Der Londoner Tower ist heute vor allem für seine königlichen Bewohner, die zahlreichen Hinrichtungen und als Aufbewahrungsort der englischen Kronjuwelen bekannt. Doch der mittelalterliche Palastkomplex umfasste auch Werkstätten, Küchen, Kapellen, Pubs, Büros und Unterkünfte für die Männer und Frauen, die im Tower arbeiteten. Seit dem Bau der ersten Festungselemente durch Wilhelm den Eroberer im elften Jahrhundert lebten hunderte solcher Arbeiter und “normale” Bürger in den Mauern des Towers.
Mehr als nur ein Königspalast
“Diese Festung war fast 1000 Jahre lang bewohnt, aber wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass es sich nicht nur um einen Palast, eine Festung und ein Gefängnis gehandelt hat, sondern auch um einen Wohnort derjenigen, die in seinen Mauern arbeiteten”, sagt Alfred Hawkins, Kurator von Historic Royal Palaces. Doch darüber, wie diese “normalen” Menschen im Tower lebten und wie es ihnen erging, war bislang kaum etwas bekannt. Denn im Gegensatz zu ihren royalen Mitbewohnern fand ihr Schicksal keinen Eingang in historische Dokumente. Während von vielen der im Tower hingerichteten Adeligen zudem die Gräber bekannt und teilweise untersucht sind, gilt dies für die einst dort Arbeitenden nicht.
Doch jetzt haben Archäologen erstmals zwei Skelette entdeckt, die von “normalen” Bewohnern des Towers stammen. Gefunden wurden sie unter dem Eingang der Kapelle Str. Peter ad Vincula, einer Kirche innerhalb der Festungsmauern. Diese Kapelle diente einst als Gemeindekirche, aber auch als Begräbnisort für einige im Tower hingerichtete Adelige, darunter Anne Boleyn und Catherine Howard, beides Frauen von Heinrich VIII. Wie die neuen Funde nun belegen, wurden im Umfeld dieser Kapelle offenbar auch einfache Towerbewohner bestattet. “Diese Ausgrabung hat neue Information und Artefakte zutage gebracht, die unsere Vorstellungen über die Entwicklung der Kapelle St Peter ad Vincula völlig verändern”, sagt Hawkins.
Frau und Kind aus dem “gemeinen Volk”
Bei den Funden handelt es sich um die weitgehend vollständigen Gebeine einer 35- bis 45-jährigen Frau und die Überreste eines etwa siebenjährigen Kindes. Die beiden Toten wurden flach auf dem Rücken liegend und mit den Füßen in Richtung Osten bestattet – ein Indiz dafür, dass sie nach christlichem Ritus beerdigt wurden, wie die Archäologen berichten. Reste von Sargnägeln im Umfeld des Frauenskeletts sprechen dafür, dass sie einst in einem Sarg bestattet wurde, während das Kind offenbar nur in ein Leichentuch gehüllt war. Aus diesen Merkmalen sowie einer Datierung von Materialien aus dem Umfeld der Gräber schließen die Forscher, dass die beiden Toten zwischen 1450 und 1550 bestattet wurden – zwischen den Rosenkriegen und der Regierungszeit von Edward VI, dem Sohn Heinrichs VIII.





