In einem Bordell in Pompeji schmückten deftige erotische Szenen die Wände. Die Fresken versteckte man im 19. Jahrhundert im „Geheimen Kabinett“ des Archäologischen Nationalmuseums von Neapel. · Foto: Bridgeman Images / Andrea Jemolo. All rights reserved 2026
Freie Männer durften im antiken Rom ihr Sexualleben nach Belieben auskosten – auch außerhalb der Familie. Bei ihren Ehefrauen sah das anders aus: Von ihnen wurden Keuschheit und Treue erwartet. Für Politiker entwickelten sich Bettgeschichten mitunter zum Skandal.
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In einem Schlafzimmer in Rom, dessen Wände rundum mit Spiegeln ausgekleidet sind, empfängt ein reicher Römer namens Hostius Quadra seine Gäste. Es sind keine gewöhnlichen Spiegel, lässt uns der Philosoph Seneca wissen, sondern concava specula, hohlgeschliffen und zur Vergrößerung des Bildes ausgelegt, sodass jede Bewegung im Raum sich von der Zimmerdecke bis zum Boden vervielfältigt und erheblich vergrößert zurückgeworfen wird. Hostius empfängt in diesem Zimmer Männer und Frauen, nicht nacheinander.
Als seine Sklaven ihn schließlich erschlugen, wollte Kaiser Augustus die Tat nicht unter Strafe stellen. Das Opfer, so der Kaiser, habe von seinen Mördern nur das bekommen, was es sich von der gesamten Öffentlichkeit verdient habe.
Schmaler Grat zur Schamlosigkeit
So weit der Fall. Das Interessante an ihm ist nicht Hostius selbst, sondern das Urteil. Augustus verurteilte ihn nicht dafür, dass er Männer und Frauen gleichzeitig in seinem Bett bewirtet hatte – das wäre in den Augen der Zeitgenossen eine Frage von Kapazität und Geldbeutel gewesen, keine der Moral. Er verdammte ihn für die Spiegelwände: für die impudicitia, die Schamlosigkeit, die Selbstentblößung, das Zur-Schau-Stellen. Libido war erlaubt. Das Zuschauen beim eigenen Tun war es nicht.
Hier steckt der Schlüssel zu einem System, das mit modernen Moralvorstellungen konsequent aneinandergerät. Die römische Sexualmoral war keine für alle gleichermaßen geltende Richtschnur. Sie war ein differenziertes Statussystem, das nach Geschlecht und sozialem Rang des Beteiligten maß – und das bei einem freien Mann von Stand andere Maßstäbe anlegte als bei irgendjemandem sonst.
Die Regeln für den Mann waren einfach und generös. Sklavinnen und Sklaven, die ihm gehörten, standen ihm sexuell jederzeit zur Verfügung – das war kein Verstoß gegen Sitte und Anstand, sondern Nutzung des Eigentums. Für den weniger Begüterten ohne Magd, ancilla, gab es Prostituierte: legal betriebene, beim Ädilen registrierte Gewerbe mit festen Tarifen und Steuerpflicht. „Wann hat es in Rom je geheißen“, fragt Cicero in seiner Rede für den angeklagten Caelius Rufus, „dass der Umgang mit einer Dirne verwerflich sei?“ – und beantwortet die Frage umgehend selbst: nie.
Der Jurist Ulpian notiert im 2. Jahrhundert sorgfältig, welche Frauen nach dem Gesetz nicht als ehrenhafte Bürgerinnen gelten können: Neben Kupplerinnen, Schauspielerinnen und Wirtinnen listet er selbstverständlich jene auf, die „käufliche Liebe gewährt haben“. Das war keine Strafe, es war die Ausstoßung aus dem Schutzbereich des Rechts. Wer diese Frauen aufsuchte, tat nichts Verbotenes. Er nutzte nur, was der gesellschaftliche Konsens als verfügbar auswies.
