Die drei eisernen Gitterkäfige in den Türmen der Lambertikirche zu Münster waren und sind weithin sichtbar. Ihre Funktion – so beschrieb es der Lutheraner Antonius Corvinus im Jahr 1536, kurz nach dem Ende der Täuferherrschaft – bestand darin, „ein fortdauerndes Andenken“ zu stiften und „allen unruhigen Geistern zur Warnung und Schrecken zu dienen, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten und wagten“. Diese Aufgabe haben die mit verwesenden Leichen zur Schau gestellten Behältnisse offenkundig erfüllt. Das täuferische „Reich-Gottes-Projekt“, das die Bischofsstadt an der Aa zwischen Frühjahr 1534 und Sommer 1535 in Atem hielt und ins Zentrum der zeitgenössischen publizistischen Aufmerksamkeit katapultierte, blieb in der Geschichte der frühen Neuzeit und auch seither ohne Nachahmer.
In der regionalen Erinnerungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts fungierte das Täuferreich als Symbol eines politischen Terrorsystems, um vor dem Einfluss extremistischer Gruppierungen zur Rechten oder zur Linken zu warnen. Kommunisten ebenso wie Nationalsozialisten wurden von braven katholischen Westfalen als Wiedergänger der radikalen Antiklerikalisten aus dem frühen 16. Jahrhundert identifiziert. Doch wofür steht das Phänomen des „Münsteraner Täuferreichs“, wenn man es in seinem historischen Kontext zu verstehen versucht?





