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Showdown der Panzerreiter
Der mächtigste Fürst des Heiligen Römischen Reichs, der Böhmenkönig Ottokar II. Přemysl, konnte seine Niederlage gegen Rudolf I. von Habsburg im Kampf um die Krone nicht akzeptieren. Da ein Großteil seines Landbesitzes auf dem Spiel stand, ging er aufs Ganze – 1278 kam es daher zu einer der größten Ritterschlachten…
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Freitag, 26. August 1278. Frühmorgens. Der leichte Frühnebel über der Ebene zwischen den Dörfern Dürnkrut und Jedenspeigen im Osten des heutigen österreichischen Bundeslands Niederösterreich versprach einen wunderschönen Spätsommertag. Es war der Tag der Entscheidung über die Zukunft Europas. Eine der größten und blutigsten Ritterschlachten des Mittelalters stand bevor, die Schlacht auf dem Marchfeld, in der König Rudolf von Habsburg seinen langjährigen Gegenspieler Ottokar II. Pˇremysl, König von Böhmen, besiegte.
Warum bekriegten sich die beiden? Es ging um die Entscheidung in einem langjährigen Machtkampf zwischen zwei wahrhaft ebenbürtigen Rivalen, die gegensätzlicher nicht hätten sein können: Hier Ottokar, 46 Jahre alt und gutaussehend, der reichste und erfolgreichste Machtpolitiker seiner Zeit; dort Rudolf, hager, mit seinen 60 Jahren fast schon ein Greis, erfahren zwar und sogar König, aber dennoch pflegte er das Image des „armen Grafen von der Habichtsburg [Habsburg]“.
König Rudolf I. pflegt einen Auftritt des Understatements
Während Ottokar seinen Reichtum, seine Macht und seine Erfolge stets vollumfänglich aller Welt kundtat, verfolgte Rudolf einen Kurs, den man heute als Strategie des Understatements bezeichnen würde. Als die sieben Kurfürsten fünf Jahre zuvor, im Herbst 1273, den „armen Grafen von Habsburg“ zum König gewählt hatten, muss Ottokar getobt haben. Denn aus seiner Sicht war das ein grandioses Versehen, ganz offensichtlich wäre er der einzig richtige Kandidat gewesen. Seit 20 Jahren, als er 1253 die Nachfolge seines Vaters Wenzel I. als König von Böhmen angetreten hatte, war für ihn selbstverständlich gewesen, dass er einmal Kaiser werden würde – und naturgemäß zuvor römisch-deutscher König.
Von der Prager Burg am Hradschin aus hatte Ottokar das Erbe seines Vaters gewaltig ausgebaut, er hatte die Fürsten befriedet, seine Territorien in den österreichischen Ländern erweitert und 1260 sogar den Ungarnkönig Bela IV. in der Schlacht von Kressenbrunn (heute Groißenbrunn in Niederösterreich) am Marchfeld besiegt.
Unstrittig war er der größte Territorialherr im Reich, keiner der anderen Fürsten hatte die Wirren des sogenannten Interregnums nach dem Ende der Stauferherrschaft geschickter für den eigenen Machtausbau zu nutzen gewusst als Ottokar. Anfang der 1270er Jahre erstreckte sich sein Reich im Norden vom Riesengebirge, im heutigen Tschechien, bis an die Adria, nach Slowenien, im Süden.
Doch am 1. Oktober 1273 hatten sich die sieben Kurfürsten anders entschieden: Sie wählten Rudolf als klassischen Kompromisskandidaten.
Rudolf erklärte nach seiner Krönung die Rückführung des während des Interregnums entfremdeten Reichsguts, die sogenannte Revindikation, zum Hauptziel seiner Politik. Das hieß im Klartext, der Böhmenkönig Ottokar hatte nun seine Besitzungen in den österreichischen Ländern zurückzugeben, da diesen eine tragfähige Rechtsgrundlage fehlte.
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Für Ottokar stand das nicht zur Diskussion. Im Vertrauen auf seine Stärke verweigerte er sowohl die Rückgabe der geforderten Lehen als auch die Anerkennung Rudolfs als König. So kam es auf dem Nürnberger Hoftag 1274 zur Einleitung eines förmlichen Rechtsverfahrens gegen Ottokar als säumigen Reichsvasallen.
