Im westfälischen Münster gelangten 1534 Vertreter der innerkirchlichen Reformbewegung der Täufer an die Macht. Angeführt von Jan Matthijs und Jan van Leiden, radikalisierte sich die Bewegung. In kürzester Zeit verwandelte sich die Stadt in ein theokratisches Terrorregime. Wie kam es dazu?
Letzter kostenloser Artikel3/3
Die drei eisernen Gitterkäfige in den Türmen der Lambertikirche zu Münster waren und sind weithin sichtbar. Ihre Funktion – so beschrieb es der Lutheraner Antonius Corvinus im Jahr 1536, kurz nach dem Ende der Täuferherrschaft – bestand darin, „ein fortdauerndes Andenken“ zu stiften und „allen unruhigen Geistern zur Warnung und Schrecken zu dienen, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten und wagten“. Diese Aufgabe haben die mit verwesenden Leichen zur Schau gestellten Behältnisse offenkundig erfüllt. Das täuferische „Reich-Gottes-Projekt“, das die Bischofsstadt an der Aa zwischen Frühjahr 1534 und Sommer 1535 in Atem hielt und ins Zentrum der zeitgenössischen publizistischen Aufmerksamkeit katapultierte, blieb in der Geschichte der frühen Neuzeit und auch seither ohne Nachahmer.
In der regionalen Erinnerungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts fungierte das Täuferreich als Symbol eines politischen Terrorsystems, um vor dem Einfluss extremistischer Gruppierungen zur Rechten oder zur Linken zu warnen. Kommunisten ebenso wie Nationalsozialisten wurden von braven katholischen Westfalen als Wiedergänger der radikalen Antiklerikalisten aus dem frühen 16. Jahrhundert identifiziert. Doch wofür steht das Phänomen des „Münsteraner Täuferreichs“, wenn man es in seinem historischen Kontext zu verstehen versucht?
Die Bewegung der Täufer nimmt in Zürich ihren Anfang
Was in Münster geschah, war das Ergebnis einer sehr spezifischen Konstellation. Und doch zeigte sich hier exemplarisch, welche Sprengkraft religiöse Ideen im Zeitalter der Reformation entfalten konnten, wenn sie politisch umgesetzt und damit die bestehenden Herrschaftsstrukturen grundsätzlich in Frage gestellt wurden. In Münster realisierte sich nämlich, was sonst nur im Märchen geschieht: dass der kleine Mann König ward und sein Schicksal und seine Religion in die eigenen Hände nahm. Doch Münster wurde auch zum Anlass für eine grundlegende Neuerfindung des Täufertums als fortan überwiegend pazifistische Bewegung.
Drei Anfänge der sich in Münster verflechtenden Erzählfäden kommen von weit her: aus Zürich, aus Straßburg und aus den Niederlanden. Mit dem Namen der Stadt Zürich verbinden sich die Anfänge einer sich verselbständigenden Gruppe von Täufern. Denn hier wurden im Januar 1525 die ersten Glaubenstaufen – also Taufen von Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden – vollzogen. Die Akteure entstammten vorwiegend dem Kreis früherer Anhänger des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli (1484–1531), die an seinem als kompromisslerisch empfundenen Kurs gegenüber dem städtischen Magistrat irregeworden waren. In Bezug auf Fragen der Gottesdienst-Reform, der Abschaffung des Zehnten und der Bilder in den Kirchen warfen sie Zwingli mangelnde Konsequenz vor. Dass die politische Obrigkeit in der Stadt an der Limmat als maßgebliche Steuerungsinstanz der kirchlichen Veränderungen agierte, lehnten sie ebenfalls ab. Es erschien ihnen auch als unbotmäßig, als Anschlag auf ein autonomes, mündiges Gemeindechristentum, dass der Zürcher Rat die Taufe von Säuglingen per Mandat befahl.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Schwäbische Alb: 40.000 Jahre alte Vogelfiguren entdeckt
30. Juli 2026
Archäologen haben in der Hohle-Fels-Höhle zwei kleine, aber filigran ausgearbeitete Vogelfiguren aus Mammutelfenbein entdeckt. SIe sind rund 40.000 Jahre alt.
Geschichte & Archäologie
Fußspuren zeigen: Paranthropus war größer als gedacht
28. Juli 2026
Bisher galt der Vormensch Paranthropus boisei als ein kleinerer, primitiverer Zeitgenosse des Homo erectus. Doch in Kenia entdeckte Fußspuren widerlegen dies.
