Auf künstlicher Intelligenz beruhende Chatbots können inzwischen verschiedenste Themen und Inhalte sehr gut erklären, einordnen und zusammenfassen. In Alltag, Schule, Studium und Beruf können sie dadurch enorm Zeit sparen und eine große Hilfe sein. Manche Berufe könnten zukünftig sogar ganz durch generative KI-Modelle ersetzt werden, selbst akademische Berufe in der Forschung, wie viele meinen. Auf einer kürzlich von Microsoft erstellten Liste stehen Historiker beispielsweise auf Rang 2 der austauschbaren Berufsgruppen.
Aber gelingt es künstlicher Intelligenz wirklich, Geschichtsexperten zu ersetzen, auch bei anspruchsvollen und ethisch schwierigen Themen wie dem Holocaust? Welche Inhalte gehen in der Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur möglicherweise verloren, wenn KI solche Themen zusammenfasst und vermeintlich Unwichtiges aussortiert?
Wie gut versteht KI Berichte von Zeitzeugen?
Dieser Frage ist der Historiker und Nationalsozialismus-Experte Jan Burzlaff von der Cornell University in Ithaca nachgegangen. Dafür stellten er und seine Studierenden dem Sprachmodell ChatGPT probeweise verschiedene Aufgaben zum Holocaust und zu den Zeitzeugenberichten von Überlebenden. Unter anderem sollte der Chatbot fünf persönliche Berichte zusammenfassen, die 1995 in La Paz, Krakau und Connecticut von Holocaust-Überlebenden aufgenommen wurden.
Das Ergebnis: Die KI berichtete zwar davon, dass die Betroffenen stark gelitten hatten. Sie verschwieg jedoch emotionale Details der Erzählungen und unterschlug damit das Ausmaß des Leides. Zum Beispiel erwähnte ChatGPT nicht, dass die Mutter der damals siebenjährigen Luisa D. sich 1942 auf der Flucht vor den Nazis selbst in den Finger schnitt, um ihre Tochter durch die Feuchtigkeit ihres Blutes vor dem Verdursten zu bewahren. „Dieser intimste, beängstigendste Moment – unaussprechlich und unvergesslich – wurde von einem Modell unsichtbar gemacht, das darauf trainiert ist, das Wahrscheinliche über das Tiefgründige zu stellen“, schreibt Burzlaff.
Der persönliche Horror von Luisa D. wurde so auf ein vernachlässigbares Ereignis unter vielen reduziert – weil es in keine bekannte Kategorie passte. Da menschliche Erfahrungen jedoch nie einheitlich sind und nicht unbedingt einem Muster folgen, können Algorithmen sie nicht richtig gewichten oder einordnen, so Burzlaff. Das Ergebnis sei ein entkoppelter und flacher Abklatsch der Realität, weil das Wesentliche und Herausragende fehle. Die KI schaffe es nicht, die unter den Worten versteckte, vielschichtige Bedeutung der Ereignisse zu verstehen und ihren emotionalen und ethischen Wert einzuordnen.