Dass sich reiche Römer bei Wahlen mithilfe von Geldgeschenken oder Speisungen Stimmen erkauften, war eine weitgehend akzeptierte Praxis. Die Bestechung von…
Etwas züchtiger wird das Liebesspiel in einer antiken Villa in Roms heutigem Stadtviertel Trastevere gezeigt. Die Fresken entstanden um 20 v. Chr. und spiegeln wohl die Moralvorstellungen der augusteischen Zeit wider. · Foto: akg-images / MPortfolio / Electa
Einzig adulterium war dem römischen Bürger verboten: Ehebruch mit einer matrona, der freien Gattin eines anderen Mannes von Stand. Denn das war kein Moralverstoß, sondern ein Eingriff in fremdes Hausrecht.
Für die matrona selbst galt, wie zu erwarten, das genaue Gegenteil. Pudicitia – Keuschheit, Sittenstrenge, eheliche Treue – war nicht bloß eine Tugend, die man an ihr schätzte, sondern seit Augustus rechtliches Gebot. Die „lex Iulia de adulteriis“ von 18 v. Chr. stellte Ehebruch unter Strafe, verpflichtete den betrogenen Ehemann zur Scheidung und zur Anzeige. Verzichtete er darauf, galt er selbst als Kuppler. Innerhalb freilich enger Grenzen durfte er die Ehebrecherin und ihren Liebhaber sogar eigenhändig töten. Dieses Recht besaß die Frau spiegelbildlich nicht. Dass der Gatte seine Nächte andernorts verbrachte, war Schicksal, justiziabel war es nicht.
Die Ehe, in deren Rahmen dieses Ungleichgewicht regierte, war ohnehin ein kühles Behältnis. Sie diente der Allianzenbildung, der Vermögensweitergabe, der Erzeugung legitimer Nachkommen. Ovid, der das Verliebtsein in die eigene Gattin für eine extravagante Laune hielt, erteilte in der „Ars amatoria“ entspannte Ratschläge: Wer der Frau gegenüber keine Leidenschaft entwickle, sei deshalb noch kein schlechter Ehemann. Für die Leidenschaft war anderswo gesorgt.
Dieses Anderswo hatte in jeder größeren Stadt seinen festen Ort. Das Freudenhaus, lupanarium, war ein ordentlicher, vom Finanzamt anerkannter Gewerbebetrieb. In Pompeji, das der Vesuv im Jahr 79 unter Massen von Bimsstein begrub, spricht die Topographie Bände: Das Bordell lag keine fünf Gehminuten vom Forum entfernt.
Ein vermeintlicher Streich wird zu einem handfesten Skandal
Im Dezember 62 v. Chr. veranstaltete Caesars Gattin Pompeia im Stadthaus des Pontifex Maximus ein Fest zu Ehren der Bona Dea, der Guten Göttin. Caesar selbst war für die Nacht des Hauses verwiesen worden: Die Zeremonie war ausschließlich den Frauen der Senatsaristokratie vorbehalten, begleitet von Vestalinnen und weiblichen Musikantinnen. Kein Mann durfte zugegen sein – selbst männliche Haustiere wurden aus dem Haus geschafft, Porträts von Männern verhüllt.
Als eine Sklavin die Kerzen tauschte und das Licht kurz auf das Gesicht ihrer Nachbarin fiel, erkannte das Mädchen, dass die Lautenspielerin nicht das war, was sie vorgab zu sein. Publius Clodius Pulcher, Spross einer der ältesten Familien Roms, stand in Frauenkleidern mitten unter den Damen der feinen Gesellschaft.
Julius Caesar ließ sich von seiner Gattin scheiden, nachdem bei einer nur für Frauen erlaubten Zeremonie in seinem Haus ein Mann entdeckt worden war (Büste, 1. Jahrhundert v. Chr.). · Foto: Bridgeman Images / AGF
Das war kein Dummejungenstreich. Es war ein Skandal, über den man in der Hauptstadt noch monatelang sprechen sollte. Caesar reagierte mit der berühmtesten Scheidung der römischen Republik. Nicht weil er den Ehebruch seiner Frau für erwiesen hielt; er sagte ausdrücklich, er wisse von nichts. Der Scheidungsgrund: „Caesaris uxorem etiam suspicione vacare oportere“ – auf Caesars Frau dürfe nicht einmal der Schatten eines Verdachts fallen.