Von Zürich aus trugen die ersten Täufer ihre Lehren in die Welt. In Waldshut gelang es dem vom Täufermissionar Wilhelm Reublin (um 1484–1559) bekehrten und getauften Balthasar Hubmeier (um 1485–1528), einem der fortan führenden moderaten Theologen und Publizisten des frühen Täufertums, mit Hilfe des dortigen Rates eine täuferische Stadtreformation durchzuführen. Später glückte ihm im mährischen Nikolsburg (Mikulov) Ähnliches: eine täuferische Territorialreformation. In gewissen Grenzen hatte das Täufertum an der Typenvielfalt reformatorischer Prozesse teil.
Die Zürcher Täufer standen mit zwei Dissidenten der Wittenberger Reformation in Kontakt: mit Thomas Müntzer (um 1489–1525) und Andreas Bodenstein (1486–1541), genannt Karlstadt. Beide hatten die seit der Spätantike übliche Säuglingstaufe zu kritisieren begonnen und praktizierten sie dort, wo sie pastoral wirkten, wohl nicht mehr. Nach dem Bauernkrieg (1524 –1526), einem Aufbegehren aus wirtschaftlichen und religiösen Gründen, blieb die apokalyptische Theologie des 1525 hingerichteten Müntzer wirksam, vor allem, was das Verständnis der Taufe als einem endzeitlichen Bekenntnis anging.
Bauernkriegsveteranen wie der ehemalige Nürnberger Schulmann Hans Denck, der thüringische Kürschner Hans Römer oder der Buchführer Hans Hut aus dem fränkischen Bibra ließen sich taufen und trugen zur Bildung geheimer Vereinigungen (Konventikel) bei. Da man sich am Ende der Zeiten wähnte, kursierten Berechnungen des nahen Endes. Dem vermeintlich heiligen „Rest der Getauften“ kam in den imaginierten Szenarien zumeist eine Schlüsselrolle zu – und zwar bei der „Vernichtung der Gottlosen“, die der Wiederkunft Christi und dem Beginn seines Reiches vorausgehe.
Gelegentlich phantasierte man sogar über eine Kollaboration mit den Türken, die den Täufern helfen und am Ende Christen werden würden. Dass die „Wiedertaufe“ – so der zeitgenössische polemische Begriff, der dem Selbstverständnis der Täufer widersprach, da eine Taufe im Säuglingsalter für sie keine gültige Taufe war – als politischer Aufruhr galt und seit einem Mandat des Speyrer Reichstags von 1529 mit der Todesstrafe belegt war, hing entscheidend mit der apokalyptischen Dynamik der Bewegung unter den Erben Müntzers zusammen.
Der Versuch Hans Römers (gest. um 1535), die Herrschaft über Erfurt zu erringen, nahm in mancherlei Hinsicht vorweg, was etwa sechs Jahre später in Münster geschah: In Erwartung der Wiederkunft Christi im Sommer 1528 drang er mit einer Truppe Bewaffneter in Erfurt ein und predigte vor der Stiftskirche St. Marien. Währenddessen sollten weitere Getreue die Kurien der Stiftsherren auf dem Domberg in Brand stecken – das Fanal zur Abschlachtung der „großen Hansen und der Klerisei [des Klerus]“. Daraufhin sollte ein „ewiger Rat“ eingesetzt werden, um von der thüringischen Metropole aus ein theokratisches Gottesreich zu verbreiten. Durch Verrat des Plans aber wurde eine Täuferherrschaft in Erfurt vereitelt.
Straßburg: Melchior Hoffman und und die „Herrschaft der Heiligen“
Ein zweiter in die Geschichte des Täuferreichs von Münster eingeflochtener Erzählfaden nimmt seinen Anfang in Straßburg. Der in den frühen 1520er Jahren wahrscheinlich durch reformatorische Flugschriften religiös erweckte Schwäbisch Haller Kürschner Melchior Hoffman (um 1495–1543) hatte sich nach einer bewegten Lebensphase als charismatischer Wanderapostel und Laienprediger (Prädikant) in Livland, Schweden, Kiel und – hier gemeinsam mit Karlstadt – in Ostfriesland seit dem Frühsommer 1529 in der elsässischen Reichsstadt niedergelassen.
