilie das Oberkommando. Durch seinen Einfluss verschaffte er der k. k. Marine einen gewaltigen Modernisierungsschub. Der damals 22-jährige, jüngere Bruder des Kaisers nahm sich einen jungen Seeoffizier, der es nicht erwarten konnte, „Kugeln pfeifen zu hören“, als engsten Berater an seine Seite – Wilhelm von Tegetthoff (1827–1871); auch dieser hatte sich erste Lorbeeren bei der Blockade Venedigs verdient, er sollte noch als der größte Seeheld der Monarchie gefeiert werden. Doch davon später.
Ferdinand Max ging zu Italien auf Distanz. Triest, seit 1382 habsburgisch, blieb Standort für die Werftindustrie und wichtigster Handelshafen mit Sitz der großen Reedereien, allen voran der Österreichische Lloyd. Zum neuen Hauptkriegshafen jedoch wurde seit 1856 Pola (Pula) ausgebaut; das damals noch arme Fischerdorf am Südzipfel Istriens war Ende des 19. Jahrhunderts dank der Marine zu einer lebhaften Kleinstadt aufgeblüht.
„Nun begann sich auch die k. k. Kriegsmarine dem Zeitalter der Panzerschiffe anzupassen, zumal längst bekannt war, dass die Holzschiffe für Seeschlachten nicht mehr tauglich waren“, schreibt der ehemalige Fregattenkapitän Hans Hugo Sokol (1892 –1982) in seinem Buch „Des Kaisers Seemacht“, das bis heute in Österreich als führendes Standardwerk gilt.
Ein österreichischer Ingenieur, Josef Ressel, hatte die Antriebstechnik revolutioniert: Seine Erfindung, die Schiffsschraube, zunächst längere Zeit missachtet, kam 1854 endlich zum Einsatz. 1887 liefen die ersten hochmodernen Turmpanzerschiffe in Pola und Triest vom Stapel. Fiume (Rijeka) an der Kvarner Bucht, Sitz der Marineakademie, wurde der zweitwichtigste Handelshafen und Sitz der rasant wachsenden Werftindustrie. Im Jahr 1911 wurde der Bau von 16 Schlachtschiffen, zwölf Kreuzern, 24 Zerstörern und zwölf U-Booten bewilligt.
Ferdinand Max galt im Gegensatz zu seinem beamtenhaft beflissenen Kaiserbruder Franz Joseph als Träumer und Abenteurer, nur seiner Phantasie konnte ein prunküberladenes Märchenschloss wie das „Miramare“ nahe Triest, heute eine Touristenattraktion, entspringen. Doch er dachte durchaus auch pragmatisch und modern: Die Marine, befand er, diene nicht allein militärischen Zwecken. Daher stellte er sie in den Dienst von Forschung und Wissenschaft sowie des Seehandels, der über Stützpunkte in der ganzen Welt verfügte. So begann mit Ferdinand Max in Österreich auch das Zeitalter der großen Ozeanreisen.
Zwei Expeditionen sorgen für Renommee
Die Expedition der Fregatte „Novara“ von 1857 bis 1859 gilt als die erste und spektakulärste Weltumsegelung der k. k. Seefahrtgeschichte. Die Reise unter dem Kommando von Bernhard Freiherr von Wüllerstorf-Urbair, der auch ein Astronom war, begann in Triest, führte über Madeira nach Brasilien, vom Kap der Guten Hoffnung in den Indischen Ozean, über Singapur an die Küste Chinas, über Australien und Neuseeland nach Chile und von dort wieder zurück nach Europa. In 551 Tagen wurden 51 866 Seemeilen zurückgelegt; die wissenschaftliche Ausbeute der mitreisenden Geologen, Botaniker und Zoologen umfasste rund 30 000 Forschungsobjekte.