Die Ehre der Frau war das Kapital des Mannes, und das ließ sich durch fremde Berührung vernichten, ungeachtet, ob sie stattgefunden hatte oder nicht. Clodius anklagen wollte Caesar selbst eigentlich nicht. Der Pontifex Maximus erkannte, dass ein vom Senat schikanierter, rachsüchtiger Clodius ihm nützlicher sein würde als ein verurteilter Straftäter.
Im Prozess trat Cicero als Zeuge auf und zerstörte das Alibi des Angeklagten: Clodius behauptete, er sei zur Tatzeit gar nicht in Rom gewesen. Cicero hingegen bezeugte, der Beschuldigte habe ihn noch am selben Tag zu Hause aufgesucht. Die Geschworenen ließen sich gleichwohl vom Gegenteil überzeugen – gegen Bargeld und andere Überredungsmittel, wie Cicero hinterher mit kaum verhohlenem Ekel an seinen Freund Atticus schrieb. Am Ende stand es 31 zu 25 für Freispruch.
Cicero bekommt die Rache des Freigesprochenen zu spüren
Clodius widmete einen erheblichen Teil seines politischen Lebens der Vergeltung. Als er vier Jahre später Volkstribun war, schickte er seinen Hauptankläger per Volksgesetz ins Exil. Cicero saß anderthalb Jahre in Makedonien fest. Was niemand vorhergesehen hatte: Der Skandal, der ihn um ein Haar erledigt hätte, machte Clodius zur politischen Größe. Plötzlich war sein Name in aller Munde.
Der Fall sticht heraus. Im politischen Betrieb der späten Republik und der Kaiserzeit war der Sexskandal eine scharfe Waffe, die sich meist gegen den richtete, über den sich alle das Maul zerrissen. Zeige, dass dein Gegner kein richtiger Mann ist, und du hast ihn erledigt. Wer sich als Frau verkleidete, wer die virtus vermissen ließ, wer im Bett die passive Rolle spielte, der war nicht zum Regieren gemacht. Clodius sticht heraus, weil das Prestige seiner Familie zu schwer wog, um ihn vernichten zu können. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel.
Gegen keinen hat die antike Geschichtsschreibung diese Waffe mit mehr Wucht geführt als gegen Elagabal, den Sonnenpriester aus dem syrischen Emesa, der von 218 bis 222 als Kaiser auf dem Palatin residierte. Was die „Historia Augusta“, jenes vielstimmige Kompendium der Spätantike, über ihn notiert, ist ein Bilderbogen kalkulierter Transgression. Er ließ sich als domina anreden, als „Herrin“. Der Kaiser trug Schminke, soll sich die Brust epiliert und Spinnarbeiten verrichtet haben. Sein eigentlicher maritus, sein „Ehemann“, sei ein Wagenlenker namens Hierocles aus Karien gewesen – kein Senator, kein Freigeborener, sondern ein Sklave, der Elagabal schlug, wenn es ihm beliebte. Elagabal spielte mit Geschlechterrollen und Standeshierarchie, unverrückbaren Größen im römischen Sozialgefüge.
Priapus wiegt seinen Penis: Der auf dem berühmten Fresko in der Casa dei Vettii in Pompeji dargestellte Fruchtbarkeitsgott sollte Unheil abwenden. · Foto: Bridgeman Images / Prismatic Pictures
Solche Episoden sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Fiktion. Der wirkliche Elagabal versuchte, den Sonnengott seiner syrischen Heimat als höchste Gottheit Roms zu installieren, was Senat und Priesterschaft gegen ihn aufbrachte. Die „Historia Augusta“, eine notorisch unzuverlässige Quelle, entstand wohl ein Jahrhundert nach dem Tod des Kaisers und malte aus den realen Missgriffen eines schwärmerischen Teenagers ein lustvoll ausgemaltes Schreckensbild, den Antikaiser schlechthin: orientalisch, weibisch, falschen Göttern verfallen – ein Monstrum.
Elagabal wurde im Jahr 222 von Prätorianern, der kaiserlichen Leibwache, ermordet, möglicherweise auf Betreiben seiner eigenen Großmutter Julia Maesa. Seine Mutter Julia Soaemias starb mit ihm. Beide entsorgte man im Tiber.