In seinen Wanderjahren war Hoffman von einem Anhänger Luthers zusehends zu einem Gegner der Lutheraner geworden; die Vorstellung einer leiblichen Gegenwart Christi in den Elementen des Abendmahles, die Säuglings- oder Kindertaufe, aber auch eine von den weltlichen Obrigkeiten und in deren Diensten stehenden Amtsgeistlichen verantwortete Umgestaltung des Kirchenwesens lehnte er – wie die meisten Täufer – immer deutlicher ab.
Da der Straßburger Rat gegenüber abweichenden Geistern weitgehend liberal agierte, war die Stadt zu einem Zentrum von Täufern und Spiritualisten sowie Schwärmern und religiösen Eigenbrödlern aller Art geworden. Hoffman nahm mancherlei Anregungen, auf die er in den geheimen Milieus der Reichsstadt stieß, in sich auf. Für seine weitere Entwicklung wurde vor allem der Kontakt mit dem Tagelöhner und Holzfäller Lienhard Jost und dessen Ehefrau Ursula, die den Mittelpunkt eines Kreises von „Straßburger Propheten“ bildeten, wegweisend.
Hoffman schrieb deren Visionen nieder und publizierte sie. Einige spiegelten Erfahrungen des Bauernkriegs wider. Im Vorfeld der nahe geglaubten Wiederkunft Christi erwarteten sie eine dramatische Reinigung der Welt von den Gottlosen, insbesondere den vermeintlich antichristlichen „Pfaffen“ aus römischer, lutherischer und reformierter Kirche. In einem dem Reich Christi vorangehenden apokalyptischen Endkampf würden die Reichsstädte unter Führung Straßburgs gegen den Kaiser, den Papst und die „klerikalen Irrlehrer“ streiten. Die irdische „Herrschaft der Heiligen“, die in der elsässischen Reichsstadt entstehen werde, sollte unter führender Beteiligung der Täufer errichtet werden.
Im Frühjahr 1530 war ein Kommentar Melchior Hoffmans zur Johannes-Offenbarung in einem Straßburger Druck erschienen, der die oben skizzierten Gedanken enthielt. Hoffman geriet allerdings vornehmlich wegen einer Titelbordüre in die Fänge der Zensur: Eine Darstellung der „Hure Babylon“ (Apokalypse 17) mit päpstlicher Tiara, die von einem bekrönten Monarchen angebetet wurde, erschien den Straßburger Behörden als Schmähung des Reichsoberhauptes. Den Konsequenzen einer Verurteilung entzog sich Hoffman, der sich als endzeitlicher Wiedergänger des von Gott entrückten Propheten Elia (2. Könige 2, 11) verstand, durch Flucht. Zwischen 1530 und 1532 agitierte er in Friesland oder in Emden sowie in den Niederlanden.
Niederländische Täufer zieht es nach Münster
Damit setzt der dritte Anfang eines nach Münster führenden Erzählfadens ein, und zwar in den Niederlanden. Hoffmans Missionspropaganda in Norddeutschland und den Niederlanden war recht erfolgreich. Er gewann eine große Anhängerschaft – für diese kam die Bezeichnung Melchioriten auf. Wie es scheint, hatte Hoffman aus Sicherheitsgründen für den begrenzten Zeitraum von zwei Jahren auf Taufen verzichtet. Bei seiner Rückkehr nach Straßburg im Frühjahr 1533 erwartete er offenbar, dass die Endzeit beginnen werde; die elsässische Reichsstadt sollte das neue Jerusalem werden. Doch stattdessen wanderte Hoffman ins Gefängnis, in dem er 1543 starb.
Unter den niederländischen Anhängern Hoffmans erwartete man offenbar, dass er binnen eines halben Jahres freikommen und als neuer Elia mit einem gewaltigen Heer aus 144 000 Heiligen, Predigern und Aposteln aus Straßburg ausziehen und die Gottlosen vernichten werde. Bereits vor Ablauf dieses Zeitraums erhob sich unter den Melchioriten in Haarlem ein Bäcker namens Jan Matthijs, der beanspruchte, der von Gott entrückte (1. Mose 5, 24), nun wiedergekommene Prophet Henoch zu sein. Er hob das Taufmoratorium Hoffmans auf und führte unter seinen Anhängern endzeitliche „Versiegelungstaufen“ durch, die diese im Endgericht bewahren sollten. Sodann entsandte er apostolische Sendboten in verschiedene Richtungen und Orte. Unter denjenigen, die sich ins westfälische Münster gewandt hatten, war auch der spätere Täuferkönig Jan van Leiden.
