Als das deutsche Kaiserreich 1871 auf die Weltbühne trat, lief dort das komplexe, zuweilen dramatische Stück der modernen Staatspolitik schon eine ganze Weile. Die wichtigsten westeuropäischen Großmächte, das gerade auf dem Schlachtfeld besiegte Frankreich und das Vereinigte Königreich, waren schon lange zu Nationalstaaten mit imperialen Machtansprüchen gewachsen. Deutschland gilt daher vielen bis heute als „verspätete Nation“ (Helmuth Plessner). Allein: Eine deutsche Nation hat es schon Jahrhunderte vor dem Kaiserreich gegeben, nur nicht in einem nationalstaatlichen Rahmen.
Das Heilige Römische Reich und der Deutsche Bund waren staatenbündische Dachverbände, deren Glieder sich gleichzeitig als eigenständig und als deutsch verstanden. Die staatliche Gestalt dieser „Föderativnation“ (Dieter Langewiesche) blieb lange entwicklungsoffen. Die Einigungskriege beendeten zwischen 1864 und 1871 diese Offenheit. Auf den Schlachtfeldern von Düppeln, Königgrätz und Sedan wurde die Einheit der Nation nach und nach mit einem kleindeutschen Nationalstaat gleichgesetzt und so aus der Föderativ- eine Staatsnation.





