Das macht die Untersuchung von Korruptionsskandalen im deutschen Kaiserreich interessant, weil dessen Stabilität und Reformierbarkeit in den letzten Jahren wieder verstärkt diskutiert werden. Ein Befund springt direkt ins Auge: Im Gegensatz zur Weimarer Republik, in der Vorwürfe der Bestechlichkeit inflationär verbreitet waren, kann man diese im Kaiserreich fast mit der Lupe suchen.
Anna Rothfuss hat in ihrer Darmstädter Doktorarbeit nur zwei Phasen ausgemacht, in denen solche Vorwürfe öfter erhoben wurden: während der Reichsgründungszeit der 1870er Jahre, als Eisenbahn-Konzessionen und „Gründerkrach“ die Anlässe dazu boten, und seit 1906, als Unregelmäßigkeiten bei der Ausrüstung des deutschen Militärs in den Kolonien und daheim zum Thema wurden. Notgedrungen hat die Autorin deshalb für die Zeit dazwischen die Perspektive erweitert und auch untersucht, wie Korruptionsvorwürfe in Frankreich von politischen Milieus und Medien des deutschen Kaiserreichs aufgenommen wurden.
Es überrascht wenig, dass es vor allem oppositionelle Gruppen waren, die im kaiserzeitlichen Deutschland Korruption thematisierten. Nach Rothfuss nutzten zunächst hauptsächlich antiliberale und antisemitische Außenseiter die darin liegenden Möglichkeit zur Systemkritik; später sei es vor allem die SPD gewesen. Etwas unterbelichtet bleibt aber die Rolle linker Liberaler: Immerhin war es der Liberale Eduard Lasker, der 1873 den ersten Korruptionsskandal des Kaiserreichs um die Verwicklung von Bismarcks Berater Hermann Wagener in Eisenbahngeschäfte aufdeckte, und seine Gesinnungsgenossen stießen 1906 die Diskussion um den ersten einer neuen Reihe von Skandalfällen an.
Die Skandalisierung war insgesamt wohl weniger ausgeprägt als im benachbarten Frankreich und in der Weimarer Zeit, weil ein Angriff auf die Bürokratie in Deutschland vor 1918 auch ein potentieller Angriff auf den Kaiser war. Dass es sie trotzdem besonders in den 1870er Jahren und nach der Jahrhundertwende gab, zeigt die dynamischen Potentiale, die dem Kaiserreich bei aller Stabilität in diesen Zeiträumen innewohnten.
Rezension: Prof. Dr. Christoph Nonn
Anna Rothfuss
Korruption im Kaiserreich
Debatten und Skandale zwischen 1871 und 1914
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 376 Seiten, € 50,–