Als geradezu mythisch gilt die Polarexpedition des Landoffiziers Julius Payer und des Marineangehörigen Carl Weyprecht der Jahre 1872 bis 1874. Es wäre fast eine Reise ohne Wiederkehr geworden: Unerwartet frühes Packeis hatte die Mannschaft des Dampfschiffs „Admiral Tegetthoff“ nördlich von Nowaja Semlja zwei Jahre lang eingeschlossen. Nachdem die Schiffbrüchigen den nördlichsten Eismeerarchipel zu Ehren des Kaisers auf „Franz-Joseph-Land“ getauft hatten – so heißt die Inselgruppe noch heute –, machten sie sich zu Fuß in der Eiswüste auf den Weg zur Küste Sibiriens, die sie nach mehr als 500 Kilometern mehr tot als lebendig erreichten.
Namentlich Weyprecht lieferte als Kommandant eine herausragende Leistung, weil er eine Mannschaft, die fast alle Hoffnung verloren hatte, zum Durchhalten zwang. Für den Fall, die Heimat nicht mehr wiederzusehen, hatten Payer und Weyprecht auf „Franz-Joseph-Land“ einen Zettel mit Namen und Daten in ein Fass gelegt und darüber eine Steinpyramide errichtet. Diese „Fasspost“ wurde erst 1991, rund 120 Jahre später, entdeckt; sie befindet sich heute im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, wo die Polarreise begann. Die Payer-Weyprecht-Expedition zählt zu jenen Pionierleistungen, die das internationale Interesse an der Polarforschung erst richtig geweckt haben.
„Nach Ferdinand Max begannen auch die großen Seemächte, die österreichische Marine ernst zu nehmen“, sagt HGM-Direktor und Historiker Ortner. Doch so sehr der Kaiserbruder die Marine liebte und förderte, so schnöde ließ er sie im Stich, als er 1864 aus Profilierungssucht einem Angebot Napoleons III. erlag, sich zum Kaiser Maximilian von Mexiko krönen zu lassen. Rund vier Jahre später kehrte er als Leiche zurück nach Wien: Die mexikanischen Rebellen des Benito Juárez hatten ihn während des Bürgerkriegs gefangen genommen und hingerichtet.
Ferdinand Max hinterließ eine apathische Marine, die im Mai 1864 ein Hilfeersuchen Preußens in den deutsch-dänischen Krieg um Helgoland hineinzog. Kommandant Tegetthoff erreichte im Seegefecht zwar keinen klaren Sieg über die Dänen, aber letztlich deren Abzug aus Helgoland. Danach wollten die Preußen die Österreicher wieder loswerden und schlossen hinterrücks ein Bündnis mit deren Erzfeind Italien.
Zum größten Triumph wird 1866 der Sieg in der Seeschlacht von Lissa
Drei Ereignisse im Juli 1866 bescherten der Monarchie zwei folgenschwere Niederlagen und ihrer Marine zugleich den größten Sieg ihrer Geschichte. Das Fiasko nach der Schlacht gegen Preußen im böhmischen Königgrätz verjagte Österreich aus dem Deutschen Bund und schwächte seine Position in Europa nachhaltig. Und der grandiose Sieg über Italien in der Seeschlacht um die dalmatinische Insel Lissa (Vis) konnte den Verlust Venetiens an Italien zuvor nicht mehr rückgängig machen.
Nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich bekam Marinekommandant Carlo Pellion di Persano den Befehl: „Das Adriatische Meer muss italienisch sein, jede Spur des Feindes muss verschwinden!“ Sein Gegenspieler Tegetthoff, mittlerweile Konteradmiral, gab per Flaggensignal die Parole aus: „Muss Sieg von Lissa werden!“ Tegetthoff, im slowenischen Maribor (Marburg) als Spross einer Offiziersfamilie geboren, galt schon als Absolvent des Marinekollegs in Venedig als großes Führungstalent. Lissa war sein absolutes Meisterstück: Die Italiener waren weit überlegen und verfügten schon über Panzerschiffe, während die Österreicher mit Holzschiffen, die nur notdürftig mit Eisenplatten gepanzert waren, in die Schlacht zogen.
Tegetthoff machte die Unterlegenheit mit List und Erfahrung wett und besiegte die Italiener mit einer Taktik, die bereits als überholt galt: Statt mit Feuer auf die Breitseite legte er es auf einen Nahkampf von Schiff zu Schiff an, eiserne Rammsporne stießen in die Planken der feindlichen Schiffe, die am Ende nur noch führungslos umhertrieben oder untergingen. Auch Persanos Flaggschiff „Re d’Italia“ versank mit schwerer Schlagseite, nachdem es von Tegetthoffs „Habsburg“ gerammt worden war.