Die positive Resonanz, auf welche die täuferischen Emissäre in Münster stießen, verstärkte den Zustrom aus den Niederlanden. Hoffman und Straßburg gerieten in den Hintergrund; die Überzeugung, dass in der westfälischen Metropole das neue Jerusalem entstehen werde, brach sich Bahn. Auch die Entwicklung, welche die Reformation hier genommen hatte, begünstigte dies – insofern liegen einige Motive und Ursachen, die zum „Täuferreich“ führen sollten, in Münster selbst.
Unter dem Einfluss des Predigers Bernhard Rothmann (1495–nach 1535), des wichtigsten Exponenten der reformatorischen Entwicklung in Münster, der zunächst von Luther, dann aber auch von Martin Bucer (1491–1551) in Straßburg geprägt worden war, wandte sich die Stadt bis zum Spätsommer 1532 dem evangelischen Bekenntnis zu. Dem Rat gehörten mehrheitlich Anhänger der „neuen Lehre“ an; außer dem Dom und den Ordenskirchen wurden nun alle Pfarrkirchen mit evangelischen Predigern besetzt. In einem Vertrag des Rates mit dem bischöflichen Stadtherrn Franz von Waldeck wurden die neuen Kirchenverhältnisse im Frühjahr 1533 übergangsweise, bis zu einem Konzil, anerkannt.
Unter dem Einfluss einer nach Münster gelangten radikalreformatorischen Gruppe, die als „Wassenberger Prädikanten“ bezeichnet werden und aus der Gegend um Jülich stammten, begann Rothmann allerdings 1532/33 seine bisher eher konservative Theologie zu revidieren. Die lutherische Abendmahlslehre, aber auch die Kindertaufe waren Rothmann zweifelhaft geworden. Unter diesen Bedingungen fiel die religiöse Propaganda der niederländischen Melchioriten auf fruchtbaren Boden. Binnen weniger Tage ließen sich 1400 Personen taufen, unter ihnen im Januar 1534 auch Rothmann selbst.
Weitere Taufgesinnte, vor allem aus der Niederlanden, strömten nun in Erwartung endzeitlicher Ereignisse in die Stadt. Lutheranern und Katholiken blieb nur das Exil. Als Ausdruck einer endzeitlichen Bußgesinnung brachen manche der Getauften mit ihrem verweltlichten Leben und verteilten ihren Besitz unter die Armen. Bei Ratswahlen am 23. Februar 1534 obsiegte die Partei der Täufer.
Radikale Reformen in baldiger Erwartung des Endes der Zeiten
Nun setzte eine konsequente Transformation des Gemeinwesens ein. Der Empfang der Taufe wurde obligatorisch. Privateigentum wurde abgeschafft, Besitzurkunden vernichtet, Lebensmittel kollektiviert, eine kommunale Armenversorgung eingeführt. Mit Erscheinen des Propheten Jan Matthijs wurde der Rat entmachtet; die durch Truppen des Bischofs und seiner Verbündeten belagerte Stadt wurde nun von zwölf Presbytern geführt. Bilder und Konzepte des Alten Testaments, aber auch aktuelle prophetische Offenbarungen dienten als normative Orientierungsmaßstäbe. Als Jan Matthijs am Ostersamstag (4. April 1534), dem Tag des erwarteten Weltendes, bei einer militärischen Aktion vor den Toren der Stadt ums Leben kam, übernahm der durch vermeintliche Offenbarungen legitimierte Schneidergeselle Jan Beukelsz aus Leiden die Führung.
Münster sollte nun als neues Jerusalem nach dem Vorbild der Hauptstadt des davidischen Reiches umgestaltet werden. Im September 1534 erfolgte Jan van Leidens Proklamation als endzeitlicher König Israels. Sein durch Sendboten verbreiteter Herrschaftsanspruch bezog sich auf die ganze Welt. Das Königswappen zeigte zwei den Reichsapfel durchbohrende Schwerter; sie symbolisierten, dass der König über beide Gewalten, die weltliche wie die geistliche, verfügte.
