Bereits von seinem Großvater erhielt Qianlong eine besondere Förderung. Kangxi nahm ihn auf Jagdausflüge mit und ließ ihn von den berühmtesten Gelehrten des Reichs unterrichten. So entwickelte sich Qianlong zu einem geschickten Reiter und Militärführer und wurde mit der chinesischen Kultur bestens vertraut. Später trat er als Dichter, Kalligraph und Maler in Erscheinung. Seinen Großvater, dem es gelungen war, die Herrschaft der aus der Mandschurei stammenden Dynastie in China zu festigen und der in Europa zum Vorbild eines „aufgeklärten Monarchen“ stilisiert wurde, verehrte Qianlong ein Leben lang. Als besonderes Zeichen seiner „vollkommenen Pietät“ gegenüber Kangxi galt Qianlongs Entschluss, 1796 offiziell abzudanken, um nicht die 60-jährige Herrschaftszeit des Großvaters zu übertreffen. Die faktische Macht hatte er freilich bis zu seinem Tod drei Jahre später inne.
Qianlongs Anspruch, Herrscher über alle Völker des Qing-Imperiums zu sein, kam in seiner breiten Bildung und in der Förderung der Kulturen seiner Untertanen zum Ausdruck. Mit Mandschurisch, Chinesisch, Mongolisch, Uigurisch und Tibetisch beherrschte er alle offiziellen Sprachen seines Vielvölkerimperiums. Besonders widmete Qianlong sich der Stärkung des Erbes der eigenen Mandschu-Kultur, indem er Wörterbücher, Geschichtswerke und Genealogien in Auftrag gab, in denen die Geschichte und die Kultur der Mandschu glorifiziert wurden. Ausstellungen des heutigen Palastmuseums weisen ihn als einen leidenschaftlichen Kunst- und Antiquitätensammler aus.
Mit Qianlongs Namen verbindet sich nicht zuletzt die Zusammenstellung der größten Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts, der „Sämtlichen Schriften in vier Schatzkammern“ (Siku quan-shu). Das Projekt, an dem 15 000 Gelehrte aus dem ganzen Land beteiligt waren, begann 1773 mit einer Bestandsaufnahme der chinesischen Tradition. Von den erfassten 10 860 Schriften wurden allerdings nur 3593 Werke in die gigantische Edition aufgenommen. 2400 Schriften fielen der kaiserlichen Zensur zum Opfer und wurden vernichtet; kulturelle Leistung war also eng mit literarischer Inquisition verbunden. Eine systematische Erfassung des Wissens in seinem Imperium gehörte für Qianlong ebenso zur monarchischen Herrschaftspraxis wie militärische Eroberung und politische Kontrolle.
Wegen seiner vielseitigen Interessen und seiner Tatkraft ging der Monarch als „weiser Herrscher“ in die chinesische Geschichtsschreibung ein. Er verkörperte sowohl chinesische als auch mandschurische Herrscherideale. Von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht soll er sich den Staatsgeschäften gewidmet haben. Dieses Bild wurde auch den europäischen Gesandten am Kaiserhof vermittelt. Johann Christian Hüttner, der deutsche Begleiter der britischen Macartney-Mission von 1793, schwärmte: „Er steht allzeit des Morgens um zwei Uhr auf, betet in einem Lama-Tempel und widmet fast den ganzen übrigen Tag den Regierungsgeschäften. Seine genaue Kenntnis des Reichs, der Sitten und der immer wiederkehrenden Ereignisse macht, dass er trotz aller meist glücklichen Mühe der Minister, ihn zu betrügen, oft Fehler entdeckt und die vielen Glieder, durch welche die Regierung des Landes verwaltet wird, vom ersten Minister an bis zum untersten Mandarin, in Achtung hält.“