Für die k. k. Kriegsmarine verlief die Lissa-Schlacht glimpflich: Sie verlor 38 Mann, die Zahl der gefallenen Italiener war nahezu 20-mal so hoch. Tegetthoffs kaiserlicher Förderer Ferdinand Max gratulierte aus Mexiko: Sein Name stehe fortan „in der Reihe der Seehelden aller Zeiten“. Persano traf dagegen die Volkswut, und er wurde aus der königlichen Marine ausgestoßen.
Der Wiener Maler Anton Romako verewigte Tegetthoff in Öl, das Bild zeigt ihn in kitschiger Heldenpose auf der Kommandobrücke eines Schiffs; es wurde zu einer Art Ikone der Seemacht Österreich. Ein Tegetthoff-Denkmal gibt es in Wien auch, aber nicht auf dem Heldenplatz vor der Hofburg, wo es hingehörte. Es bleibt schleierhaft, weshalb später die Republik den größten Seehelden inmitten eines gesichts- und geschichtslosen Verkehrsknotenpunkts plazierte, seiner Heldenaura völlig entledigt. „Der einsame Mann vom Praterstern“, nennt ihn der Historiker Helmut Neuhold.
Nach dem Ausgleich mit Ungarn 1867 wurde aus der „k. k. Marine“ eine „k. u. k. Marine“. Das Wörtchen „und“ dazwischen war der zweiten Reichshälfte wichtig; sie bestand in bestimmten staatlichen Angelegenheiten auf der Gleichstellung Budapests mit der Kaiserstadt Wien. Nicht zwangsläufig zum Vorteil der Marine: Die Ungarn machten Entscheidungen oft von ihrer Zustimmung abhängig, das kostete Zeit und Geld.
Kriegsstimmung in Europa sorgt auch für maritime Aufrüstung
Gleichwohl, die Modernisierung ging weiter, zumal in Europa zunehmend Kriegsstimmung aufkam. Den Namen Tegetthoff, der 1871 nur 43-jährig starb, trug auch die modernste Flottenklasse, die in der Monarchie je gebaut wurde und im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Dazu zählte das berühmte Flaggschiff „Viribus Unitis“, benannt nach Franz Josephs Herrschaftsmaxime „Mit vereinten Kräften“. Die insgesamt vier neuen Dreadnoughts, zwischen 1911 und 1914 gebaut, waren mit neuartiger Artillerie bestückt, sogenannten Drillingstürmen, von den Škoda-Werken im böhmischen Pilsen entwickelt.
Das HGM zeigt eine Reihe imposanter Schiffsmodelle, darunter eine sechs Meter lange, originalgetreue Nachbildung der „Viribus Unitis“. Eine weitere Attraktion ist ein 1962 gehobener Turm eines im Ersten Weltkrieg versenkten U-Bootes.
Auch militärische Einsätze fern von Europa scheute die Kriegsmarine nicht. Als 1900 in China während des „Boxer-Aufstandes“ westliche Gesandtschaften in Peking attackiert und der deutsche Botschafter, Freiherr Clemens von Ketteler, ermordet wurden, bildeten mehrere Staaten einen Flottenverband von 250 Schiffen für eine „Strafaktion“. Auch Österreich-Ungarn beteiligte sich mit einer „Eskader“ – so die aus dem Französischen entlehnte Bezeichnung für eine Flotte. „Es war dies der größte Verband, den die k. u. k. Kriegsmarine jemals zu einem Kampfeinsatz außerhalb des Mittelmeeres einsetzte“, schreibt der Wiener Spitzendiplomat Wilhelm M. Donko in seinem Buch „Eine Seemacht und ihr Ende“. Doch als die Schiffe die Küste Chinas erreichten, war der Aufstand bereits zu Ende.
