Die Beteiligung aller Künste an der Konstruktion einer neuen Ästhetik des Alltäglichen war das Ziel. Fotografie und Film, Mode und Design, Tanz und Literatur, Malerei und Skulptur, Architektur und Musik – es gab keine Kunstrichtung, mit der die Futuristen sich nicht befasst haben. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ermöglichte der Futurismus der italienischen Kunst, sich in die bedeutendsten avantgardistischen Strömungen einzureihen, die in Europa – insbesondere in Frankreich und Deutschland – bereits existierten. Mit seinem Interesse an einer Revolutionierung aller Künste war der Futurismus für Italien einerseits eine künstlerische Bewegung, zugleich jedoch auch eine neue Art, das kulturelle Leben eines Landes zu konzipieren, welches sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Situation starker sozialer und wirtschaftlicher Rückständigkeit und tiefer Gegensätze befand.
Die Ausstellung „Sprachen des Futurismus“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut und dem Museo d’Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), in dessen Sammlung sich über 4000 futuristische Werke befinden, darunter Meisterwerke von Carrà, Severini, Russolo und Balla, und das über ein umfangreiches Archiv von Dokumenten und Büchern der wichtigsten Vertreter der Avantgarde verfügt. Zum Museum und Studienzentrum gehört auch das Casa Museo Depero, erstes futuristisches Museum Italiens, das von Fortunato Depero selbst begründet und in Zusammenarbeit mit der Stadt Rovereto 1959 eröffnet wurde. Die Direktorin des Museums, Gabriela Belli, kuratiert für Berlin die Ausstellung. Die Zusammenarbeit mit dem MART ermöglicht eine Präsentation, welche die künstlerischen Ausdrucksformen des Futurismus in ihrer gesamten Breite – von der Malerei und Architektur bis hin zur Literatur – darstellt.
Die Berliner Ausstellung beginnt mit einem einleitenden Teil, der sich den Umwälzungen in der Malerei zuwendet, die von der historischen Kerngruppe der Futuristen um Boccioni, Balla, Severini, Russolo, Soffici und Carrà vorangetrieben wurden. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt jedoch auf den Innovationen, die nach Boccionis Tod im Jahre 1916 eine neue, außerordentlich kreative Epoche des Futurismus kennzeichneten. Mit dem Manifest Futurista dell’Universo“ (Futuristische Rekonstruktion des Universums), das von Balla und Depero im März 1915 veröffentlicht wurde, erfasst die futuristische Ästhetik mit alle Dimensionen der Alltagswelt und greift auf viele Aspekte des Lebens – auch jenseits der bildenden Kunst – über.
Vor allem in den Werken der Futuristen der zweiten Generation – wie Balla, Severini, Soffici, Depero, Prampolini, Crali und Thayaht – realisiert sich die Absicht alle Ausdrucksformen der Kunst einzusetzen, vom Design bis zur Werbung, von der Mode bis zur Kochkunst, um auf „futuristische“ Weise Probleme des Alltags zu lösen. Die Präsentation in Berlin bietet somit die Möglichkeit mehr über jene Aspekte des Futurismus zu erfahren, die weniger bekannt sind als die Werke des Futurismus in der Malerei. Dem Futurismus eine Ausstellung in Berlin zu widmen ist nicht zuletzt deshalb von besonderer Bedeutung, da Berlin für die Futuristen und die Verbreitung ihrer revolutionären Ideen in Deutschland durch das Engagement Herwarth Waldens (1887–1941) eine wichtige Rolle spielte.





