Max Weber nannte die griechische Polis eine „Kriegerzunft“. Näher als irgendwo sonst kommt sein Idealtypus der Realität in Sparta, dem antiken Kriegerstaat par excellence. Seine Bürger unterwarfen sich von Kindheit an rigidem, dem modernen Blick unbarmherzig anmutendem militärischem Drill, pflegten männerbündische Gemeinschaftsrituale und überließen die Landwirtschaft – überall sonst im antiken Griechenland der Broterwerb freier Bürger – den Heloten, den quasi-versklavten Bewohnern jener Gebiete, die das expandierende Sparta sich in seiner Frühzeit einverleibt hatte. Stadt und Landschaft haben bis heute in der Sprache ihren Platz behauptet: „Spartanisch“ und „lakonisch“ sind Begriffe, denen der Geschmack von Knappheit, Disziplin und Beschränkung anhaftet. Ganz Sparta scheint, auf den ersten Blick, ein einziges waffenstarrendes Heerlager gewesen zu sein. Daran ist manches wahr. Wirklich hatten die Spartaner ihre Wehrhaftigkeit, die im Prinzip auch die Bürger anderer Poleis kennzeichnete, zu solcher Perfektion gebracht, daß sie sie zu ihrer alleinigen Lebensgrundlage machen konnten. Über 200 lange Jahre hinweg war Sparta unangefochtene griechische Hegemonialmacht zu Lande. Doch gab es, wenigstens zu Anfang, auch ein anderes Sparta: das Sparta etwa des Tyrtaios, eines der großen Dichter des archaischen Griechenland. Freilich wurden die Spartaner, nach ihrem Triumph über die Messenier, zu Gefangenen ihres eigenen Erfolgs: Nur als denkbar radikalste Variante der „Kriegerzunft“ konnte das Kollektiv der Spartiaten überleben.
Den langen Weg, den Sparta aus dunklen Anfängen zur Vormacht von Hellas und zurück in die Obskurität eines tristen griechischen Provinznests zurücklegte, beschreibt jetzt einfühlsam und in klaren Linien der Bochumer Emeritus Karl-Wilhelm Welwei, bereits Verfasser zweier Standardwerke zur Geschichte Athens. Die große Stärke des Buches ist seine Verständlichkeit: Welwei setzt nichts voraus, erklärt alles und präsentiert obendrein noch geballtes Wissen auf neuestem Forschungsstand. So ist ihm ein Stück erzählende Geschichtsschreibung im besten Sinne gelungen, in die er immer wieder unaufdringlich strukturge?schichtliche Hintergründe einflicht. Das Geschehen in Sparta bettet Welwei in größere Zusammenhänge der griechischen und außergriechischen Geschichte ein, ohne doch den Bogen zu überspannen.
Wir haben gelernt, in der Antike mit Uvo Hölscher „das nächste Fremde“ zu sehen. Selbst in vollem Bewußtsein von Hölschers Mahnung, die vor allzu voreiliger Gleichsetzung mit der Moderne warnen möchte, springen den kritischen Zeitgenossen bei der Lektüre von Welweis Buch die Déjà-vu-Erlebnisse förmlich an. Sparta verspielte, mit seinem Beharren auf brachialer Machtpolitik, den im Peloponnesischen Krieg unter unsäglichen Mühen errungenen Sieg. Leeres Freiheitspathos im Kriegszielprogramm, Gängelung der Bundesgenossen und schnöder Unilateralismus der einzig verbliebenen helleni?schen Supermacht vernichteten ein in Jahrhunderten erworbenes Kapital in wenigen Jahren, wofür Sparta bei Leuktra die Quittung erhielt. Vollends sägten sich die Spartaner den Ast ab, auf dem sie saßen, als sie sich weigerten, die demographische, soziale und militärische Katastrophe vor Augen, die nötigen Reformen im Innern in Angriff zu nehmen. Die von Welwei meisterlich beschriebene Tragik einer griechischen Supermacht, deren größter Erfolg bereits den Keim zum Untergang in sich trug, ist ein Grund mehr, sich intensiv auf die Geschichte Spartas einzulassen.




