Sex sells, egal wie. Aber gilt, was sich in den Vereinigten Staaten tausendfach bewährt hat, wirklich auch für den europäischen Buchmarkt? Ruth Mazo Karras breitet in einem für deutsche Ohren passagenweise unerträglichen Plauderton Gemeinplätze aus. Den Begriffen fehlt es an Schärfe. Die Gegenstände verflüssigen sich. Für wen? Für welches Zielpublikum? Nicht-Spezialisten sollen es sein. Deshalb verzichtet die Autorin weitgehend auf Anmerkungen. Diese Nicht-Spezialisten müssen zuweilen jedoch solide Vorkenntnisse besitzen, um der Argumentation der Autorin überhaupt folgen zu können. Deren Erkenntnisinteressen bleiben ebenfalls im dunkeln. Zudem tritt wiederholt ein nicht näher spezifiziertes Kollektiv in Erscheinung, das allerlei Vorurteile hegt, die zu beseitigen sich die Autorin zum Ziel gesetzt hat: „die meisten“, „viele“, „viele Leute“, „man“. Wer all diese vorurteilsbeladenen Leute sein sollen, erfährt man aber nicht. Ruth Mazo Karras geht vergleichend vor. Verglichen wird unablässig zwischen der heutigen US-amerikanischen Kultur und der „Kultur des europäischen Mittelalters“ (500 –1500). Unzählige Male wird in der Einleitung „der mittelalterliche Mensch“ bemüht und postuliert, er habe eine eigene sexuelle Identität besessen. Erst später folgt die Einsicht, daß alles viel komplizierter sein muß und man von dem mittelalterlichen Menschen gar nicht reden könne. Dieselbe Unentschlossenheit herrscht bei der Bewertung der fabliaux, der französischen Schwankliteratur, vor. Sie lieferten „gute Beispiele für einen unbekümmerten Umgang mit Sexualität“ und könnten „im Grunde als mittelalterliche Pornographie angesprochen werden“. Später heißt es etwas zurückhaltender, es seien lebendige Beispiele für das mittelalterliche Alltagsleben, weil – die Begründung irritiert – private Briefe fehlten. Soweit die 63 Seiten starke Einleitung. Daraufhin werden drei große Themenblöcke diskutiert: Keuschheit, Geschlechtsverkehr in der Ehe und außerhalb der Ehe. Alle drei Bereiche werden gleich oberflächlich gestreift. Dem Forschungsstand wird weder das Kapitel zur Keuschheit noch das zur Sexualität außerhalb der Ehe gerecht, dem eigentlichen Spezialgebiet der Autorin. In den Anmerkungen sind reichlich deutsche Werke zitiert, die die Autorin jedoch gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Das scheint bei Übersetzungen derzeit Mode zu sein. Den Abschluß bildet abermals ein ausführlicher Vergleich zwischen gestern und heute.
Rezension: Signori, Gabriela





