Die Blutsuppe, die brutale Erziehung im Kollektiv, das Opfer der Männer um Leonidas bei den Thermopylen – es sind solche Vorstellungen, die stets die historische Phantasie angeregt haben und das Sparta-Bild in der breiten Öffentlichkeit bestimmen. Die moderne Forschung ist da zurückhaltender. Denn woher kommt unser Wissen? Hauptsächlich von antiken Quellenautoren, denen daran gelegen war, ihr Publikum mit dem Bild einer möglichst eigenartigen griechischen Polis zu beeindrucken. Die Spartaner selbst haben fast nichts hinterlassen. Zuverlässige Informationen sind, das wird immer deutlicher, rar; hinter vieles, was man früher gerne geglaubt hatte, muß man heu?te ein Fragezeichen setzen. Für eine nüchterne, Sparta entzaubernde Betrachtungsweise steht auch Lukas Thommens Einführung in die spartanische Verfassungs- und Sozialgeschichte, die einen Überblick über die allgemeine Geschichte bietet. Wie die meisten heutigen Forscher betrachtet er das frühe Sparta als eine gewöhnliche griechische Stadt, als eine Stadt, die durchaus das Flair eines aristokratischen Lebensstils und einer verfeinerten Kultur bot. Wann aber begann der Sonderweg Spartas, den man nicht völlig leugnen kann? Im 7., im 6. oder erst im 5. Jahrhundert v. Chr.? Die meisten Gelehrten tendieren zu einem der früheren Daten, Thommen dagegen plädiert für das 5. Jahrhundert. Er hat schon in früheren Publikationen be?denkenswerte Argumente für diese These vorge?tragen, auf die er hier zurückgreift. Unumstritten sind seine Überlegungen allerdings keineswegs – was leider in dem Buch nicht deutlich wird. Denn es bietet zwar eine exzellente Bibliographie, verzichtet jedoch weitgehend auf eine Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur. Gleichwohl ist das Buch für Studierende, Lehrer und ernsthaft interessierte Laien durchaus empfehlenswert, aber auch für den Fachgelehrten als Übersicht hilfreich: Es ist klar und in souveräner Kenntnis des Gegenstandes geschrieben. Sinnvollerweise beschränkt Thommen sich nicht auf das frühe und das klassische Sparta, sondern erschließt auch die späteren Epochen, den Hellenismus und die Kaiserzeit bis zum 1. Jahrhundert. Dies wird auch jenen nützen, die Sparta aufsuchen wollen, denn der größte Teil der Überreste dort stammt aus jenen späteren Zeiten. Erfreulich ist die Aufnahme von Abbildungen, doch wird das Verdienst durch deren miserable Qualität erheblich geschmälert. Dieses Versäumnis in der Herstellung sollte den Leser indes nicht von der Leistung des Autors ablenken.
Rezension: Leppin, Hartmut