Der Historiker Karl-Friedrich Krieger (1940–2020) wies darauf hin, wie eng Rudolf sein Vorgehen gegen Ottokar mit den Kurfürsten abstimmte, wie er das Verfahren zunächst in deren Hände legte. Rudolf ließ sie darüber entscheiden, wer den Rechtsvorsitz übernehmen sollte und ob der König das Recht, nein, die Pflicht habe, gewaltsam dem Reich entzogene Besitzungen zurück in seine Gewalt zu bringen.
Ein cleverer Schachzug, bei dem Rudolf strikt mit juristischen Mängeln argumentierte, dabei jedoch die Machtfülle Ottokars massiv in Frage stellte. Das passt zu der Beschreibung Rudolfs aus der Feder des Biographen Ottokars: „… ein sorgender und auch in schweren Zeiten vorsichtiger Mann, der genau um den günstigen Zeitpunkt wusste, wann der Bogen zu spannen und wieder zu entspannen war“.
Man einigte sich darauf, Ottokar mit neunwöchiger Frist vorzuladen. Dieser weigerte sich weiterhin. Auch der Versuch einer Schlichtung ohne ein Erscheinen Ottokars scheiterte. 1275 verhängte man schließlich die Reichsacht über Ottokar, und seine
Lehen wurden ihm aberkannt.
Die Reise nach Rom zur Kaiserkrönung muss warten
Eigentlich hatte Rudolf weder Geld noch Zeit für einen Krieg gegen den Böhmenkönig. Denn es stand ja noch der Romzug zur Erlangung der Kaiserkrone aus, überdies hatte Papst Gregor X. einen Kreuzzug unter Rudolfs Führung geplant. Doch im Januar 1276 starb der Papst unerwartet.
Rudolf verschob die Reise nach Italien, holte sich schleunigst die Rückendeckung der Kurfürsten und fasste einen Mehrfrontenkrieg gegen Ottokar ins Auge. Dieser sollte zeitgleich mit seinen Verbündeten in Böhmen, Österreich, der Steiermark, Kärnten und Krain geführt werden. Von Regensburg aus zog er selbst entlang der Donau über Linz und erschien am 18. Oktober vor den Toren Wiens. Zwar gelang die Einnahme der Stadt nicht, doch war der Böhmenkönig zu Friedensverhandlungen gezwungen, als die Nachricht von der Ankunft ungarischer Truppen das Lager erreichte.
Vor den Toren Wiens wurde nun von einem Schiedsgericht ein Friedensvertrag ausgehandelt. Ottokar musste auf seine Rechte in Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain sowie in der Windischen Mark, Eger und Pordenone verzichten – und Rudolf als König anerkennen.
Dies bot Anlass für eine spektakuläre Szene: Am 25. November 1276 musste Ottokar im Heerlager vor Wien, „mit gebeugtem Sinn und gekrümmtem Knie“, seine Lehen aus der Hand des Königs entgegennehmen. Der anonyme habsburgerfreundliche Chronist aus Colmar, der noch zu Lebzeiten Rudolfs schrieb, kostet diese Szene voll aus und berichtet ausführlich, wie Rudolf seine Strategie des Understatements hier einsetzte. Während Ottokar zum Belehnungsakt „cum vestibus deauratis et gloria regia fulgente“, in prunkvollem Gewand, hochdekoriert im Königsornat erschien, nahm Rudolf die Huldigung „indutus veste grisea“, mit einem grauen Lederwams bekleidet, auf einem einfachen dreibeinigen Holzschemel sitzend entgegen: der große böhmische König vor dem „armen Grafen“. Kein Historiker der Zeit versäumte es, über diesen grandiosen Moment zu berichten: Johannes von Winterthur, Johann von Viktring, Mathias von Neuenburg und der Anonymus Leobiensis.
Enea Silvio Piccolomini (1405 – 1464, seit 1458 Papst Pius II.,) ergänzte im 16. Jahrhundert in seiner „Historia Bohemica“ die Geschichte, wie Rudolf Ottokar zu einem weiteren beschämenden Moment verholfen haben soll. Der Belehnungsakt, bei dem Ottokar II. vor Rudolf niederkniete, fand wie zu dieser Zeit üblich in einem Zelt statt. Die Fürsten wollten nicht gerne in dieser unterwürfigen Haltung gesehen werden. Nun habe Rudolf das Zelt aber so präparieren lassen, dass es just in dem Moment, als Ottokar vor ihm auf die Knie fiel, zur Seite kippte – ganz zufällig, versteht sich. Das ganze Heerlager soll so Zeuge der Demütigung gewesen sein.
Ottokar war zu stolz, diese Niederlage einzustecken, und zu kämpferisch, um sich mit dem Machtverlust abzufinden – jedenfalls begann er schon bald, erneut aufzurüsten.
