Am 20. Oktober 1947 platzte der größte Saal des Kapitols in Washington aus allen Nähten. Der „Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten“ (HUAC) hatte viele der größten Filmstars Hollywoods vorgeladen, um dem Verdacht kommunistischer Aktivitäten in der amerikanischen Filmindustrie nachzugehen.
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Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Politik in Hollywood eine untergeordnete Rolle gespielt. Nur selten wagte sich ein Studio an ein politisch brisantes Thema. Vor allem während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre wurden lieber Filme produziert, die Ablenkung versprachen. Doch der Krieg änderte alles: Die Roosevelt-Administration hatte die meinungsbildende Kraft der Filmindustrie erkannt, und die Studios stellten sich bereitwillig in den Dienst der Nation – sie produzierten Filme, welche die Moral und den Kampfgeist stärken sollten.
Die unmittelbar aufeinander folgenden Katastrophen der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs machten die US-Gesellschaft zugleich sensibel für Warnsignale jeder Art, so auch die Filmindustrie. Noch während des Kriegs gründete sich die „Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals“ (MPA-PAI), um die nächste drohende Gefahr abzuwehren: den Kommunismus. Dass diese Ideologie als Gefahr wahrgenommen wurde, war neu. Lange war der Einfluss, den kommunistische Kräfte in Amerika ausüben konnten, als äußerst gering eingeschätzt worden. Tatsächlich hatte die Kommunistische Partei Amerikas (CPUSA) weniger Mitglieder, als irisch-katholische Vereine allein in New York mobilisieren konnten.
Nennenswerten Einfluss konnte die Partei allenfalls in einigen wenigen Gewerkschaften ausüben. In Hollywood waren diese streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze standen die Gilden der Schauspieler und Autoren, während sich die zahllosen Handwerker, Techniker und alle weiteren Angestellten in der „International Alliance of Theatrical Stage Employees and Moving Picture Machine Operators of the United States and Canada“ (IATSE) organisierten.
Kontrolliert wurde dieser Verband von einer äußerst zweifelhaften Gestalt: Willie Bioff hatte seine Karriere als Dieb und Zuhälter in Chicago begonnen und Kontakte zu lokalen Gangster-Größen wie Al Capone und Gus Greenbaum aufgebaut, eher er nach Kalifornien umsiedelte. Aber die in der „Motion Picture Association of America“ (MPAA) organisierten Studios hatten kein Problem mit ihm, da er für Ruhe beim Fußvolk sorgte – bis 1937 der ehemalige Boxer und Bühnenmaler Herbert K. Sorrell unzufriedene IATSE-Mitglieder um sich sammelte und die „Conference of Studio Unions“ (CSU) gründete. Die anhaltenden Gerüchte um den Einfluss der Mafia in der IATSE kamen der CSU sehr entgegen. Das einzige Problem: Herbert K. Sorrell war überzeugter Kommunist.
Doch in der Wahrnehmung war die CSU eher unbedeutend im Vergleich zur einflussreichen „Screen Writers Guild“ (SWG), in der ein Großteil der Drehbuchautoren organisiert war, denn im Gegensatz zu den Technikern und Bühnenmalern konnten die Autoren das Geschehen auf der Leinwand maßgeblich beeinflussen. Erster Vorsitzender der SWG war mit John Howard Lawson ein Mann, der als inoffizieller Kulturkommissar der Kommunistischen Partei in Hollywood galt.
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In Washington wurde unterdessen 1938 ein Sonderausschuss des Kongresses wiederbelebt: das „House Committee on Un-American Activities“ (abgekürzt HCUA oder HUAC). Der Ausschuss war vier Jahre zuvor ins Leben gerufen worden, um die Verbreitung von Nazi-Propaganda durch den „German American Bund“ zu untersuchen. Mit der Neuformierung verschob sich das Interesse von faschistischen auf kommunistische Aktivitäten – und auf Hollywood.
Die erste Anhörung, die der Ausschuss ansetzte, geriet zur peinlichen Posse: Der als Zeuge vernommene Autor J. B. Matthews erklärte, dass es in Hollywood zahlreiche Personen gebe, die zwar keine Kommunisten seien, aber doch mit deren Anliegen sympathisierten. Als Beispiel nannte er Shirley Temple. Die war zwar ein Megastar – damals aber gerade erst neun Jahre alt. Der Ausschuss wurde zum Gespött der Presse und der Kollegen im Kongress.