1914 geriet der Kreuzer „Kaiserin Elisabeth“ auf seiner letzten Asien-Tour in die Kriegswirren um die deutsche Kolonie Tsingtau an der ostchinesischen Küste, die von den Japanern eingekesselt war. Die Österreicher stellten Schiff, Geschütze und Mannschaft den deutschen Verteidigern zur Verfügung. Nach drei Monaten blutiger Kämpfe an der Landfront mussten die Verbündeten mangels Munition kapitulieren. Zuvor jedoch ließ der österreichische Schiffskommandant die „Kaiserin Elisabeth“ in die Luft sprengen – sie sollte den Feinden nicht als Beute in die Hände fallen.
Ein großer Marine-Fan und begeisterter Seefahrer mit kolonialem Geist, der in der Marine sonst nicht vorherrschte, war auch der spätere Thronfolger Franz Ferdinand. Er war weder Offizier, noch hatte er eine konkrete Funktion; allein seine Machtautorität genügte, den Aufbau einer U-Boot-Flotte und Fliegermarine anzuordnen. Die Marine müsse künftig auch für große Seeschlachten gerüstet sein, meinte er. Franz Ferdinand erlebte den Ersten Weltkrieg nicht mehr, aber das tödliche Attentat auf ihn Ende Juni 1914 in Sarajevo hat ihn ausgelöst.
Die Marine hatte genug zu tun, die Adriaküste vor Angriffen der westlichen Alliierten zu schützen. Auch waren ihre Schiffe für Truppen- und Materialtransporte unentbehrlich und damit bevorzugtes Ziel für Aufständische gegen Österreich-Ungarn, das damals Besatzungsmacht auf dem Balkan war. Anfang 1918 kam es zu einem Streik unzufriedener Arbeiter im Hauptkriegshafen Pola; Matrosen im montenegrinischen Stützpunkt Cattaro (Kotor), der wichtigsten U-Boot-Basis, schlossen sich an, doch wurde ihr Aufstand brutal niedergeschlagen.
Der finale Seekrieg im Mittelmeer blieb aus und damit auch Österreich-Ungarn erspart. Die Marinen der Entente (Italien, Frankreich, England, USA) hatten vorgesorgt und mit Treibnetzen und Minensperren die Straße von Otranto blockiert, die engste Passage zwischen Italien und Albanien, und damit die Österreicher in ihren ostadriatischen Gewässern drei Jahre lang eingeschlossen.
Taucherangriff auf das Flaggschiff – das symbolische Ende
Als im Juni 1918 ein Flottenverband die Sperre endgültig zu durchbrechen versuchte, kam es zu einer Katastrophe: In der letzten großen Operation der k. u. k. Kriegsmarine versenkte ein italienischer Torpedo den Panzerkreuzer „Szent István“, 90 Matrosen ertranken. Italien fügte Österreich-Ungarn noch eine Demütigung hinzu: Am Morgen des 1. November 1918, als bereits Waffenruhe herrschte, erschütterte die Bucht von Pola eine gewaltige Explosion, die „Viribus Unitis“ versank mit 400 Matrosen in den Fluten.
Was löste diesen Angriff aus? Den Impuls zum Untergang der k. u. k. Kriegsmarine hatte der letzte Kaiser, Karl I., unfreiwillig selbst geliefert: Der junge, politisch unerfahrene Monarch wollte die verbliebene Flotte nicht den Siegermächten als Beute überlassen, sondern dem künftigen südslawischen „SHS-Königreich“ schenken, in der naiven Erwartung, dieses nach dem Krieg an Österreich-Ungarn zu binden. Für die „Viribus Unitis“ hatte man bereits einen neuen Namen gefunden – „Jugoslavija“. Italien war an der Aufrüstung des neuen Nachbarn an der Ostadria freilich nicht interessiert – und schickte Kampftaucher mit Minen in die Bucht von Pola.
Die Habsburger hätten stets „rein kontinental“ gedacht, bilanziert der Diplomat Wilhelm Donko in seinem Buch über die österreichische Marine, und „das Wesen der Seemacht nie verstanden“. Am 31. Oktober 1918 wurde die rot-weiß-rote Flagge am Hafen von Pola feierlich eingeholt.
Autor: Rudolf Gruber
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