Johann von Viktring beschreibt, wie Ottokar nach dem Frieden von Wien nach Böhmen zurückkehrte und seiner Gemahlin Kunigunde von der Versöhnung berichtete: „Jene aber verhöhnte ihn und sagte spottend: ,Welch ein großmächtiger König bist du, der du Rudolf, als er noch fern war, wie es die Hunde machen, feindselig angekläfft hast – sobald der aber herankam, hast du ihm vier treffliche Provinzen für das Schenkenamt zu Füßen gelegt, ihm, der einstmals wünschte, dich zum Patron zu haben, und der jetzt im Kleide von grauer Wolle es unternimmt, den Ruhm der Könige zu vernichten‘ … Ottokar, von Schamröte übergossen, stieß einen Wutlaut aus, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, meldete sofort Rudolf, indem er ihm in aller Form absagte, ihm sei Unrecht geschehen, und kündigte ihm Kriege an, und verlangte seine Länder zurück.“
26. August 1278: die Schlacht auf dem Marchfeld
Keine zwei Jahre sollte es dauern, bis es im Sommer 1278 zum erneuten Kriegsausbruch kam. Diesmal sah es eher schlecht aus für Rudolf. Denn die Kurfürsten – mit Ausnahme des Pfalzgrafen bei Rhein – waren mittlerweile argwöhnisch geworden ob der wachsenden Machtfülle des Habsburgers. Sie hatten sich mehrheitlich von ihm abgewandt, ja, man munkelte gar über Verschwörungen gegen den immer stärker werdenden römisch-deutschen König.
Ottokar profitierte davon: Er hatte sich die Unterstützung des brandenburgischen Kurfürsten und des Kölner Erzbischofs gesichert; der ehemals pro-habsburgische Heinrich von Niederbayern ließ sich durch Geldzahlungen zu Neutralität verpflichten. Überdies wusste Ottokar die schlesischen und polnischen Herzöge auf seiner Seite.
Rudolfs Unterstützerkreis war dagegen sehr überschaubar geworden: Außer seinen engsten Verbündeten – etwa Friedrich von Hohenzollern, der Burggraf von Nürnberg; Ludwig II., der Strenge, von Baiern; Heinrich II. von Liechtenstein; Ulrich von Kapellen und Otto von Haslau – waren es der Papst und die Ungarn, die ihn unterstützten. Letztere wurden zu dieser Zeit jedoch von einem 14-Jährigen regiert, König Ladislaus IV.
Aus heutiger Sicht überrascht es, dass Ottokar seine positive Ausgangssituation nicht besser zu nutzen wusste. Er ließ Rudolf jede Menge Zeit, seine Kräfte zu bündeln. Am Montag, dem 22. August 1278, sammelten sich Rudolfs Truppen in Marchegg, ein Städtchen am Fluss March, heute ein Grenzfluss zwischen Österreich und der Slowakei. Ottokar bezog sein Lager rund 25 Kilometer weiter nördlich, nahe dem Dorf Jedenspeigen.
Was lässt sich zur Kampfstärke sagen? Ottokar verfügte über eine Übermacht an schweren Panzerreitern, man schätzt um die 1000 Kämpfer, in Rudolfs Heer waren es maximal die Hälfte. Bei der leichten Reiterei herrschte wohl ungefähr Gleichstand, während Rudolf mit wesentlich mehr Fußsoldaten unterwegs war.
Über die Zahl der Kämpfer in den Kumanenverbänden mit ihren beweglichen Bogenschützen, die in das ungarische Herr integriert waren, fehlen jegliche Angaben. Die Kumanen waren ursprünglich ein Reitervolk aus der russischen Steppe, das sich in der ungarischen Tiefebene angesiedelt hatte. Mit insgesamt zwischen 40 000 und 45 000 Mann gilt die Schlacht auf dem Marchfeld im August 1278 als eine der größten Ritterschlachten aller Zeiten.
Am Tag vor der Schlacht bewegte Rudolf seine Truppen entlang dem Fluss March nach Norden zum Marchfeld, beim nördlichen Plateau des Haspelberges, südlich des Dorfes Dürnkrut. Von hier aus konnten sich die beiden Heere sehen.