Von Clodius bis Elagabal, von der späten Republik bis in die Soldatenkaiserzeit funktionierte Diffamierung nach demselben Drehbuch: Man zeige, dass jemand die Ordnung der Geschlechter nicht achtet – und man hat ihn politisch zur Strecke gebracht. Das Schlafzimmer war in Rom nie nur privat.
Der Gast wird von einem riesigen Phallus begrüßt
Die Casa dei Vettii in Pompeji ist eines der am besten erhaltenen Herrenhäuser der Stadt: stattliche Repräsentationsräume, prächtige Wandmalereien, ein gepflegter Peristylgarten. Wer das Haus durch den Eingang betritt, trifft gleich im Vorraum auf das erste Bild: den Gott Priapus, wie er seinen gewaltigen, dauererigierten Phallus auf einer Waagschale gegen eine pralle Geldbörse abwiegt. Die Waage neigt sich auf keine der beiden Seiten. Die beiden Eigentümer, die Freigelassenen Aulus Vettius Conviva und Aulus Vettius Restitutus, ließen jeden Besucher erst einmal über dieses Bild staunen.
Das war keine Provokation, sondern ein Zeichen von Vorsicht. Priapus, dem Gott mit dem großen Gemächt, kam in der römischen Welt zuallererst apotropäische Kraft zu: Er hielt Übel, Diebstahl und den bösen Blick – das fascinum, den schädigenden Blick des Neiders – vom Haus fern. In demselben Sinne hingen vor Bäckereien, Werkstätten und Stadttoren bronzene Windglocken, tintinnabula, in Form geflügelter Phalli: Glöckchen und Bilder trieben gemeinsam das Böse aus. Neugeborene Knaben trugen goldene Phallusanhänger um den Hals, fascina, die sie durch die gesamte Kindheit begleiteten und erst mit dem Anlegen der Männertoga abgelegt wurden.
Diese Bildersprache war nicht auf Pompeji beschränkt. Wer die Relikte des Imperiums von Britannien bis Nordafrika, von Hispanien bis zum Euphrat durchstöbert, stößt überall auf das Phallussymbol: auf Grabsteinen, Türstürzen, Gürtelschnallen. Am Hadrianswall haben Archäologen phallische Ritzzeichnungen zu Dutzenden gefunden, eingeritzt in den Kalkstein der Wachtürme von Legionären, die ihre Tage damit zubrachten, im rauen nordenglischen Klima das Imperium gegen die Barbaren zu schützen. Das Symbol reiste im Gepäck der Soldaten und ließ sich von keiner Provinzgrenze abschrecken. Das Römische Reich war, so gesehen, ein Imperium des Phallus.
Im antiken Rom wurden allerlei Alltagsgegenstände mit phallischen Darstellungen verziert, um sie so zu Helfern gegen das Böse zu machen, hier ein Windspiel mit Lampe. · Foto: akg-images / MPortfolio / Electa
Hier liegt die Pointe. In der modernen Welt gilt ein übergroßes Phallusbild als Zumutung. Jeder Hauseigentümer würde es unverzüglich übermalen lassen. Für die Vettier in Pompeji war das Bild ein Akt der Vorsorge. Obszön war in Rom nicht der Phallus selbst – obszön war, wer ihn ohne den passenden Kontext zur Schau stellte. Wer, wie Hostius Quadra in seinem Spiegelkabinett, die Schamlosigkeit zum Programm erhob.
Die Vettier hätten diese Verwechslung gar nicht verstanden. Ihr Priapus am Eingang war kein Zeugnis der Ausschweifung, sondern des Sorgetragens. Die pudicitia, die Keuschheit, die man im Schlafzimmer von Frauen verlangte – und die man bei Männern je nach Kontext großzügig auslegte –, und der Priapus am Türpfosten stammten aus demselben gedanklichen Koordinatensystem: einem System, das dem Körper genauestens vorschrieb, wann er gefährlich, wann er nützlich und wann er dienstbar war. Ein Imperium, in dem der Phallus für Tugend und für Sicherheit stand. Was könnte es Rätselhafteres geben?
Prof. Dr. Michael Sommer
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