In einer Sache hatte Matthews allerdings recht: In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre hatte die CPUSA die Annäherung an linke und liberale Gruppen gesucht. Bei Versammlungen der „Anti-Nazi-Liga“ trafen Kommunisten auf Roosevelt-Anhänger. Beide Gruppen waren von der Sache an sich – dem Kampf gegen den Faschismus – überzeugt. Erst 1939 klärten sich durch den Hitler-Stalin-Pakt die Fronten: Während die Kommunisten den Pakt verteidigten und die Liga in „Hollywood League for Democratic Action“ umbenannten, zogen sich Liberale und Antifaschisten enttäuscht daraus zurück.
Als sich gegen Kriegsende die neue politische Ordnung der Welt andeutete, erreichte der Demokrat John E. Rankin, dass aus dem HUAC ein ständiger Ausschuss wurde. Bald schon kündigte er an, dass er eine „gigantische Verschwörung“ aufdecken werde – und zwar in Hollywood. So richtig los ging die Jagd auf Kommunisten aber erst, als bei den Wahlen im November 1946 die Republikaner die Kontrolle in Senat und Kongress übernahmen.
Vorsitzender des HUAC wurde jetzt J. Parnell Thomas. Bei den ersten Anhörungen im März 1947 erklärte der als Zeuge vernommene FBI-Chef J. Edgar Hoover, dass der Einfluss der Kommunisten in Hollywood zwar bisher unbedeutend sei, es aber viele wohlmeinende Liberale gebe, die Gefahr liefen, auf die Kommunisten hereinzufallen. Nach einer zweiten Anhörungsrunde, die vor Ort in Hollywood, aber hinter verschlossenen Türen stattfand, bereitete Thomas dann mit Hilfe von ehemaligen FBI-Agenten den großen Showdown in Washington vor: eine öffentliche Befragung der wichtigsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Filmindustrie.
Eric Johnston, Chef der Studiovereinigung MPAA, erkannte sofort die Gefahr. Keinesfalls durften die Studios den Eindruck erwecken, Kommunisten in ihren Reihen zu dulden. Seinen Vorschlag, keine Kommunisten mehr einzustellen, lehnten die Bosse jedoch wegen arbeitsrechtlicher Bedenken zunächst ab.
Unter den Schauspielern waren die Meinungen geteilt. Während der Chef der Schauspielervereinigung „Screen Actors Guild“ (SAG), der spätere US-Präsident Ronald Reagan, den schwierigen Balanceakt versuchte, gleichzeitig mit den Ermittlern zu kooperieren und sich schützend vor seine Kollegen zu stellen, fanden sich diejenigen, die Bedenken gegenüber der Untersuchung der politischen Einstellung einzelner amerikanischer Bürger äußerten, im „Committee of the First Amendment“ (CFA) zusammen. Dessen Sprecher wurde „Casablanca“-Star Humphrey Bogart. Das First Amendment, der erste Zusatzartikel der US-Verfassung, soll die Einschränkung von Rede-, Presse- oder Religionsfreiheit unterbinden.
Thomas gab im September die Liste der vorgeladenen Zeugen bekannt. Darunter waren namhafte Vertreter aus allen Bereichen der Filmindustrie: Schauspieler wie Gary Cooper, Charlie Chaplin, Adolphe Menjou und Robert Taylor, die Studiobosse Walt Disney, Samuel Goldwyn, Louis Mayer und Jack Warner und schließlich die Drehbuch-Autoren um John Howard Lawson.
Von vornherein wurden die Zeugen, die man kommunistischer Sympathien verdächtigte, als „unfriendly“ eingestuft. In der ersten Woche der Anhörungen wurden jedoch zunächst nur „Friendlies“ aufgerufen: Die Studio-Vertreter um Jack Warner und Louis Mayer betonten, dass ihre Filme stets nur amerikanische Werte vertraten, und Adolphe Menjou gab Buchempfehlungen zum Thema Kommunismus ab. Als Enttäuschung erwies sich der Auftritt von Superstar Gary Cooper, der während seiner Aussage in seine Paraderolle des wortkargen Helden verfiel.
Am Wochenende reisten dann Vertreter des CFA um Bogart an und nahmen ihren Platz im Saal ein. Sie hätten zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Erster Zeuge am Montag war nicht, wie angekündigt, MPAA-Chef Johnston, sondern der Ex-SWG-Chef und Drehbuchautor Howard Lawson, der den Kommunisten nahestand und den Ausschussmitgliedern höchst verdächtig erschien. Was von der CFA als Protest gegen die „Hetzkampagne“ des HUAC und als aktives Eintreten für Freiheitsrechte geplant worden war, sah nun plötzlich nach der Unterstützung eines überzeugten Kommunisten aus.