Zum Schlachtgeschehen selbst haben wir eine außergewöhnliche Überlieferungslage, erhalten in den sogenannten Salzburger Annalen, die ein Benediktiner aus dem Stift St. Peter verfasste. Er schrieb zeitnah einen Schlachtenbericht, überaus detailreich und lebendig, was daran liegt, dass er vermutlich Augenzeugen befragte, die im Salzburger Kontingent für Rudolf kämpften: „Jetzt erstrahlten die Langscharen in Reih und Glied, jetzt wurden die Reiter durch eindringliche Worte … voll Lob und Versprechungen angefeuert für die Schlacht.“
Eröffnet wurde die Schlacht durch die Pfeile der Kumanen, die das Heer Ottokars in große Verwirrung stürzten und somit den ungarischen Rittern die Chance boten, die böhmisch-mährischen Kämpfer Ottokars zu durchbrechen und in die Flucht zu schlagen. Während die Ungarn in Hoffnung auf Beute die fliehenden Gegner verfolgten, kam es auf dem Schlachtfeld zum Hauptkampf zwischen der schweren Panzerreiterei auf beiden Seiten.
Zunächst war die Übermacht der Böhmen bestimmend, sie drängten Rudolfs Reiter zurück. Dann stand die Entscheidung plötzlich auf Messers Schneide: Der 60-jährige Rudolf stürzte beim Überqueren des kleinen Weidenbachs mitsamt seinem Pferd und wurde unter diesem begraben. Das hätte tödlich enden können, wäre nicht – so erzählt das Johannes von Winterthur – der Ritter Heinrich von Ramswag gewesen, der den wehrlos am Boden Liegenden unter dem Pferd hervorzog und auf ein neues Ross setzte.
Eine taktische Finesse Rudolfs bringt die Entscheidung
Doch kampfentscheidend wurde der Einsatz einer kleinen Reserveeinheit, die sich auf Befehl Rudolfs in einem kleinen Seitental versteckt hatte und die böhmischen Ritter überraschend von der Seite, von Westen her angriff. Es handelte sich um nur 50 bis 60 schwere Panzerreiter. Dazu kamen ihre sie unterstützenden Knappen, weitere 250 bis 300 Mann. Das unerwartete Auftauchen dieser Einheit und die Wucht ihres Angriffs brachte das Heer Ottokars völlig durcheinander und spaltete es in zwei Teile.
Für die Ritter, deren Topfhelme nur zwei schmale Sehschlitze nach vorne hatten, war es kaum möglich, die Gefahr von der Seite oder von hinten rechtzeitig wahrzunehmen, geschweige denn Gegenwehr zu leisten. Dazu mussten sie das Pferd wenden, dieses Verhalten wiederum hätte so gewirkt, als wollten die Kämpfenden die Flucht ergreifen. Schon erklangen im Heer Rudolfs die ersten Rufe: „Sie fliehen, sie fliehen.“
Panik erfasste auch das dritte böhmische Kontingent, das Richtung Osten floh. Dort jedoch wurde den meisten der Fluss March zum Verhängnis, in dem viele ertranken oder an dessen Ufer sie zu Fall gebracht wurden. Man nimmt an, dass dabei mehr als 10 000 Kämpfer aus dem Heer Ottokars getötet wurden. Wer Glück hatte, geriet in Gefangenschaft. Auf Rudolfs Seite dagegen gab es nur geringe Verluste.
Der Historiker Karl-Friedrich Krieger sah den stolzen Triumph, den Rudolf und seine Verbündeten errungen hatten, durch zwei kleine, aber bedeutende Schönheitsfehler getrübt, die in den Augen der Zeitgenossen – und der Nachwelt – Schatten auf das Ergebnis warfen. Zum einen verdankte Rudolf den Sieg einer List, die den mittelalterlichen Vorstellungen von Ritterlichkeit nicht entsprach, wenngleich sie nach heutiger Auffassung eine umsichtig und klug vorausgeplante Maßnahme war.
Rudolfs Befehl, unbemerkt vom Gegner eine Reserve zurückzuhalten und plötzlich aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, wurde auch von Rudolfs eigenen Gefolgsleuten als Zumutung aufgefasst und galt bei vielen als eine Verletzung der Ritterehre. Ulrich von Kapellen und Konrad von Sumerau, die bei diesem Hinterhalt den Befehl führten, hatten sich schon im Vorfeld bei den anderen Rittern im Lager für ihr Verhalten entschuldigt. Heinrich von Pfannberg habe sich sogar geweigert, diesen Befehl anzunehmen.