Ein Hofzeremoniell, Insignien, Rituale, Prunkgewänder aus umgeschneiderten liturgischen Gewändern und eigene Zahlungsmittel wurden eingeführt. Jedes Mitglied des endzeitlichen Gottesvolkes wurde in Listen verzeichnet und erhielt eine Münze alsZugehörigkeitssymbol. Der ehemalige Bürgermeister Bernhard Knipperdolling fügte sich der Königsherrschaft van Leidens ein und exekutierte drakonische Strafen. Auf dem Domplatz wurden Abendmahlsfeiern zelebriert, die die Zusammengehörigkeit, aber auch kollektive Kampf- und Leidensbereitschaft auf dem Weg ins nahe bevorstehende Gottesreich einübten. Die Gütergemeinschaft galt nun allgemein; auch die Verpflegung wurde kommunalisiert. Angesichts eines dramatischen Frauenüberschusses (rund 70 Prozent der etwa 8000 Einwohner) sollten polygame Ehen sicherstellen, dass (gemäß Epheser 5, 22 f.) über jede Frau ein Mann herrschte.
Die Ernährungssituation in der Stadt verschlechterte sich dramatisch. Nachdem die Täufer am 26. Juni 1535 militärisch besiegt wurden – zwei Überläufer hatten den gegnerischen Truppen einen Schleichweg in die Stadt gewiesen –, verbreiteten die Sieger Horrorbilder des gescheiterten „Reich-Gottes-Projektes“: Nachdem das Getreide aufgebraucht gewesen sei, habe man sich von Katzen, Hunden und Mäusen ernährt, und der König habe barbarisch gewütet.
Der blutige Ausgang in Westfalen verändert die Bewegung
Münsters Täuferreich wurde in der zeitgenössischen Publizistik und in der weiteren Erinnerungskultur zum Menetekel von Grenzüberschreitungen und Tabubrüchen: Bisher weithin unstrittige Herrschaftsstrukturen, Normen, symbolische Ordnungen und Trennlinien zwischen Himmel und Erde, geistlicher und weltlicher Gewalt, Zeit und Ewigkeit waren verletzt oder aufgehoben worden. Der Schwere des Ordnungsverlustes entsprach eine brutale Siegerjustiz des bischöflichen Stadtherrn, die auf Abschreckung setzte: Jan van Leiden sowie seine engen Mitstreiter Bernhard Krechting und Bernhard Knipperdolling wurden monatelang gefangen, gefoltert und verhört, bis man sie im Januar 1536 mit glühenden Zangen zu Tode marterte. Ihre Leichen wurden weithin sichtbar in drei eisernen Käfigen aufgehängt.
Für das Täufertum zeitigte das gescheiterte „Reich-Gottes-Projekt“ von Münster dauerhafte Folgen. Denn nun traten Kräfte in den Vordergrund, die sich von jedem Zugriff auf weltliche Herrschaft, ja von jeder direkten Partizipation an weltlicher Gewalt distanzierten und gegenüber neu auftauchenden apokalyptischen Visionen skeptisch waren. Unter dem prägenden Einfluss des ehemaligen Priesters Menno Simons (1496 –1561) aus dem friesischen Witmarsum entstand eine dezidiert pazifistische Spielart des
täuferischen Christentums, die sogenannten Mennoniten.
Indem diverse täuferische „Sekten“ und freikirchliche Richtungen, die sich im 16. und 17. Jahrhundert gebildet hatten – neben den Mennoniten etwa die „Schweizer Brüder“, die Hutterer, die Amischen, auch die spiritualisch-antisakramentalen Schwenckfelder – nach Nordamerika auswanderten, übten sie einen erheblichen Einfluss auf die religionskulturelle Sonderentwicklung der Neuen Welt aus. Vielfach galten die in Europa Verfolgten als früheste Repräsentanten einer religiösen Toleranzidee, die seit der Aufklärung ins allgemeinere Bewusstsein und nach und nach auch in die Kodifikationen der Menschenrechte eindrang. Insofern hat das in sich vielfältige täuferische Christentum, welches das Münster’sche Trauma verarbeitete, auf verschlungenen Wegen entscheidend zur Religionsrechtskultur der westlichen Moderne beigetragen.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Krieger des Mahdi
27. Juli 2026
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Geschichte & Archäologie
Halle: Silbermünzen-Hort aus der römischen Republik gefunden
23. Juli 2026
Silbermünzen aus der Zeit der römischen Republik sind in Mitteldeutschland rar. Umso spannender ist ein Hortfund von fünf Silberdenaren aus jener Zeit in Halle…