Lawson gab in der Folge die Strategie vor, der die anderen der „Unfriendly 19“ folgten: Er verweigerte nicht die Aussage, aber er antwortete auch nicht wirklich auf die ihm gestellten Fragen. Lawson und der Ausschussvorsitzende Thomas gifteten einander an, und Thomas hämmerte immer wieder aufs Pult, bis Chefermittler Robert Stripling die alles entscheidende Frage nach der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei stellte. Lawson holte zu einer weitschweifenden Antwort aus und wurde daher aus dem Zeugenstand entfernt. Anschließend präsentierte ein Ermittler Lawsons Parteiausweis. Nun warf der Ausschuss dem Zeugen offiziell Missachtung des Kongresses vor.
Während die „Unfriendlies“ Lawsons Beispiel folgten, war die Mehrzahl der Amerikaner schockiert von dem Schauspiel, das sich im Kapitol abspielte. Zu den wenigen von Presse und Publikum wohlwollend aufgenommenen Auftritten gehörte neben denen von Johnston und Reagan jener vom neuen SWG-Boss Emmett Lavery. Der Wortführer der Drehbuchautoren erklärte, es sei nicht seine Sache, die politischen Überzeugungen der Gilde-Mitglieder zu prüfen. Zwar fände er persönlich es albern, die Mitgliedschaft in
einer Partei zu leugnen, aber Amerika sollte etwas Besseres einfallen, als Kommunisten zu kriminalisieren. Ein Klima der Angst helfe wenig dabei, den „American Way of Life“ überzeugend zu vermitteln, betonte Lavery.
Als der Vorsitzende Thomas am neunten Tag der Anhörungen zur allgemeinen Überraschung deren Ende verkündete, obwohl erst elf der „Unfriendly 19“ gehört worden waren, feierten diese ihren vermeintlichen Sieg über den Ausschuss. Nur Bertolt Brecht reiste sofort ab. Und schnell zeigte sich: Die verbliebenen „Hollywood Ten“ hatten ihre Lage in jeder Hinsicht falsch eingeschätzt.
Am 24. November 1947 versammelte sich die MPAA im Waldorf-Astoria-Hotel in New York. Die zweitägige Diskussion endete mit der „Waldorf Declaration“. Die Studio-Bosse erklärten, dass die zehn vom Ausschuss als unkooperativ bewerteten Zeugen – Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten – durch ihr Verhalten ihren Arbeitgebern geschadet hätten. Daher werde man sie unverzüglich entlassen. Außerdem würden die Studios in Zukunft genau hingucken, wer für sie arbeite: „Wir werden nicht wissentlich einen Kommunisten beschäftigen.“
Noch am selben Abend erklärte Howard Koch, Autor des Film-Klassikers „Casablanca“ und einer der „Unfriendly 19“, dass er nicht Mitglied der CPUSA sei und es auch nie gewesen sei. Eine Woche später entschuldigte sich Humphrey Bogart öffentlich für das CFA. Man habe die Situation völlig falsch eingeschätzt.
Die „Hollywood Ten“ wurden nicht nur entlassen, sondern mussten wegen Missachtung des Kongresses Haftstrafen zwischen sechs Monaten und einem Jahr antreten. Als sie das Gefängnis wieder verließen, war China kommunistisch geworden, die Sowjets hatten die Atombombe, der Korea-Krieg hatte begonnen, und erster Kommunistenjäger im Land war der bis dahin unbekannte Senator Joseph R. McCarthy.
Nur wenigen der „Hollywood Ten“ gelang ein Comeback. Regisseur Edward Dmytryk landete 1954 mit der „Meuterei auf der Bounty“ einen Erfolg, Drehbuchautor Ring Lardner Jr. erst 1965 mit „Cincinnati Kid“. Einzig der erfolgreichste Drehbuchautor seiner Zeit, Dalton Trumbo, konnte unter Pseudonym fast wie zuvor weiterarbeiten. Seine Autorschaft für die Oscar-prämierten Originalgeschichten von „The Brave One“ und „Roman Holiday“ war ein offenes Geheimnis. 1960 benutzte Trumbo für „Exodus“ und „Spartacus“ wieder den eigenen Namen. Zunächst war das nicht unumstritten, aber der Erfolg von „Spartacus“ gab ihm recht. Als dann am 3. Februar 1961 US-Präsident John F. Kennedy eine Vorstellung des Films besuchte, war das Ende der Blacklist-Ära, der Zeit der Schwarzen Listen, gekommen: Wenn dem Präsidenten egal war, ob der Autor des Drehbuchs angeblich ein Kommunist war oder nicht, so schien es, dann konnte es auch allen anderen egal sein.
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