Für den toten Ottokar kann kein Lösegeld verlangt werden
Der zweite Schönheitsfehler bestand im gänzlich unritterlichen Ende Ottokars, genauer in der Art und Weise, wie er hingemetzelt wurde. Der Böhmenkönig war mit den Seinen nach Nordwesten geflohen. Rudolfs Truppen hatten ihn auf der Flucht eingeholt und vom Pferd gezerrt. Statt den wertvollen Kriegsgefangenen vor Rudolf zu bringen, wurde er von aufgebrachten Adligen niedergestochen und ermordet.
Mit ihrem unritterlichen Verhalten schädigten die Mörder Ottokars überdies die materiellen Interessen Rudolfs, denn der Gefangene war ja unglaublich wertvoll – man hätte für den König reichlich Lösegeld fordern können. So blieb Rudolf nur, dem toten Rivalen die letzte Ehre zu erweisen, seine Tapferkeit in der Schlacht zu rühmen – die ja die Tapferkeit des Siegers um vieles mehrte – und ihn standesgemäß beizusetzen. Dafür nahm Rudolf sich reichlich Zeit, ließ den einbalsamierten Leichnam Ottokars sechs Wochen öffentlich in Wien aufgebahrt ausstellen – so konnte sich jeder vom Tod des mächtigen Rivalen überzeugen.
In der historischen Forschung wurde viel darüber diskutiert, ob in dieser Schlacht bereits nationale Vorstellungen eine größere Rolle spielten. Insbesondere ein Hilferuf Ottokars an die schlesischen und polnischen Herzöge wurde hier zitiert. Darin bezieht er sich auf die gemeinsame Sprache, die „Verwandtschaft des Blutes“ und beschwört den Zusammenhalt gegen die „nimmersatten Deutschen“, die slawisches Gut an sich bringen wollten. Das sind klare Appelle an eine slawisch-nationale Solidarität, auch wenn es sich bei dem Dokument lediglich um eine Stilübung eines Mitarbeiters an der Böhmischen Kanzlei handelt.
Entsprechend finden sich auch auf der habsburgischen Seite Vorbehalte gegen „die Slawen“. Doch lässt sich der Konflikt nicht als deutsch-slawische Auseinandersetzung charakterisieren, schon gar nicht als mittelalterlicher „Nationalkonflikt“. Ganz im Gegenteil, Ottokar selbst galt als großer Förderer der deutschen Sprache und Literatur in seinem Königreich und bevorzugte beim Landesausbau eindeutig die Zusammenarbeit mit deutschen Kolonisten. Seine Mutter war eine Stauferin, und es kämpften viele „Deutsche“ aus Böhmen, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Baiern auf seiner Seite.
Nach der Schlacht verzichtet der Sieger auf Rache
Die historische Bedeutung der Schlacht liegt darin, dass mit Rudolfs Sieg entscheidende Weichen gestellt wurden für bedeutsame, weit in die Zukunft reichende politische Veränderungen in Mitteleuropa. Rudolf schuf mit den österreichischen Besitzungen, die er Ottokar abgerungen hatte, ein neues Machtzentrum im Südosten Europas, ermöglichte damit den Aufstieg der Habsburger zu einer wirklichen Königs– und Großdynastie.
Schon kurz nach der Schlacht verschickte Rudolf Siegesdepeschen, obwohl weitere Auseinandersetzungen zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht ausgeschlossen werden konnten. Die ungarischen Kumanen schickte er bald nach Hause, da diese viel Unruhe verbreiteten. Mit dem Rest des Heeres rückte er in die Markgrafschaft Mähren ein, verzichtete jedoch darauf, nach Prag vorzustoßen.
Statt Böhmen zu erobern, ließ er in einem offenen Manifest erklären, dass er die Besiegten schonen und den Kindern Ottokars Gnade, Schutz und Zuflucht gewähren wolle. Daraus konnte Ottokars Frau Kunigunde entnehmen, dass Rudolf nicht die Absicht hatte, den Thronfolger, ihren Sohn Wenzel, um sein Erbe zu bringen.
Ganz im Gegenteil: Wie sich herausstellte, gestaltete der Habsburger die Zukunft durch kluge Heiratspolitik. Seine Tochter Guta wurde mit Wenzel II., dem künftigen König auf dem böhmischen Thron, verheiratet. Die böhmische Königstochter Agnes wiederum wurde mit Rudolf, dem jüngsten Sohn des Habsburgers, vermählt. Wie noch zu zeigen sein wird, kristallisierte sich seine erfolgreiche Heiratspolitik ohnehin als die große Stärke Rudolfs I. heraus – kein Wunder, war er doch mit sechs heiratsfähigen Töchtern gesegnet.
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