Schon bald hatte er zahlreiche Visionen, unter anderem erschienen ihm die Jungfrau Maria und verschiedene Hei‧lige. Schließlich erhielt Jetzer gar von der Jungfrau die Stigmata. Damit nicht genug, begann im Juni 1507 die Pietà in der Marienkapelle der Klosterkirche blutige Tränen zu weinen und mit ihrem Sohn zu sprechen. Im September desselben Jahres erschien auf dem Lettner eine gekrönte Maria, die sich zu der in dieser Zeit heftig umstrittenen Frage der unbefleckten Empfängnis Marias äußerte. Die Figur behauptete, Maria sei in Erbsünde empfangen worden.
In der Stadt erregten all diese Vorfälle die Gemüter, erzeugten auch bei manchem Misstrauen. Hans Jetzer wurde an den Bischofssitz in Lausanne zum Verhör überstellt und bezichtigte dort die Vorsteher des Konvents, Prior Johannes Vatter, Lesemeister Stephan Boltzhurst, Subprior Franz Ueltschi und Schaffner Heinrich Steinegger, des Betrugs. Alle Erscheinungen hätten sie fingiert, die Stigmata und die blutigen Tränen aufgemalt.
Gegen die Angeschuldigten wurde ein Inquisitionsprozess durchgeführt. Am Ende stand die Verurteilung der vier Klostervorsteher, die auf der Schwellenmatte unterhalb der Stadt Bern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Hans Jetzer war zwar zur Verbannung verurteilt worden, konnte sich ihr aber durch Flucht entziehen.
Zentraler Auslöser für diese spektakulären Ereignisse war der erbitterte theologische Streit um die unbefleckte Empfängnis. Die Dominikaner gingen davon aus, Maria sei wie alle Menschen von der Erbsünde belastet, aber vor ihrer Geburt geheiligt worden. Die Franziskaner dagegen – und deren Meinung hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts fast allgemein durchgesetzt – postulierten die unbefleckte Empfängnis Marias. Dogmatisch war die Streitfrage noch ungeklärt und wurde erst 1854 zugunsten der unbefleckten Empfängnis entschieden.
Zahlreiche anonyme Flugschriften und Traktate griffen den, wie man sagte, „Jetzerhandel“ auf. Während die einen die Dominikaner vehement verteidigten und den Prozess kritisierten, sahen andere in den Abgeurteilten schnöde Betrüger. In der Reformationszeit aber wurde der gesamte Vorfall von der Reformationspropaganda als Beispiel für die Verlogenheit des katholischen Klerus insgesamt gedeutet.
Eine Edition von Romy Günthart (Zürich 2009) macht nach einem halben Jahrtausend erstmals wieder die beiden wichtigsten deutschsprachigen Prosaschriften zum „Jetzerhandel“ zugänglich, die kurz nach dem Urteil entstanden. Befürworter und Gegner der Dominikaner stehen sich gegenüber. Die Edition lässt so den spannenden Fall und seine kontroverse publizistische Aufbereitung im politischen und theologischen Kontext des 16. Jahrhunderts wieder aufleben.





